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10. September 2019, 20:12 Uhr

Enthüllung über CIA-Agent im Kreml

Sie nannten ihn Oleg

Von , Moskau

Der US-Geheimdienst hat offenbar einen Topspion aus dem Kreml abgezogen. Wer ist der Mann? Wie nah kam er Präsident Putin? Und ist Trump Schuld, dass er in Sicherheit gebracht werden musste? Der Überblick.

Als Ken Dilanian, Korrespondent von NBC News, an einem Haus in der Nähe von Washington D.C. klingelt, macht keiner auf. Er will dort nach eigenen Angaben jenen Russen sprechen, der nach Berichten von CNN und "New York Times" jahrelang den US-Auslandsgeheimdienst CIA mit Informationen aus dem Kreml versorgte. Bis er vor zwei Jahren abgezogen wurde.

Fünf Minuten später, berichtet der Reporter, rasen zwei junge Männer in einem SUV heran, bezeichnen sich als Freunde des Russen und fragen den Journalisten, was er wolle. "Es war ziemlich klar, dass sie US-Agenten waren, alarmiert davon, dass sich ein Fremder dem Haus näherte."

In US-Medien wird der Name des Russen, der CIA-Agent gewesen sein soll und nun offenbar unter dem Schutz der US-Behörden lebt, aus Sicherheitsgründen nicht genannt, auch sein genauer Wohnort wird nicht veröffentlicht. In den russischen Medien ist man hingegen weniger zurückhaltend, dort nennt man ihn Oleg S. und zeigt Bilder seiner Frau und des Hauses. Wer ist der Mann? Welchen Zugang hatte er im Kreml und zu wem? Und wie reagiert Moskau auf die Enthüllungen der US-Medien?

Was laut Medienberichten bekannt ist

Die USA zogen 2017 einen Topspion aus Russland ab, meldete am Montag zuerst CNN. Der US-Sender beruft sich auf mehrere Quellen in der US-Regierung, die nach Angaben des Senders direkt mit der Entscheidung befasst waren. Dem Bericht zufolge beschloss man nach einem Treffen von US-Präsident Donald Trump mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow und dem damaligen russischen Botschafter Sergej Kisljak im Mai, den Agenten aus Russland abzuziehen und in Sicherheit zu bringen. Grund dafür war offenbar, dass Trump dem russischen Chefdiplomaten streng geheime Informationen über die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) weitergegeben hatte.

Man habe damals Angst gehabt, Trump könne den Russen noch andere Geheimnisse verraten. Tatsächlich tauschte er sich nur wenige Wochen später, auf dem G20-Treffen in Hamburg, allein mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin aus.

Wie die "New York Times" berichtet, versorgte der Spion den US-Geheimdienst mit wichtigen Informationen über die russische Einflussnahme auf die US-Wahlen 2016, unter anderem wohl auch darüber, dass Präsident Putin selbst involviert war. US-Medien hatten immer wieder darüber spekuliert, warum die Geheimdienste über so detailreiche Informationen verfügten. Dies sei nur durch Quellen direkt im Kreml möglich, hieß es. Aus Sorge, der Informant könnte enttarnt werden, habe man ihn deshalb schon 2016 abziehen wollen, schreibt die "New York Times" und widerspricht damit der Darstellung von CNN. Doch S. wollte zunächst nicht Russland verlassen, man hatte deshalb in Washington die Sorge, es womöglich mit einem Doppelagenten zu tun zu haben.

Was machte der angebliche Spion?

Laut CNN-Quellen im Weißen Haus arbeitete der Russe mehr als zehn Jahre für den amerikanischen Geheimdienst. Er habe in der Kreml-Verwaltung auf höherer Ebene operiert, dabei auch Kontakt zu Putin gehabt, aber nicht dem engsten Kreis des Präsidenten angehört. Dennoch habe er Dokumente auf dem Schreibtisch des russischen Präsidenten abfotografieren können. Die "New York Times" nennt den Agenten "eine wertvolle Quelle", die "über Jahrzehnte" Informationen aus Moskau lieferte. Mit fortschreitender Karriere des Mannes seien diese immer wertvoller geworden.

Die russische Zeitung "Kommersant" nennt ihn unter Berufung auf eine US-Regierungsquelle Oleg S. Zuerst hatte ein russischer Kanal des Messenger-Dienstes Telegram, der meist Insiderinformationen postet, diesen Namen veröffentlicht. Der etwa 50 Jahre alte S. ist laut russischen Medienberichten Beamter, war zunächst im Innen-, später im Außenministerium in Moskau tätig. Von Mitte der Nullerjahre an arbeitete er in der russischen Botschaft in Washington, laut "Kommersant" als Zweiter Sekretär. Damals war Jurij Uschakow Botschafter, heute ist er Berater von Putin für Außenpolitik im Kreml und begleitet den Staatschef bei Treffen mit ausländischen Politikern.

S. arbeitete auch nach Uschakows Rückkehr nach Moskau im Jahr 2008 für den hohen Regierungsbeamten, den Angaben zufolge als Berater in der Präsidialverwaltung. Was genau er dort tat, ist unklar. In einigen Medienberichten heißt es, S. habe sich um organisatorische Dinge wie Reisen, Treffen mit Delegationen oder Einkäufe gekümmert. Das kremlnahe Blatt "Komsomolskaja Prawda" schreibt, S. habe Zugang zu Informationen gehabt, aber nicht zu "militärstrategischen".

Wo ist der Mann heute?

Nach einem Bericht der Internetseite "Daily Storm" reiste S. bereits im Juni 2017 mit seiner Ehefrau, ebenfalls Regierungsbeamtin, und seinen drei Kindern nach Montenegro in den Urlaub, dafür benötigten sie kein Visum. Dort verschwanden die fünf spurlos. Heute lebt die Familie laut "Kommersant" in jenem großen Haus nahe Washington, Medienberichten zufolge unter ihren russischen Klarnamen, was erstaunt, wenn es stimmt. Denn in Moskau reagiert man zumeist paranoid auf Spione, die für den Westen tätig waren. Auch S., selbst wenn er durch die US-Behörden geschützt wird, dürfte gefährdet sein, wie zuletzt der Giftanschlag auf den ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal in Großbritannien zeigte.

Wie reagieren Washington und Moskau?

Das Weiße Haus und die CIA widersprechen der Darstellung der US-Medien. US-Präsident Trump sagt, er wisse nichts von dem Agenten.

In Moskau versucht man die Berichte als Erfindung abzutun, "Pulp Fiction" nannte Kremlsprecher Dmitrij Peskow am Dienstag die Veröffentlichungen. Die Arbeit der Spionageabwehr in Russland funktioniere, betonte er.

Peskow bestätigte aber, dass S. in der Kreml-Verwaltung tätig gewesen sei. Er habe jedoch keine führende Position innegehabt und auch keinerlei Kontakt zu Putin. S. sei vor zwei bis drei Jahren entlassen worden. Den Grund dafür nannte der Sprecher nicht.

Mitarbeit: Tatiana Sutkovaja

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