Russland Regierungskritische Zeitung verboten

Erst ist der kremlkritische Fernsehsender NTW vom Staatskonzern Gasprom übernommen worden. Jetzt ist die unabhängige Tageszeitung "Sewodnja" verboten und die Redaktion des Nachrichtenmagazins "Itogi" entlassen worden.


Entlassen: Der Chefredakteur des Magazins "Itogi", Sergej Parchomenko (links)
AFP

Entlassen: Der Chefredakteur des Magazins "Itogi", Sergej Parchomenko (links)

Moskau - Das Verlagshaus Sem Dnei, zu dem "Itogi" und "Sewodnja" gehören, habe allen redaktionellen "Itogi"-Mitarbeitern gekündigt, teilte der Anwalt Alexander Beresin in Moskau mit. Die drei betroffenen Medien gehören zum zerfallenden Konzern Media-Most von Wladimir Gussinski. Gussinski wirft der Regierung vor, auf diesem Weg die Pressefreiheit in Russland untergraben zu wollen. Die Regierung hat die Vorwürfe zurückgewiesen.

Das Magazin "Itogi" ist ähnlich aufgemacht wie das US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" und in Russland für seine kritische Berichterstattung bekannt. Das Verlagshaus Sem Dnei hatte erst am Montag mitgeteilt, das Erscheinen von "Sewodnja" werde nicht länger finanziert und die Zeitung werde eingestellt. Der staatlich kontrollierte Konzern Gasprom besitzt an Sem Dnei rund 25 Prozent der Anteile. Gasprom hatte mit einem weiteren wichtigen Aktienbesitzer die Kräfte gebündelt und Gussinski die Kontrolle über die Medien entrissen.

Im Mai beschäftigt sich ein Gericht mit dem Fall NTW

Bereits am 3. April hatte Gasprom unter Berufung auf seine faktische Aktienmehrheit an NTW eine Hauptversammlung einberufen und den Vorstand des Senders ausgewechselt. Die Belegschaft bezeichnete dies als illegal, zehntausende Menschen protestierten gegen die Übernahme. Im Mai will sich ein Gericht mit dem Vorgang befassen. NTW ist der einzige nichtstaatliche Fernsehsender, der im ganzen Land zu empfangen ist.

Gussinski hat im Falle von NTW von dem Versuch des Kreml gesprochen, den regierungskritischen Sender politisch mundtot zu machen. Gasprom als Gläubiger hatte seinen Zugriff auf NTW mit den dort angefallenen Schulden in Millionenhöhe begründet. Auch Präsident Wladimir Putin, dem Journalisten und liberale Politiker Eingriffe in die Pressefreiheit vorhalten, sprach von einem rein wirtschaftlichen Streit zwischen Gasprom und Media-Most.



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