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11. April 2010, 18:54 Uhr

Russland und Polen

Angst um den fragilen Freund

Von , Moskau

Der Unglückstod des polnischen Präsidenten auf russischem Boden alarmiert den Kreml. Gerade erst hatten sich die beiden Länder nach langem Zerwürfnis angenähert - jetzt wollen Präsident Medwedew und Premier Putin um jeden Preis einen Rückschlag verhindern.

Bänder aus schwarzem Stoff flattern an den Fahnen vor der Botschaft Polens in der Moskauer Klimaschkin-Straße. Den ganzen Tag über strömen die Bürger der russischen Hauptstadt herbei, legen Blumen nieder, zünden Kerzen an.

Manche suchen nach Worten des Beileids, hinterlassen Kondolenzkarten. Formuliert wird da der Wunsch, die beiden slawischen Völker mögen nach dieser Tragödie und über die Gräben der Geschichte hinweg zueinander finden. "Lasst uns nicht länger warten, einander zu mögen", schreibt einer. "Denn wir verlassen diese Welt so schnell."

"Wir haben jetzt sehr traurige Probleme zu lösen", sagt Moskaus Oberbürgermeister Jurij Luschkow an diesem Sonntag, kaum 24 Stunden nach der Katastrophe. Er leitet den Krisenstab in der Stadt. Die Identifizierung der Toten in der russischen Hauptstadt und die Überführung stehen bevor. Die Angehörigen kamen mit Charterflügen und in Zügen. Die sonst so langwierige Visaerteilung haben die russischen Behörden unbürokratisch vereinfacht, Busse und Polizeieskorten bereitgestellt. Übersetzer und Psychologen wurden eilig zusammengetrommelt und Zimmer in Hotels reserviert, 400 Betten insgesamt.

Nach Angaben der polnischen Gesundheitsministerin Ewa Kopacz konnte bislang nur die Identität von 14 Toten geklärt werden. Zehn weitere könnten wahrscheinlich aufgrund besonderer Merkmale erkannt werden. In allen anderen Fällen werden DNA-Analysen nötig sein.

Russland fühlt mit Polen und den Familien der Toten der Tupolew-154, die am Samstagmorgen im Landeanflug auf die Stadt Smolensk am Boden zerschellt ist - mit dem russlandkritischen Präsidenten Lech Kaczynski an Bord, dessen sterbliche Überreste am Samstag als einzige schon nach Warschau überführt wurden. Der Staatschef und andere hochrangige Vertreter des Landes waren auf dem Weg zum Gedenken an die Opfer des Katyn-Massakers.

Eigentlich sollten die Erinnerungsfeierlichkeiten in diesem Jahr ein Zeichen der Aussöhnung werden. Jetzt fürchten nicht wenige um das gerade ein bisschen verbesserte Verhältnis beider Länder.

Weitgehend unbemerkt hatte Russland zuletzt eine Kurskorrektur im Verhältnis zu Polen eingeleitet. Im September 2009 verurteilte Putin in einem "Brief an die Polen" den Hitler-Stalin-Pakt, der 1939 zur Aufteilung Polens führte. Und Mitte der Woche wagte er dann in Katyn den Kniefall vor Polens Opfern. In einem Wäldchen nahe des russischen Dorfes bei Smolensk hatten im April und Mai 1940 sowjetische Geheimdienste 4000 polnische Kriegsgefangene mit Genickschüssen getötet. Insgesamt wurden in dieser Zeit in Russland auf Befehl Stalins mehr als 20.000 polnische Offiziere, Geistliche und Intellektuelle ermordet. Das Verbrechen wurde von der Sowjetunion zunächst vertuscht. Stalin behauptete, die Offiziere seien nicht tot, sondern "in die Mandschurei" geflohen. Nach Kriegsende wurde Hitler-Deutschland des Verbrechens bezichtigt.

Das seien "zynische Lügen" gewesen, sagte Putin am Mittwoch bei seinem Besuch in Katyn mit dem polnischen Regierungschef Donald Tusk. Der Bürgerrechtler Arsenij Roginskij bezeichnete Putins Rede gleich nach der Zeremonie als einen "Schritt in die richtige Richtung". Roginskij führt die Nichtregierungsorganisation Memorial, die Stalins Verbrechen aufarbeitet und seit Jahren eine Entschuldigung von Russlands Führung für die Gräueltaten an Polen fordert.

Nun, nach dem Tod des Präsidenten Kaczynski, sagt Roginskij: "Katyn ist ein tragischer Schicksalsort für die Polen."

Russlands Führung tut jetzt alles, um die zarte Annäherung nicht zu gefährden. Am Samstagabend trat Russlands Präsident Dmitrij Medwedew vor die Fernsehkameras des Staatsfernsehens und wandte sich an das polnische wie das eigene Volk. Regierungschef Putin eilte am Sonntag selbst zur Unglücksstelle, trat dort erneut Seit an Seit mit seinem Kollegen Tusk auf - und wird nun persönlich eine Ermittlungskommission zur Unglücksursache leiten. Für Montag hat Russland Staatstrauer ausgerufen.

"Schwerwiegender Verlust und Prüfung für das gesamte polnische Volk"

Geeint wie selten kondoliert auch das politische Moskau den Angehörigen der polnischen Opfer. Sergej Mironow, Chef der Kreml-treuen Partei Gerechtes Russland und Vorsitzender des Föderationsrates, der zweiten Parlamentskammer, bekundete sein Mitgefühl: "Ich weiß, dass meine Kollegen und alle meine Mitbürger meine Trauer teilen." Selbst der Führer der rechtsnationalistischen Liberaldemokratischen Partei, der Populist Wladimir Schirinowski, der Kaczynski 2008 noch als "Missgeburt" beschimpft hatte, nannte den Absturz eine "schreckliche Tragödie, einen schwerwiegenden Verlust und eine Prüfung für das gesamte polnische Volk. Nehmen Sie von den Abgeordneten meiner Partei und von mir persönlich unser tiefes Beileid entgegen".

Lediglich den russischen Kommunisten, die auch heute noch gern Stalin-Bildnisse bei Protestzügen vorantragen, schwant Böses. Es gebe Kräfte, die versuchten, "diese Tragödie als Vorwand zu nutzen, den glimmenden russisch-polnischen Konflikt anzufachen und gar den Konflikt Russlands mit dem Westen".

Konstantin Kosatschow, Vorsitzender des Ausschusses für internationale Angelegenheiten und Abgeordneter der Kreml-Partei Einiges Russland, sprach von einem "Schock, einer Tragödie". Besonders tragisch sei, "dass das mit jenen Menschen passierte, die selbst zu einer Trauerzeremonie reisten. Katyn fordert weiter Opfer".

Mit Material von dpa

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