Deutsch-russischer Streit Putins Staatsfernsehen greift das ZDF an

"Briefumschläge mit Geld": Russlands Staatsfernsehen wirft dem ZDF vor, Intellektuellen Geld für Kritik am Kreml und dem Pussy-Riot-Urteil gezahlt zu haben. Auch der Axel-Springer-Verlag ist im Visier der russischen Führung.
Russlands Präsident Putin: Scharfe Attacken Kreml-naher Medien

Russlands Präsident Putin: Scharfe Attacken Kreml-naher Medien

Foto: Mikhail Klimentyev/ dpa

Das ZDF steht im Zentrum scharfer Attacken Kreml-naher Medien. In den Abendnachrichten warf Russlands Staatsfernsehen dem Sender zur besten Sendezeit vor, deutsche Intellektuelle bestochen zu haben. Diese hätten "Briefumschläge" mit Geld bekommen, damit sie Kritik übten an Kreml-Chef Wladimir Putin und der Verurteilung der russischen Punk-Gruppe Pussy Riot im August 2012.

Das ZDF, so heißt es in dem Bericht von Iwan Blagoi, Korrespondent des Ersten Kanals, setze "schmutzige Techniken der Unterstützung von Pussy Riot" ein. Die deutsche Schauspielerin Anna Thalbach aber habe gestanden, vom ZDF Geld bekommen zu haben für ihr Statement, in dem sie sich für Pussy Riot eingesetzt hatte.

Hintergrund ist ein 15-minütiger Bericht des Kulturmagazins "Aspekte". Das ZDF hatte ihn am 17. August 2012 ausgestrahlt, dem Tag des Urteils im Prozess gegen die drei Pussy-Riot-Aktivistinnen. Nadeschda Tolokonnikowa, Marija Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch wurden wegen "Rowdytums aus religiösem Hass" zu je zwei Jahren Lagerhaft verurteilt, Samuzewitsch später auf Bewährung freigelassen.

In dem "Aspekte"-Beitrag kritisieren deutsche Prominente das Urteil. Sängerin Nina Hagen sagt auf Russisch "Wo ist die Liebe, wo ist die Freiheit, Russland?" - "Gde ljubow, gde voboda Russland?", Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller konstatiert: "Putin ist auch Gott." Die Aussagen im Aspekte Beitrag wirken mitunter etwas wirr - aber sind sie auch gekauft, wie russische Medien jetzt behaupten?

Thalbach gilt als Kronzeugin der Verschwörungstheorie

Am Montag, zehn Monate nach der Ausstrahlung des ZDF-Berichts, titelte zunächst das Kreml-nahe Boulevardzeitung "Komsomolskaja prawda": "Sie kämpften für Pussy Riot. Aber nicht unentgeltlich." Dazu druckte das Blatt das Foto von Anna Thalbach. Die Schauspielerin, ebenfalls vom ZDF zu Pussy Riot befragt, gilt den russischen Journalisten als Kronzeugin für ihre Verschwörungstheorie.

Thalbachs "Schwatzhaftigkeit" aber sei ihr und dem ZDF zum Verhängnis geworden. Sie habe sich verplappert, und so sei ans Licht gekommen, dass sie "sehr viel Geld" vom ZDF für ihr Pro-Pussy-Riot-Statement bekommen habe. Die Sache mit dem Geld hatte Thalbach in der Talkshow "Roche und Böhmermann" im Spartenkanal ZDF Kultur gesagt.

Ein Witz sei das gewesen, betonen der Sender und Thalbachs Management. In Moskau aber mag das niemand hören. Nach dem "Komsomolskaja prawda"-Bericht schaltete sich dann das Fernsehen ein. In dem vierminütigen Bericht heißt es, das ZDF habe umgehend begonnen, die Sendungen aus dem Internet zu löschen - als wollten die Deutschen Spuren verwischen. Der "Aspekte"-Beitrag  und die "Roche und Böhmermann"-Sendung  sind gleichwohl weiter online abrufbar. Über einer Aussage der Schauspielerin Thalbach liegt zwar tatsächlich ein Piepton, doch der wurde von Moderator Böhmermann absichtlich und als Scherz gesetzt.

Auch Axel-Springer-Verlag im Visier des Kreml

Beim ZDF verstärkt das den Eindruck, dass der Sender Ziel einer Kampagne Kreml-naher Medien ist. Schon nach der Ausstrahlung des Weltkriegsdramas "Unsere Mütter, unsere Väter" hatte die "Komsomolskaja prawda" dem Sender aus Mainz unterstellt, Lügen zu verbreiten. Der Chef des Auswärtigen Ausschusses der russischen Staatsduma warf den Deutschen vor, den Angriff des "Dritten Reichs" auf Russland zu verharmlosen und "ein weiteres Mal zu versuchen, die Geschichte umzuschreiben".

Den Unmut der russischen Führung hat sich nach Recherchen des SPIEGEL auch der Axel-Springer-Verlag zugezogen. Springer bringt die russische Lizenzausgabe von "Forbes" heraus. Das Magazin hatte über die Geschäfte von Putin-Bekannten geschrieben, die in den vergangenen Jahren sehr schnell sehr vermögend geworden sind.

Einer dieser Männer schlug nun zurück. Über Tochterfirmen hat der Gastro-Unternehmern Jewgenij Prigoschin ein Interview mit einem fiktiven Geschäftsmann in dem Magazin platziert.

Der zum staatlichen Gazprom-Konzern gehörende Fernsehsender NTW bezichtigte "Forbes" daraufhin der Käuflichkeit. Die regierungsnahe Zeitung "Iswestija" streut Gerüchte über angebliche Verkaufsverhandlungen der Deutschen. Springer streitet das vehement ab: "Verkaufsverhandlungen werden nicht geführt", so ein Sprecher.

Immerhin versöhnen sich Merkel und Putin

Die Angriffe gegen deutsche Medien fügen sich ein in die Reihe deutsch-russischer Verstimmungen. Bei einem Besuch von Kanzlerin Angela Merkel in Sankt Petersburg Ende vergangener Woche war es beinahe zum Eklat gekommen. Der Kreml hatte kurzfristig Merkels Grußwort gestrichen, in dem die Kanzlerin die Rückgabe von Beutekunst anmahnen wollte. Der Konflikt wurde erst nach einem Gespräch von Merkel mit Putin beigelegt.

Sofern die russischen ZDF-Kritiker die Ausgabe von "Roche und Böhmermann" von Anfang an angeschaut haben, müsste ihnen klar sein, dass es sich um ein durchaus satirisch angehauchtes Format handelt. Die Anmoderation übernimmt ein Sprecher im Dracula-Kostüm, die Moderatoren Charlotte Roche und Jan Böhmermann bezeichnet er als "oberflächliche Sexbuch-Tante" und als "nichtlustigen Comedy-Heiopei", die Sendung als "belangloses Gespräch ohne Ziel und Richtung".

Das ist nicht das erste Mal, dass Moskau einen ZDF-Spaß nicht versteht. Nachdem sich Oliver Welkes "heute show" im Dezember 2011  über Wahlfälschungen und den sang- und klanglosen Abschied des damaligen Präsidenten Dmitrij Medwedew lustig gemacht hatte, hagelte es Proteste aus Russland.