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Gefangenenaustausch: Eine erste Etappe?

Foto: Gleb Garanich/ REUTERS

Gefangene zurück in der Ukraine und Russland Selenskyjs Austausch hat seinen Preis

Der ukrainische Präsident Selenskyj hat 35 Gefangene nach Hause geholt, darunter die von Russland festgenommenen Marinesoldaten. Es könnte der Anfang besserer Beziehungen zu Moskau sein - doch nicht alle jubeln.

Präsident Wolodymyr Selenskyj nahm die 35 Männer auf dem Flughafen Boryspil in Kiew persönlich in Empfang: Einem nach dem anderen, der aus der Maschine aus Moskau stieg, schüttelte er unter dem Jubel der Angehörigen die Hand.

Er umarmte seine Landsleute, die sich noch bis vor wenigen Stunden in russischer Haft befunden hatten. Darunter waren die 24 im November vor der Halbinsel Krim festgesetzten Marinesoldaten, der wegen angeblicher Spionage verurteilte Journalist Roman Suschtschenko und der bekannte Regisseur Oleg Senzow von der Krim, der in einem fragwürdigen Verfahren wegen "Terrorismus" zu 20 Jahren Haft verurteilt worden war.

Live-Jubel in Kiew, zeitversetzte Zurückhaltung im Kreml

Alle großen ukrainischen Medien berichteten am Samstag live. Sie verfolgten, wie die beiden Flugzeuge mit den Gefangenen aus Moskau und Kiew landeten und nannten den Austausch in der Luft "historisch".

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Gefangenenaustausch: Eine erste Etappe?

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In Moskau zeigte sich ein anderes Bild. Während man in Kiew die Rückkehr der Landsleute feierte, übertrug der staatliche Sender Rossija 24 vom Flughafen Wnukowo erst später, wie die freigelassenen russischen Gefangenen ihre Taschen aus dem Flugzeug trugen.

Empfangen wurden sie nur von Reportern staatlicher Medien. Kreml-Sprecher Dimitrij Peskow sagte später, man sei froh, dass russische Bürger nach Hause gekehrt seien. Namen nannte er nicht. Auf dem Flughafen interviewten die Journalisten nur Kirill Wyschinski, den Leiter des Ukraine-Büros der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Ria-Nowosti. Er saß in Haft, weil ihn ukrainische Behörden beschuldigten, die Annexion der Schwarzmeer-Halbinsel Krim 2014 von Russland gerechtfertigt zu haben.

Die Reaktionen auf den größten Gefangenenaustausch zwischen der Ukraine und Russland seit zwei Jahren könnten kaum unterschiedlicher ausfallen. Die in Kiew zeigt, wie wichtig Selenskyj dieser Tag ist. Es ist sein erster großer außenpolitischer Erfolg nach mehr als hundert Tagen Amtszeit. Bei seiner Wahl im April hatte er versprochen, Gefangene freizubekommen, insbesondere die zwei Dutzend Seeleute.

Schlüsselzeuge im Fall MH 17

Er hat seine Präsidentschaft unter das Motto gestellt, den Menschen in seinem Land zu dienen, ihnen Frieden zu bringen. Doch der Druck war hoch, bald zu liefern. Das wusste der russische Präsident Wladimir Putin, der Selenskyj bis heute nicht offiziell zur Wahl gratuliert hat. Es war Selenskyj, der Putin als erstes anrief.

Der ukrainische Präsident hat einen hohen Preis dafür bezahlt, dass er nun zumindest die 35 Männer heimholen konnte. Er hat nicht nur zwölf russische Gefangene begnadigt, sondern auch Wladimir Zemach nach Russland geliefert. Man sah den 58-jährigen ehemaligen prorussischen Kämpfer am Samstag die Gangway in Moskau heruntersteigen. Wie mehrere ukrainische und russische Journalisten berichtet hatten, war er von Moskau erst vor Kurzem auf die Liste gesetzt worden, bereits am 30. August sollte eigentlich ein Austausch stattfinden.

Schlüsselzeuge, wenn nicht gar Verdächtiger: Wladimir Zemach

Schlüsselzeuge, wenn nicht gar Verdächtiger: Wladimir Zemach

Foto: Sergei Supinsky/ AFP

Zemach ist ein Schlüsselzeuge, wenn nicht gar Verdächtiger im Fall der im Juli über der Ostukraine abgeschossenen Passagiermaschine MH17. Damals starben alle 298 Insassen, die meisten von ihnen waren Niederländer. Der ukrainische Geheimdienst hatte Zemach im Juni im Gebiet Donezk gekidnappt und nach Kiew gebracht, wohl auch um deutlich zu machen, dass man den Abschuss von MH17 nach fünf Jahre nicht vergessen hat. Für Kiew war er nun ein wichtiges Faustpfand.

Unerreichbar in Russland

Zemach kämpfte 2014 im Gebiet Donezk, war Kommandeur einer prorussischen Luftabwehreinheit. In einem Interview mit einem russischen Fernsehsender beschrieb er nicht nur, wie das Flugzeug abstürzte, sondern sagte auch, er habe den "Jungen herausgezogen und versteckt". Bei dem "Jungen" soll es sich um die Rakete vom Typ Buk handeln, die nach Erkenntnissen niederländischer Ermittler aus Russland stammt und das Flugzeug traf. Das entscheidende Wort Zemachs wurde in dem Zitat unkenntlich versucht zu machen, doch die Lippenbewegung sind deutlich zu erkennen.

Ohne ins Detail zu gehen, sagte Selenskyj nun, es sei "kompliziert" gewesen. Der Mann sei aber - wie von europäischen Vertretern gefordert - befragt worden. In Kiew hatten sich seit Tagen niederländische Ermittler befunden, sie bestätigen, dass sie mit Zemach sprechen konnten. Wie viel wert seine Aussagen in Kiew im Verfahren nun sein werden, ist unklar.

Zemach wird nun in Russland kaum noch vorgeladen werden können. Moskau versucht die Ermittlungen des Abschusses immer wieder auch mit angeblichen neuen Versionen zur Ursache zu torpedieren und könnte zum Prozess, der im März 2020 beginnen soll, eine eigene Version von Zemachs Rolle verbreiten.

Bewegung im verfahrenen ukrainisch-russischen Konflikt

Selenskyj, so kann man es zusammenfassen, hat das Schicksal der Gefangenen und ihrer Angehörigen über die Rolle dieses Zeugen gestellt. Eine Entscheidung des Herzens, wenn man so will, für die er nun Kritik aus den Niederlanden, von den Angehörigen der Toten, aber auch von Vertretern patriotischer ukrainischer Kreise einstecken muss. Die Familien der Marinesoldaten, von Senzow, Suschtschenko und all den anderen aber sind Selenskyj für diesen Entschluss dankbar.

Mit ihm ist auch Bewegung in den verfahrenen ukrainisch-russischen Konflikt gekommen. "Ein hoffnungsvolles Zeichen" nennt es Kanzlerin Angela Merkel. Doch dieser Gefangenenaustausch könne nur das "erste Kapitel" sein, wie Selenskyj erklärte.

Noch immer sitzen rund 250 Ukrainer in russischen Gefängnissen, noch immer wird im Donbass geschossen. Im September soll es ein Treffen im Normandie-Format geben, mit den Spitzenpolitikern von Russland, der Ukraine, Frankreich und Deutschland. Es wäre das erste seit 2016, seitdem ruhen die Verhandlungen.

Mitarbeit: Katja Lutska, Kiew
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