Jan Fleischhauer

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Flüchtlinge als Waffe

Man kann sich mit Diktatorenliebe anstecken wie mit einer Krankheit: Wer Putins Syrien-Politik als legitime Strategie einer Großmacht verteidigt, ist nicht abgeklärt, sondern abgestumpft.

Der griechische Verteidigungsminister, der auch das eine oder andere von Abschreckung versteht, hat vor knapp einem Jahr den Deutschen mit der Weiterleitung von Flüchtlingen gedroht, falls sie sein Land nicht ausreichend finanziell unterstützten. "Wenn sie Griechenland einen Schlag versetzen, dann sollen sie wissen, dass die Migranten Papiere bekommen und nach Berlin gehen", sagte Panos Kammenos. Flüchtlinge als Waffe, das war eine Taktik, die man in der Auseinandersetzung zwischen Staaten bislang noch nicht kannte.

Wer am Monatsende nicht einen Gehaltsscheck zahlen kann, ohne bei den Nachbarn betteln zu gehen, sollte besser davon absehen, diesen all zu sehr zu drohen. Aber wie jeder innovative Gedanke lebte auch Kammenos Flüchtlingswaffe als Idee weiter. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie von jemandem aufgegriffen werden würde, der weiß, wie man anderen wirklich Angst macht.

Seit zwei Wochen demonstriert Wladimir Putin in Syrien, was passiert, wenn man die Vergeltungswünsche eines Massenmörders wie Assad mit russischer Militärtechnologie kombiniert. Alle zwei, drei Stunden fliegen Kampfflugzeuge Angriffe gegen die frühere Millionenstadt Aleppo, um zu zerstören, was noch nicht zerstört ist, Wohnhäuser, Krankenhäuser, Schulen.

Wer die Luftschläge gegen die Zivilbevölkerung für eine unvermeidliche Begleiterscheinung der Offensive hält, hat die Logik der Operation nicht verstanden: Es geht nicht nur darum, die Rebellen zu vertreiben, die sich in Aleppo verschanzt haben. Mindestens genauso wichtig ist es, den Menschen, die bis heute in den Trümmern aushalten, deutlich zu machen, dass es für sie in ihrer Heimat keine Zukunft mehr gibt. Die Botschaft ist angekommen, wie der Exodus Richtung türkische Grenze zeigt.

Flüchtlinge als Waffe - was Kammenos nur androhte, setzt Putin mit Streubomben und Raketen jetzt ins Werk. Auch der Herr im Kreml liest Zeitung. Er weiß, was es für Angela Merkel bedeutet, wenn sich nach den fünf Millionen Syrern, die das Land bereits verlassen haben, weitere Millionen auf den Weg machen, weil man ihnen nicht einmal ein Leben in Ruinen gestattet.

Unsere Schwäche ist das Mitgefühl

Man kann es auch so beschreiben: Unsere Schwäche ist das Mitgefühl. Wenn wir das Bild eines Kindes sehen, das tot an einen Strand bei Bodrum liegt, lässt es uns nicht kalt, sondern weckt den Wunsch, das Elend zu lindern. Dass Deutschland seine Grenzen für Menschen in Not geöffnet hat, verdankt sich keinem Kalkül, sondern einem nationalen Akt der Hilfsbereitschaft.

Wer sich allein von Nützlichkeitserwägungen leiten lässt, ist dagegen zunächst im Vorteil. Er ist nicht erpressbar, egal wie groß der Schrecken ist. Wenn die Herren im Kreml sich um das Schicksal eines Kindes sorgen, dann um das eines 13-jährigen Mädchens in Berlin-Marzahn, das man für die Propaganda einspannen kann, weil es so herrliche Schauergeschichten über die Muslime erzählt, die Frau Merkel nach Europa lässt. Zeigen Putin und seine Leute ausnahmsweise Gefühlsregungen, dann sind diese fast immer infantil: Es geht bei ihnen stets um Kränkung und Zorn wegen mangelnder Beachtung, nie um Empathie und Nachsicht.

Es gibt immer noch erstaunlich viele Menschen im Westen, die in Putin eine tragische Gestalt sehen wollen, der in der Öffentlichkeit missverstanden wird, und der wieder zur alten Form zurückfinden würde, wenn man nur endlich höflich und respektvoll mit ihm umginge.

Diktatorenliebe ist ansteckend wie eine Krankheit

Bei Leuten, die lediglich ihre Geschäfte machen wollen, ist so eine Sichtweise verständlich. Die deutsche Wirtschaft war noch nie zimperlich, was ihre Kunden angeht, solange pünktlich gezahlt wird. Schwieriger ist zu erklären, warum sich ausgerechnet Menschen, die ansonsten für mehr Moral in der Politik eintreten, so für den russischen Kriegsherren ins Zeug legen. Wie man bei den Sozialdemokraten das Faible für die Ultramachtpolitik eines Putin mit dem Engagement für soziale Belange zusammenbringt, ist eines der großen Rätsel deutscher Politik.

Man kann sich mit Diktatorenliebe anstecken wie mit einer Krankheit. Wenn in Talkshows über die "strategischen Interessen" der Russen so geredet wird, als gäbe es ein Naturrecht, sich in anderen Ländern den Weg freizubomben, ist das mehr als bizarr. Bei Peter Scholl-Latour hatte die erfahrungsgesättigte Ruchlosigkeit, mit der er die notorischen Schwafler und Schönredner auflaufen ließ, noch einen gewissen Charme. Bei jemandem wie Gabriele Krone-Schmalz, deren Auslandserfahrung sich auf vier Jahre im Moskauer ARD-Studio beschränkt, bleibt schon nach den ersten Sätzen von der Coolness des Weltreporters nur die Kaltherzigkeit der Kreml-Mamsell.

Großmächte handeln nicht aus Barmherzigkeit, das ist nur zu wahr. Aber man sollte es schon noch beim Namen nennen, wenn sie Interessen verfolgen, die den eigenen diametral entgegenstehen. Wer die Menschen in Syrien erst aus ihren Häusern bombt, damit sie sich nach Norden aufmachen, und dann dort die rechtsradikalen Kräfte unterstützt, die gegen eine Aufnahme Stimmung machen, ist jedenfalls kein Freund Europas und noch weniger ein Freund der Deutschen.

In anderen Zeiten hätte man ihn einen Feind genannt.

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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