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Moskau zensiert Berliner Historiker: Streit über den General, der zweimal starb

Foto: Yevgeny Kondakov/ DER SPIEGEL

Streit über Partisanen-Propaganda Moskau stuft deutschen Historiker als Extremisten ein

Russland hat Texte des deutschen Historikers Sebastian Stopper auf die Liste "extremistischer Materialien" gesetzt - gleich hinter Schriften Mussolinis. Stopper hatte Lügen der sowjetischen Partisanen-Propaganda entlarvt.

Der deutsche General, der zweimal starb, liegt auf einem Friedhof in Wien. Karl Bornemann schied friedlich aus dem Leben, 1979 war das, so steht es auf dem Grabstein aus schwarzem Granit. In Russland dagegen gilt eine andere Wahrheit: Bornemann sei 1943 getötet worden, durch Schüsse von Partisanen "in Kopf und Brust", so steht es dort in Akten.

Der Historiker Sebastian Stopper hat den Fall des Generals rekonstruiert und ein Foto des Grabsteins ins Internet gestellt. Er schreibt auf einem Blog zur Partisanenbewegung im Zweiten Weltkrieg, auch auf Russisch. Seine Forschungen haben Stopper einen Doktortitel an der Berliner Humboldt-Universität eingebracht, in Russland aber den Vorwurf, ein Neonazi zu sein.

Ein Gericht stufte seine Schriften als extremistisch ein, der Zugriff auf den Bornemann-Artikel wird im Internet blockiert. Das Justizministerium führt Stoppers Texte auf Position 2286 eines Registers "extremistischer Materialien", gleich hinter einem Buch von Benito Mussolini, dem Anführer der italienischen Faschisten.

Am Bahnhof Brjansk mit sowjetischen Kriegsliedern begrüßt

Dass Stopper die Erfolge der Partisanen in Zweifel zieht, rührt an Russlands Stolz. Präsident Wladimir Putin hatte im Mai ein Gesetz unterzeichnet, dass nicht nur die "Relativierung des Nazismus" unter Strafe stellen soll, sondern auch Kritik an der Roten Armee. Der Glanz des Sieges im "Großen Vaterländischen Krieg" ist ein Eckpfeiler der Identität von Putins neuem Russland.

In Internetforen wird geschimpft, Stopper trample "auf Asche und Knochen" von Helden herum. Der Wissenschaftler hat über Monate in Archiven in Brjansk gearbeitet, vier Zugstunden südlich von Moskau. Die Stadt trägt noch immer den Ehrentitel "Stadt des Partisanenruhms". Reisende am Fernbahnhof werden auch 69 Jahre nach der Kapitulation mit sowjetischen Kriegsliedern begrüßt, Hochzeitspaare posieren für Erinnerungsfotos am liebsten vor dem Mahnmal für die Widerstandskämpfer.

Außer Frage steht auch für Stopper der Heldenmut vieler Widerstandskämpfer. Sie riskierten ihre Leben im Kampf gegen die Besatzer. Unbestritten sind die Gräueltaten, die Deutsche im Osten verübten. Wehrmacht und SS-Einheiten führten einen Vernichtungskrieg. Sie zerstörten 1700 Städte, 70.000 Dörfer. Die Sowjetunion beklagte 27 Millionen Tote.

Stopper hat Dokumente in Archiven in beiden Ländern ausgewertet. Partisanenführer meldeten nach dem Ende der deutschen Besatzung mindestens 150.000 getötete "Faschisten" allein im Gebiet Brjansk. Die Zahl steht auf dem Denkmal am Stadtrand, der damalige Präsident Dmitrij Medwedew hat es 2010 eingeweiht. Stopper schätzt anhand der Verlustmeldungen der Deutschen dagegen nicht mehr als 10.000 Tote und Verwundete. Er hält die Akten aus dem Wehrmachtsarchiv in Freiburg für verlässlich. Von ihnen hingen Nachschub und Personalersatz ab.

"Bis zu 640 verletzte oder getötete Hitleristen"

Jeder Tote wurde von mehreren Quellen erfasst, von Sanitätsabteilungen und Personalführung. Die Meldungen waren geheim. "Die Wehrmacht hatte keinen Grund, bei internen Berichten falsche Zahlen zu benutzen", sagt Rolf-Dieter Müller vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam. "Die Partisanen hingegen hatten viele Gründe, der Zentrale übertriebene Erfolge zu melden", sagt Müller.

So rapportierte ein Trupp im November 1942 eine zerstörte Lok und "bis zu 640 verletzte oder getötete Hitleristen". Die deutsche Verlustmeldung gibt nur Sachschaden von einer Lok und einem Wagen an. Der sowjetische Widerstand musste detaillierte Planvorgaben der Befehlshaber in Moskau erfüllen. So sollte die Brigade "Stalin" 1943 mindestens zehn deutsche Züge vernichten. Angriffe auf gut gesicherte Bahnen aber waren Himmelfahrtskommandos. Manche Kämpfer zündeten ihre Minen deshalb in sicherem Abstand der Gleise, meldeten dann aber Erfolge an die Kommandeure.

Die Bilanz der Partisanen stieg selbst nach dem Krieg noch weiter an. Nach dem Abzug der Deutschen 1943 wurden zunächst 781 vernichtete Züge im Gebiet Brjansk gemeldet. Auf der 2010 enthüllten Gedenktafel steht die Zahl 993. Der Gouverneur aber spricht inzwischen gern von "mehr als tausend".

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