Unregelmäßigkeiten bei Gouverneurswahl in Russland Das 500-Stimmen-Rätsel

Erst führt er, dann schmilzt sein Vorsprung, am Schluss liegt er knapp hinten: Im Fernen Osten Russlands fühlt sich der Kandidat der Kommunisten um seinen Sieg bei der Gouverneurswahl betrogen.
Kommunistischer Kandidat Ischenko

Kommunistischer Kandidat Ischenko

Foto: YURI MALTSEV/ REUTERS

"Nein zu Dieben", "Rücktritt" und "Gebt uns den Wahlsieg zurück" rufen die aufgebrachten Bürger Wladiwostoks: Vor dem Gebäude der regionalen Verwaltung haben sich etwa 2000 von ihnen versammelt. Sie protestieren gegen das verkündete Ergebnis der Gouverneurswahlen in der angrenzenden Primorskij Region im Fernen Osten Russlands, wie Liveübertragungen bei YouTube zeigen.

Lange hatte der Kandidat der Kommunisten, Andrej Ischenko, am Sonntag geführt. Bei 95 Prozent der ausgezählten Stimmen lag er mit über sechs Prozent vorn. Die Wahlkommission meldete für den KPRF-Mann 51,6 Prozent, für seinen Konkurrenten Andrej Tarasenko 45,8 Prozent. Tarasenko ist der amtierende Gouverneur, Mann der Regierungspartei Einiges Russland.

Die Sache schien also für den Kreml-Mann gelaufen zu sein. Das dachten auch etliche Zeitungen, nicht nur der "Kommersant", der auf seiner Titelseite zu Druckschluss meldete: "Der amtierende Gouverneur von Primorje verliert die Wahlen an den Kommunisten."

Demonstranten in Wladiwostok: "Wir fordern, dass Andrej Ischenko der Wahlsieg zurückgegeben wird"

Demonstranten in Wladiwostok: "Wir fordern, dass Andrej Ischenko der Wahlsieg zurückgegeben wird"

Foto: YURI MALTSEV/ REUTERS

Tarasenko war nicht der einzige Kreml-Kandidat, der sich bei den Wahlen am 9. September überraschend nicht durchsetzen konnte, auch in drei anderen Regionen scheiterten die Kreml-Kandidaten. Politikexperten führten diese Entwicklung auf den Unmut in großen Teilen der Bevölkerung über die Rentenreform zurück. Präsident Wladimir Putin persönlich hatte die umstrittene Anhebung des Rentenalters verteidigt, aber einige Anpassungen angekündigt.

Ein Plus von exakt jeweils 500 Stimmen

Doch dann schmolz Ischenkos Abstand plötzlich. Bei 96 Prozent der ausgezählten Stimmen lag er nur noch 3,7 Prozentpunkten vorn (mit 50,6 Prozent zu 46,9 Prozent für Tarasenko). Und bei 99,1 Prozent der ausgezählten Wahlzettel lag er auf einmal zurück - mit 48,06 Prozent zu 49,55 Prozent. Damit war Ischenko der Verlierer.

Das alles passierte in wenigen Stunden, während Moskau noch schlief. Um sieben Uhr morgens Moskauer Zeit meldeten zahlreiche Wahllokale in Primorje dann ein Plus an Stimmen für den Amtsinhaber der Kreml-Partei Einiges Russland - wie sich zeigte um jeweils exakt 500 Stimmen .

Proteste in Wladiwostok

Ischenko und seine Partei sprachen von Wahlfälschung. Man habe ihm 40.000 Stimmen gestohlen, sagte der Kandidat. Er kündigte in Wladiwostok Widerstand an, vor dem Jubel seiner Anhänger, darunter auch einige mit den roten Fahnen der Kommunisten. Er werde in den Hungerstreik treten. Dies ist eigentlich ein Instrument von Kreml-Kritikern. Die Kommunisten gelten aber als systemnahe Opposition, welche die Politik des Kreml überwiegend unterstützt. Die Russen sollten von nun an jeden Abend, von sechs Uhr bis Mitternacht demonstrieren, forderte Ischenko zudem.

Der Stab des amtierenden Gouverneurs Tarasenko beschuldigte die Kommunisten, mindestens 24.000 Stimmen gekauft zu haben.

Die Leiterin der Wahlkommission, Ella Pamfilowa, will die Wahl nun überprüfen lassen, das gelte auch für alle Klagen über Unregelmäßigkeiten.

Das ist auch mit Blick auf die noch ausstehenden zweiten Wahlrunden interessant - viele dieser zweiten Abstimmungen finden an diesem Sonntag statt. In der Region Primorskij hatte man sich entschieden, diese schneller durchzuführen.

Putin hatte sich bei seinem Besuch in Wladiwostok in der vergangenen Woche mit Tarasenko gezeigt und gesagt , er wisse, dass dieser vor dem zweiten Wahlgang stehe: "Ich glaube, dass alles in Ordnung kommt."

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