Atomunfall in Russland Putins fatale Wunderwaffe

Donald Trump stichelt, Russland trauert: Fünf Tage nach dem rätselhaften atomaren Unfall auf einem Testgelände am Weißen Meer kommen langsam neue Details ans Licht.
Russisches Militärgelände Njonoksa am Weißen Meer: "Sturmvogel" abgestürzt

Russisches Militärgelände Njonoksa am Weißen Meer: "Sturmvogel" abgestürzt

Foto: AFP

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Fünf Tage nach der Explosion einer russischen Rakete auf einem Militärgelände am Weißen Meer hat US-Präsident Donald Trump den Vorfall auf Twitter kommentiert - in seiner typischen Mischung aus Stichelei und Auftrumpfen. "Die Vereinigten Staaten lernen viel aus der Explosion", schrieb er am Montag. Man habe nämlich eine "ähnliche, aber weiter fortgeschrittene Technik". Und dann lässt er einen Namen fallen: "Die russische 'Skyfall'-Explosion lässt Leute um die Luftqualität am Ort und weit darüber hinaus bangen. Nicht gut!"

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Damit ist es jetzt ganz offiziell: Washington hat das Waffensystem identifiziert, das am vergangenen Donnerstag explodiert war und für einen Anstieg der Radioaktivität im Weißmeerhafen Sewerodwinsk sorgte. Es handelt sich offenbar um den Marschflugkörper SSC-X-9 "Skyfall" - und damit um ebenjene Cruise-Missile, die Russlands Präsident Wladimir Putin vor einem Jahr als eine Art Wunderwaffe im Rüstungswettlauf mit den Vereinigten Staaten vorgestellt hatte.

Große Geheimnistuerei in Moskau

Dank Atomantrieb könne sie quasi endlos auf niedriger Flughöhe unterwegs sein, unerreichbar für die US-Raketenabwehr. Putin erntete begeisterten Applaus, als er in seiner Jahresrede vor dem Parlament im März 2018 Computerbilder der Waffe zeigte. Anschließend sammelte das Verteidigungsministerium im Internet Vorschläge, wie sie benannt werden sollte. "Burewestnik" oder "Sturmvogel" heißt sie für die Russen (Typenbezeichnung 9M730), die Nato nennt sie "Skyfall" mit dem Kürzel SSC-X-9.

Russlands Präsident Putin: Wunderwaffe im Rüstungswettlauf mit den Vereinigten Staaten

Russlands Präsident Putin: Wunderwaffe im Rüstungswettlauf mit den Vereinigten Staaten

Foto: Mikhail Klimentyev/ AP

Wie geheim diese Waffe ist, zeigt auch die Geheimnistuerei um den Unfall von vergangener Woche. Was bisher offiziell bekannt ist:

  • Am Donnerstagmittag explodierte auf dem Testgelände Njonoksa am Weißen Meer der Flüssigtreibstoff einer Rakete. Diese war auf einer schwimmenden Plattform getestet worden.
  • Die Explosion tötete fünf Mitarbeiter des föderalen Atomforschungszentrums in Sarow, die beim Test anwesend waren. Drei weitere wurden verletzt. In Sarow wurde einst die sowjetische Atombombe entwickelt, hier wird bis heute an nuklearen Waffen geforscht.
  • Nach der Explosion wurde im 30 Kilometer entfernten Sewerodwinsk - dem Haupthafen der russischen Nordflotte - ein vorübergehender Anstieg der Radioaktivität gemeldet.

Aber sämtliche Informationen gelangten nur in winzigen Stücken an die Öffentlichkeit. Der Hinweis auf erhöhte Radioaktivität etwa verschwand nach kurzer Zeit von der Internetseite der Sewerodwinsker Stadtverwaltung. Dass die in Njonoksa getestete Rakete neben dem Flüssigtreibstoff offenbar auch eine nukleare Energiequelle hatte, wurde erst eineinhalb Tage später vom Staatskonzern Rosatom bekannt gegeben. Russlands Erster Kanal sprach davon noch später, in den Abendnachrichten vom Sonnabend  - und versteckte die Nachricht in einem halbminütigen Beitrag. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Einwohner von Sewerodwinsk längst das Jod in den Apotheken zusammengekauft.

Offenbar sind schon mehrere "Skyfall"-Flugtests gescheitert

Rätselhaft wirkt im Rückblick auch die Tatsache, dass in Moskau die Ausstrahlung aller Fernsehkanäle am Donnerstagabend unterbrochen wurde - Zuschauer sahen ab acht Uhr stattdessen für eine ganze Stunde eine Sturmwarnung des Katastrophenschutzministeriums. Darin hieß es, man möge die Häuser nicht verlassen. Der Sturm blieb aus. Sollten Menschen ohne ihr Wissen vor Radioaktivität geschützt werden?

Und Rätsel wirft schließlich auch auf, was genau der Beitrag der Kerntechniker zur Rakete ist. Der Staatskonzern Rosatom - dem das Atomzentrum in Sarow untersteht - sprach in seiner ersten Stellungnahme von einer "Radioisotopen-Energiequelle". Demnach handelt es sich nicht um einen Reaktor, in dem spaltbares Material eine kontrollierte Kettenreaktion durchläuft, sondern um eine deutlich einfachere Atombatterie, die den natürlichen Zerfall von radioaktivem Material nutzt. Solche Atombatterien werden etwa bei Weltraummissionen eingesetzt, weil sie kompakt und zuverlässig sind und über Jahre Strom liefern, wenn auch in kleinen Mengen.

Ein Flugkörper, der statt im Weltraum in der Atmosphäre fliegt, braucht allerdings deutlich mehr Energie. Bis heute ist deshalb unklar, wie der nuklear angetriebene Marschflugkörper "Burewestnik" alias "Skyfall", den Putin ankündigte, seinen Vortrieb erhalten soll. Zum Zeitpunkt von Putins Ankündigung im März 2018 waren laut US-Quellen offenbar schon vier Flugtests gescheitert - es war vermutlich nicht möglich, nach dem Start, der mit herkömmlichem Treibstoff erfolgte, auf nuklearen Antrieb umzuschalten.

Dennoch vermuteten Forscher wie der US-Rüstungsexperte Jeffrey Lewis, dass in Njonoksa das Projekt "Skyfall" getestet wurde. Schon vor einem Jahr wurde nämlich die Ausrüstung für "Skyfall"-Tests von Nowaja Semlja im hohen Norden Russlands nach Njonoksa verlegt, wie Satellitenbilder belegen.

Der Kreml will den Toten ein Denkmal setzen

Die Führung des Sarower Forschungszentrums nahm am Sonntag im Lokalfernsehen Stellung zum Unfall und kondolierte den Familien der Toten. Forschungsdirektor Wjatscheslaw Solowjow verglich dabei die eigene Arbeit an kleinen atomaren Energiequellen mit ähnlichen Projekten in den Vereinigten Staaten, nämlich dem Projekt Kilopower der Nasa.

Auf der öffentlichen Trauerfeier am Montag in Sarow hieß es, die in Njonoksa eingesetzten Mitarbeiter hätten heldenhaft versucht, Schlimmeres zu verhindern. Sergej Kirijenko - Ex-Chef der russischen Atomindustrie und jetzt als Vizechef der Kreml-Verwaltung einer der mächtigsten Männer Russlands - sagte, Wladimir Putin habe sie bereits für staatliche Auszeichnungen vorgeschlagen. In einem Jahr soll ein Denkmal für die Toten eröffnet werden. "Die Fähigkeit, eine Großmacht zu sein, wird auch mit Opfern errungen", sagte der Regionalgouverneur Gleb Nikitin.

Fraglich ist, was mit der nuklearen Energiequelle - ob Kleinreaktor oder Atombatterie - passiert ist. "Dass die Radioaktivität in Sewerodwinsk schnell wieder gesunken ist, lässt mich vermuten, dass die Vorrichtung ins Wasser gefallen ist", sagte der Atomexperte Alexander Nikitin von der Umweltorganisation Bellona dem SPIEGEL.

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