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13. Dezember 2012, 16:37 Uhr

Untersuchungskommission

Russland soll für Tod von Litwinenko verantwortlich sein

Alexander Litwinenko starb durch eine heimtückische Poloniumvergiftung. Jetzt hat eine britische Untersuchungskommission schwere Vorwürfe in dem mysteriösen Mordfall erhoben: Die britische Regierung habe Beweise, dass Russland für den Tod des Kreml-Kritikers verantwortlich sei.

London - Es ist die nächste Runde im diplomatischen Kleinkrieg zwischen Russland und Großbritannien im mysteriösen Mordfall Alexander Litwinenko, und sie dürfte das Verhältnis der beiden Länder nachhaltig belasten: Nach Angaben von Hugh Davies - einem Mitglied der staatlichen Untersuchungskommission, die den Tod des Russen aufklären soll - ist die britische Regierung im Besitz von Beweismaterial, wonach Russland für den Tod des Kreml-Kritikers verantwortlich ist. Das berichtet die Online-Ausgabe der britischen Zeitung "Times".

Die Begutachtung geheimen Materials habe nahegelegt, dass Russland für den Tod Litwinenkos verantwortlich sei, sagte Davies am Donnerstag in einer Voranhörung. Die eigentliche gerichtliche Untersuchung soll am 1. Mai 2013 beginnen.

Bei Litwinenko, einem früheren KGB-Mann und Kritiker von Russlands Präsident Wladimir Putin, war im Jahr 2006 nach einem Treffen mit ehemaligen KGB-Agenten eine Vergiftung durch die radioaktive Substanz Polonium 210 festgestellt worden. Wenig später starb er an deren Folgen. Kurz bevor er in einem Krankenhaus starb, hatte Litwinenko gesagt, Putin und der Kreml seien für seine Vergiftung verantwortlich.

Viele Spuren hatten den ehemaligen KGB-Agenten Andrej Lugowoi in Verdacht gebracht. Er hatte sich zusammen mit dem Geschäftsmann Dmitrij Kowtun in dem Londoner Hotel mit Litwinenko getroffen. Großbritannien hatte daraufhin einen Auslieferungsantrag gestellt. Moskau lehnte ab, was zu diplomatischen Spannungen zwischen den beiden Ländern geführt hatte. Lugowoi sitzt inzwischen im russischen Parlament und genießt Immunität. Er streitet ebenso wie Kowtun die Täterschaft oder jegliche Beteiligung an der Vergiftung Litwinenkos ab.

Der Verdacht gegen Kowtun und Lugowoi hatte sich damals erhärtet, als auch in Hamburg Spuren von Polonium gefunden worden waren - dort hatte Kowtun auf der Reise nach London einen Zwischenstopp eingelegt. Die Hamburger Staatsanwaltschaft ermittelte daraufhin gegen den Geschäftsmann, musste diese aber aus Mangel an Beweisen einstellen.

Ben Emmerson QC, Anwalt von Litwinenkos Witwe Marina, sagte dem "Times"-Bericht zufolge jetzt, dass Alexander Litwinenko damals für den britischen Geheimdienst MI6 gearbeitet habe. Er habe außerdem Geld vom spanischen Geheimdienst erhalten. Litwinenko habe dabei geholfen, Vorgängen bei der russischen Mafia und möglichen Verbindungen zum Kreml auf die Spur zu kommen.

Noch kurz vor seinem Tod hatte Litwinenko zusammen mit Lugowoi eine Reise nach Spanien geplant. Als er nach seiner Vergiftung erkrankte, bat er dem "Times"-Bericht zufolge seine Frau, ihm zwei Mobiltelefone ans Krankenbett zu bringen. Das eine war demnach für seine Kontakte zum MI6 bestimmt, das andere diente demnach ausschließlich für Telefonate mit Lugowoi. Litwinenko habe dann Lugowoi vom Krankenhaus angerufen, um die Spanien-Reise abzusagen.

hen/Reuters/dpa

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