Aufrüstung in Europa Die Strategie des Kalten Kriegs funktioniert nicht mehr

Washington erwägt, atomar bestückte Marschflugkörper in Europa zu stationieren. Doch eine nukleare Nachrüstung des Westens ist die falsche Antwort auf Putins Drohgebärden.
US-Verteidigungsminister Ashton Carter (Archiv): Besuch in Berlin

US-Verteidigungsminister Ashton Carter (Archiv): Besuch in Berlin

Foto: JAMES LAWLER DUGGAN/ REUTERS

Marschflugkörper - dieses Wort weckt Erinnerungen an das vergangene Jahrhundert. Es klingt nach dem Vokabular der Achtzigerjahre, nach Nato-Doppelbeschluss, atomarem Wettrüsten und Gleichgewicht des Schreckens, nach einer Zeit also, die Europa mit dem Ende des Kalten Krieges hinter sich glaubte.

Doch seit einiger Zeit sind Marschflugkörper in die sicherheitspolitische Debatte zurückgekehrt. Sie sind wieder erschreckend aktuell. Denn die Amerikaner drohen - als Antwort auf einen angeblichen Bruch des Abrüstungsvertrags INF durch Moskau - mit der Stationierung von atomar bestückten Cruise Missiles in Europa. (Die ganze Geschichte lesen Sie hier im aktuellen SPIEGEL.)

Zuletzt sprach der Abteilungsleiter für Rüstungskontrolle im US-Außenministerium, Frank A. Rose, am Freitag bei einem Besuch in Berlin von "militärischen Maßnahmen", sollte Russland sich nicht wieder an den Vertrag halten. In dieser Woche werden die russischen Nuklear-Pläne und eine mögliche Reaktion Thema beim Treffen der Nato-Verteidigungsminister in Brüssel sein. Und auch beim Besuch von US-Verteidigungsminister Ashton Carter an diesem Montag in Berlin dürften sie eine Rolle spielen. Willkommen zurück in der Zukunft.

Es ist der alte Reflex des Kalten Krieges, auf das russische Säbelrasseln mit Gegeneskalation zu reagieren. Doch dahinter steht eine gefährliche Illusion: Eine Rückkehr zur Stabilität, die das Gleichgewicht des Schreckens für Europa bedeutete, gibt es nicht. Der ständige Vergleich mit den Zeiten des Kalten Krieges verstellt den Blick dafür, wie fundamental sich die Lage in Europa und der Welt seither geändert hat.

Der Nato steht heute kein Ostblock mehr gegenüber, sondern ein zutiefst verunsichertes Russland, das sich in verbale und militärische Drohgebärden flüchtet. Das Gleichgewicht des Schreckens beruhte auf einer annähernd gleichen Stärke der beiden Supermächte und auf ihrer Gleichrangigkeit als Siegermächte des Zweiten Weltkriegs. Das heutige Russland sieht sich dagegen durch die Niederlage im Kalten Krieg gedemütigt und die Erweiterung der Nato bedroht. Moskaus Nuklearpläne sind zum Teil verbale Kraftmeierei, zum anderen Reaktion auf die konventionelle Überlegenheit der Nato in Europa.

Der Westen sollte sich keine Illusionen machen: Mit diesem in die Enge getriebenen, aggressiv nationalistischen Russland wird ein Abschreckungsregime nicht funktionieren.

Eine einfache Lösung gibt es im Umgang mit dem heutigen Russland nicht. Aber statt vorschnell eine nukleare Nachrüstung zu diskutieren, sollte der Westen zunächst einmal dringend alle Gesprächsformate wieder aktivieren, die seit der Ukraine-Krise auf Eis liegen - von der G 8 bis zum Nato-Russland-Rat.

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