Russland Tödliche Schlamperei in der U-Boot-Flotte

Umweltschützer schlagen Alarm: Sollte das jüngst untergegangene russische Atom-U-Boot K 159 nicht gehoben werden, könnte es die Barentsee radioaktiv verseuchen. Doch die K 159 ist nicht das einzige Gefahr bringende Wrack auf dem Meeresboden. Weitere 70 Atom-U-Boote dümpeln entlang der Kola-Halbinsel und warten auf Demontage.

Von Fritjof Meyer


Lernfähig: Putin
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Lernfähig: Putin

Klar, er ist unerhört lernfähig, der Präsident von Russland. Diesmal war Wladimir Putin viel besser vorbereitet als beim Untergang des Atom-U-Boots "Kursk" vor drei Jahren im August. Auch damals erwischte ihn die Katastrophe im Urlaub. Im Freizeitdress wagte er sich erst nach vier Tagen vor die Fernsehkamera, und das war schon ein Fortschritt: Nach dem Unglück von Tschernobyl hatte der so reformfreudige Michail Gorbatschow noch neun Tage gebraucht, um sich der Öffentlichkeit zu stellen.

Dieses Mal war alles nicht ganz so dramatisch, auch wenn das Desaster erneut ein Atom-U-Boot traf, gleichfalls in der Barent-See und wieder in der Ferienzeit. Das Boot K 159 war schon ausgemustert, 40 Jahre alt, wurde mit vier Pontons über Wasser gehalten und zur Verschrottung abgeschleppt, als es in stürmischer See unterging. Neun Matrosen starben an Bord. In der "Kursk" fanden 118 Seeleute den Tod.

Ein dem Boot K 159 baugleiches russisches Atom-U-Boot aus den Sechzigern
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Ein dem Boot K 159 baugleiches russisches Atom-U-Boot aus den Sechzigern

Gewarnt von seiner "Kursk"-Kondolation im T-Shirt, hatte Putin dieses Mal einen schwarzen Anzug samt schwarzem Schlips im Urlaubsgepäck. Vor der Fernsehkamera sprach er traurigen Gesichts von einer "Tragödie", sein Verteidigungsminister Iwanow aber von "Leichtsinn". Denn entgegen den Vorschriften hatten sich Menschen an Bord des fahrunfähigen Bootes befunden, die Luken waren nicht verschweißt.

Die seit dem Ende des Sowjetsystems vervielfachte Schlamperei erlaubt eine Parallele zwischen beiden Unglücksfällen. Nach vielen Falschangaben über die Ursache ist die "Kursk" offiziell deshalb gesunken, weil das Treibmittel eines Torpedos, hochgefährlicher Wasserstoff, ausgetreten war und detonierte. Der US-Experte Zoltan Barany, Professor in Austin/Texas, hat gerade eben die wahren Gründe für das Ende der "Kursk" vorgelegt: Generelle, vor allem finanzielle Vernachlässigung der Streitkräfte durch die Regierung, schlechte Moral und ungenügende Professionalität von Soldaten und Offizieren.

In fünf Dienstjahren hatte die "Kursk" nur einmal eine Mission vollständig ausgeführt, weil das Geld für den Treibstoff fehlte. Viele Besatzungsangehörige einschließlich der Vorgesetzten waren selten oder noch nie auf hoher See gewesen. Mit den zwei Dutzend scharfen Torpedos an Bord fanden die meisten nie Gelegenheit zu üben, und keiner mit dem neuen Wasserstoff-Torpedo. Das Logbuch war gefälscht, genauso wie bei dem Atom-U-Boot "Komsomolsk", das 1989 unterging.

Einer der Torpedos war auf dem Transport zu Boden gefallen, wobei Risse entstanden sein können; er wurde dennoch geladen. Er konnte nämlich nicht mehr wieder hochgehievt werden, weil die Kräne auf dem U-Boot-Stützpunkt Polarnoje - wohin jetzt auch K 159 gebracht werden sollte - seit langem nicht mehr in Betrieb waren. Seit 1999 erbat die Marine erfolglos von der Regierung eine Reparatur der Hafenanlagen.

Oktober 2001: Die "Kursk" wird geborgen
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Oktober 2001: Die "Kursk" wird geborgen

Inspektoren prüften die "Kursk"-Torpedos im Jahre 2000 und im nächsten Jahr. Sie stießen auf Rost sowie Risse in den Gummidichtungen, so dass der Wasserstoff austreten konnte. Die Besatzung hatte zudem die Rettungsboje der "Kursk" außer Betrieb gesetzt, damit sie nicht von selbst los ging. In den falsch gewarteten Unterwasser-Rettungsfahrzeugen steckten untaugliche Batterien, die ausgeschaltet werden mussten.

Bei Einhalten der Vorschriften hätte die "Kursk", deren Explosion von seismologischen Stationen exakt registriert worden war, in weniger als einer Stunde geortet werden können. Das ermittelte die russische Staatsanwaltschaft. Das Wrack wurde erst nach 31 Stunden gefunden, der ganze Vorfall 50 Stunden lang geheim gehalten. Dann umschrieb die Marineleitung den Untergang, das Boot sei "auf den Meeresboden getaucht", hieß es. Der Funkkontakt war längst abgerissen, doch man blieb immer noch untätig, weil das Flottenkommando davon ausging, dass die Geräte üblicherweise versagen.

Aufräumarbeiten auf der "Kursk"
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Aufräumarbeiten auf der "Kursk"

Beschädigte Torpedos an Bord seien nichts Ungewöhnliches, sagt Adolf Mewschujew. Der ehemalige Marineoffizier leitet das Russische Zentrum zur Erforschung von Explosionswiderstand. Er nennt den Grund für die Gewöhnung an die missliche Situation: "Traditionelle russische Schlamperei."

Bleibt K 159 am Meeresboden, könnte es die Barentsee radioaktiv verseuchen, warnen Umweltschützer aus Russland und aus Norwegen: Wenn seine beiden 1989 abgeschalteten Reaktoren undicht sind. Das Wrack liegt einen Viertelkilometer tief nahe der Insel Kildin, an der eine Schifffahrtstraße vorbeiführt. Die "Komsomolsk" ruht weiterhin bei der Bären-Insel vor Norwegen und seit 1970 auch das Boot K 8 in der Biskaya. 70 weitere Atom-U-Boote außer Dienst dümpeln entlang der Kola-Halbinsel und warten auf die Demontage. Ständig zugeführte Pressluft hält sie über Wasser.

Außer Betrieb: Das russische U-Boot "Andromeda" in Severomorsk bei Murmansk
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Außer Betrieb: Das russische U-Boot "Andromeda" in Severomorsk bei Murmansk

Die "Kursk" wurde voriges Jahr aus 100 Meter Tiefe gehoben und auseinander genommen. Das Boot K 159 soll auch gehoben werden, kündigte Putin an. Diesmal versäumte er die Gelegenheit, wie damals bei der "Kursk" nicht die säumigen Admirale, sondern die lästigen investigativen Journalisten anzuklagen, vor allem aber die Medieneigentümer - die Oligarchen mit ihren "Villen in Spanien und Südfrankreich": Er befand sich auf Sardinien - auf Einladung seines Wahlverwandten Silvio Berlusconi, des rechtsgewirkten Premier Italiens.



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