Deutsch-amerikanischer Zwist Putins heimliche Freude

Steuert der russische Geheimdienst die Snowden-Enthüllungen? Auch wenn es dafür keinen Beweis gibt, profitiert Putin von der NSA-Affäre. Seit Jahren träumt er davon, einen Keil zwischen Deutsche und Amerikaner zu treiben.

Russlands Präsident Putin: Atemberaubender Coup des Kreml?
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Russlands Präsident Putin: Atemberaubender Coup des Kreml?

Von , Moskau


Neulich, als es nach der enthüllten Spähattacke auf Angela Merkels Handy im Abendprogramm von Radio Echo Moskau um Edward Snowden ging, kannte der Gast kein Halten mehr. "Snowden ist Putins Waffe", rief Alexander Prochanow. Er ist Chefredakteur der nationalpatriotischen Zeitung "Sawtra" (Morgen) und Vordenker von Russlands Linksnationalisten. Im Übrigen habe "diese Waffe glänzend funktioniert".

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Heft 45/2013
"Wer die Wahrheit ausspricht, begeht kein Verbrechen"

Edward Snowden als scharfe Klinge in der Hand von Kreml-Chef Putin - das ist ein Bild, das auch andernorts derzeit oft bemüht wird. In Deutschland nannte etwa die Springer-Presse die Abhöraffäre um Merkels Mobiltelefon "Putins größten Coup". Anne Applebaum, US-Journalistin und Ehefrau des polnischen Außenministers Radoslaw Sikorski, ist laut der Zeitung "Die Welt" sogar sicher, dass Snowden nicht mehr als Putins Spielzeug ist.

Es gibt jetzt neuerdings erstaunliche Übereinstimmungen zwischen Menschen, die Russlands Präsidenten preisen (Prochanow) und jenen, die Wladimir Putin verachten (Applebaum): Sie alle halten den Mann im Kreml für nicht weniger als ein Genie.

Einträchtig heißt es hüben wie drüben, in einem genialen Schachzug lasse Putins Geheimdienst FSB die Snowden-Dokumente an westliche Medien durchsickern, um den Graben zwischen den Amerikanern und ihren transatlantischen Partnern in Europa zu vergrößern. Prochanow findet das gut und Applebaum schlecht. Die "Welt" macht Snowden, den sie bislang als Verräter bezeichnet hatte oder nur in Anführungszeichen als "Whistleblower", gleich zum "Schützling von Putin und seinen Agenten".

Wenn das wahr wäre, müsste man die NSA-Affäre tatsächlich als einen atemberaubenden Coup des Kreml bezeichnen. Hätte Putin seine Freude daran? Zweifelsfrei.

Putin kann Snowden nicht leiden

Die Theorie hat nur zwei Haken. Erstens gibt es für sie keinen einzigen Beweis. Snowden hat seine Dokumente bereits vor seiner Abreise nach Moskau an Journalisten übergeben, die seither den Takt der Enthüllungen vorgeben. Russland sollte nur ein Zwischenstopp bleiben. Putin nannte die Landung des NSA-Manns damals eine Art "Weihnachtsgeschenk". Das wurde im Ausland als echte Freude interpretiert, war aber eher ironische Süffisanz.

Das ist der zweite Haken: Putin kann Snowden erkennbar nicht leiden. Russlands Präsident, ehemals Offizier des sowjetischen Geheimdiensts, hat sich zwar selbst nie ausführlich zu Snowden geäußert. Was Veteranen des KGB aber über einen wie Snowden denken, hat Jewgenij Kaspersky zu Protokoll gegeben, Chef des Software-Unternehmens Kaspersky Lab. Ein "Scheißkerl" sei der Ex-NSA-Mitarbeiter, seine Enthüllungen "Kleinigkeiten". Als Verräter werde er "im neunten Kreis der Hölle" brennen.

Der Kreml muss Snowden auch gar nicht steuern, um von der Affäre zu profitieren. Dem Flüchtling gehören die Sympathien der Weltöffentlichkeit. "Daraus, dass er ausgerechnet in Moskau Asyl erhält, schlägt Russland Kapital", sagt Stefan Meister, Russland-Experte des Think-Tanks European Council on Foreign Relations.

Seit seiner Wiederwahl 2012 stand Putin fast ununterbrochen am internationalen Pranger, wegen Pussy Riot, der Verurteilung des Kreml-Gegners Alexej Nawalny oder Russlands Vorgehen gegen "Propaganda von Homosexualität". Außer der Chemiewaffen-Initiative ist der Fall Snowden nun schon die zweite Möglichkeit für den Kreml, verlorenes Prestige zurückzugewinnen.

Europa den Amerikanern abspenstig zu machen

So könnte ausgerechnet Edward Snowden Putin endlich ein großes Stück voranbringen bei seinem Vorhaben, den Amerikanern Europas Freundschaft abspenstig zu machen, vor allem die Deutschlands.

Im September 2001, Putin war noch keine zwei Jahre im Amt, sprach er sogar vor dem Deutschen Bundestag davon. Er sagte: "Niemand bezweifelt den großen Wert der Beziehungen Europas zu den Vereinigten Staaten. Aber ich bin der Meinung, dass Europa seinen Ruf als mächtiger und selbstständiger Mittelpunkt der Weltpolitik langfristig nur festigen wird, wenn es seine eigenen Möglichkeiten mit den (...) Ressourcen und (...) Potentialen Russlands vereinigen wird."

Im deutschen Parlament erntete er damals freundlichen Applaus, mehr nicht. Auch spätere Vorstöße des Kreml für einen gemeinsamen Binnenmarkt von "Lissabon bis Wladiwostok" stießen auf keine nennenswerte Resonanz.

Das könnte sich ändern, wenn das Vertrauen zwischen den transatlantischen Partnern nachhaltig Schaden nimmt. Schon ist die Rede von einem Stopp der Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen der EU mit den USA. Ob es Merkel nicht nachdenklich stimme, lästert Außenpolitiker Alexej Puschkow bei Twitter, dass die NSA Russland, China und Iran erst seit 2007 belausche, die angebliche "Freundin Merkel aber schon seit 2002"?

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Seite 1
spon-42v-cmli 06.11.2013
1. Einfach nur lächerlich
Diese versuche Putin mit Snowden in Verbindung zu bringen sind einfach nur lächerlich...und diese Angst vor Russland und Spaltung sind einfach nur versuche der Medien die Kalte Kriegs Rhetorik dazu zu benutzten um sich den Amerikanern an den Hals zu werfen...die jetzt erwiesenermaßen die größere Bedrohung für die "Freie Welt" sind als Russland.
Fackel01 06.11.2013
2. Solange das System Putin
im Kremel herrscht und Russland ein autokratisches System ist kann es trotzdem zu keiner Annäherung zwischen Russland und Deutschland kommen. "Lupenreine Demokratie" ist einfach zuwenig für eine Partnerschaft.
blitzunddonner 06.11.2013
3. was sind denn das nun für spekulationen?
was sind denn das nun für spekulationen? riecht nach feind-propaganda. dass putin sich daran erfreut, liegt doch schon immer auf der hand. wer waren denn die spin-dottores, die da über die spon-redaktion hereingebrochen sind?
AnnaLena77 06.11.2013
4. Von ganz alleine
Zitat von sysopDPASteuert der russische Geheimdienst die Snowden-Enthüllungen? Auch wenn es dafür keinen Beweis gibt, profitiert Putin von der NSA-Affäre. Seit Jahren träumt er davon, einen Keil zwischen Deutsche und Amerikaner zu treiben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/russland-putin-profitiert-von-den-snowden-enthuellungen-a-931964.html
Die US-amerikanische Regierung und die US-Amerikanischen Medien schaffen das schon von ganze alleine einen Keil zwischen Deutschland (Bevölkerung) und US-Amerika zu treiben. Dazu braucht es Russland nicht. Und es ist ja nicht so das viele Deutsche nicht auch der Russischen Regierung kritisch gegenüberstehen. Und das völlig zurecht. Vielleicht ist das der Moment in dem aufwacht und anfängt darüber nachzudenken ob man denn wirklich nen 'großen Bruder' a la USA oder Russland braucht, sondern auf eigenen Füßen steht. Andererseits ist unsere Regierung/Politik (also im Grunde ALLLE politischen Parteien im BT und LT's) mit ihren Leichen im Keller so erpressbar, dass dies nur eine utopische Wunschvorstellung sein kann. Die deutsche Sounveränität ist noch lange nicht gesichert.
xxbigj 06.11.2013
5. Oh je
Wo sind wir den in der Diskussion? Die USA hat alle ausspioniert, darum geht es. Wenn jemand die Beziehung verschelchtert dann die USA und GB. Wer sind wir denn das wir uns alles gefallen lassen müssen? Klar nutzt Putin das, er ist ja nich bescheuert, sondern nur ein heimlicher Diktator. Die USA sind schuld daran und unsere Regierung tut so als ob wir die Beziehung verschlechtern, wenn wir uns dagegen wehren? Der US-Geheimdienst macht sich doch lustig über uns und Merkel ägert sich über sich selber, anstatt sich für uns einzusetzten!! Ich bekomme davon jedenfalls nichts mit, nur die üblichen Ausreden von Regierungssprecher Seibert!!!
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