Konflikt zwischen Russland und Nato Militärmanöver könnten Eskalation provozieren

Bereiten sich Russland und die Nato mit ihren Manövern auf einen bevorstehenden Krieg vor? Es wirkt so, urteilt ein Londoner Thinktank - und warnt, die Kontrahenten könnten mit den martialischen Übungen eine Eskalation provozieren.
Nato-Übung in Polen im Juni: Immer mehr Machtdemonstrationen

Nato-Übung in Polen im Juni: Immer mehr Machtdemonstrationen

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Kriegsschiffe in der Ostsee, Kampfjets in der Luft: Seit Beginn der Ukraine-Krise haben Russland auf der einen Seite und die Nato-Staaten auf der anderen zahlreiche große Militärmanöver abgehalten. Die Machtdemonstrationen könnten nach Ansicht des Londoner Thinktanks European Leadership Network (ELN) eine eigene Dynamik entwickeln.

In einem Papier mit dem Titel "Vorbereitung auf das Schlimmste: "Machen die Militärübungen von Russland und Nato einen Krieg in Europa wahrscheinlicher?" hat ELN zwei Manöver genauer untersucht und dabei Anzeichen dafür gefunden, dass "Russland sich auf einen Konflikt mit der Nato vorbereitet und die Nato sich auf einen möglichen Konflikt mit Russland vorbereitet".

Die jüngsten Manöver zeigten, dass beide Seiten mit Blick auf die Fähigkeiten der jeweils anderen Seite und vermutlich sogar mit Kriegsszenarien im Hinterkopf trainierten, schreibt das Autorenteam. Die Übungsaktivitäten gäben Anlass zur Sorge und trügen mit dazu bei, die durch den Ukrainekonflikt entstandenen Spannungen in Europa aufrechtzuerhalten. "Wir behaupten nicht, dass die Führung einer Seite entschieden hätte, in den Krieg zu ziehen oder dass es ein militärischer Konflikt unausweichlich wäre - aber dass es Tatsache ist, dass sich das Profil der Übungen verändert hat", schreiben die Sicherheitsexperten.

"Jede Übung wird von der Gegenseite als Provokation angesehen, es entsteht eine Dynamik des Misstrauens und der Unberechenbarkeit", sagte ELN-Direktor Ian Kearns. "Alle setzen auf den Abschreckungsfaktor solcher Großmanöver, aber es gibt auch ein Risiko dabei." Die Manöver könnten Unsicherheit verstärken und das Risiko für "gefährliche militärische Zusammenstöße" erhöhen.

Die Beziehungen zwischen Moskau und dem Westen sind seit der Annexion der Krim durch Russland im vergangenen Jahr äußerst angespannt. Laut ELN hat oder wird die Nato in diesem Jahr 270 Militärübungen abhalten, Russland hingegen gibt 4000 Manöver aller Größenordnung für 2015 an.

Bei den von ELN untersuchten Ereignissen handelt es sich um ein Manöver mit 80.000 Soldaten, das das russische Militär im März abgehalten hat, sowie um eine Übung der Nato-Staaten im Juni mit 15.000 Militärs. Die Analyse zeigt laut dem Thinktank, dass für die Nato Polen und die baltischen Staaten die verwundbarsten Punkte sind. Moskau hingegen sorge sich vor allem um seinen Einfluss in der Arktis, auf der Krim und in den Grenzregionen zu den Nato-Mitgliedern Estland und Lettland.

Die ELN-Autoren schlagen vor, dass Regierungen prüfen sollten, ob künftige Militärübungen stärker begrenzt werden sollten.

Die Bundeswehr hatte kürzlich bekanntgegeben, 20 Millionen Euro zusätzlich für Militärübungen auszugeben. Grund für die Aufstockung der Mittel auf etwa 90 Millionen Euro seien die Nato-Übungen im östlichen Bündnisgebiet, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums der Nachrichtenagentur dpa.

anr/AP