Putin-Kritiker Kara-Mursa Der nächste Giftverdacht

Beim russischen Oppositionellen Wladimir Kara-Mursa versagen das zweite Mal die Organe. Die Frau des Putin-Kritikers spricht von Vergiftung. Es wäre nicht der erste Fall dieser Art.

Wladimir Kara-Mursa
Radio Free Europe/Radio Liberty

Wladimir Kara-Mursa

Von , Moskau


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"Wir sind hier. Wir erinnern", schreibt Wladimir Kara-Mursa noch auf Facebook. Dazu postet er ein Foto mit Rosen von der Großen Moskwa-Brücke, jenem Ort nahe den Kremlmauern, an dem vor fast zwei Jahren sein Freund Boris Nemzow erschossen wurde.

Wenige Stunden später, am 2. Februar, wird der 35-jährige Kreml-Kritiker in ein Moskauer Krankenhaus eingeliefert. Sein Herz rast, seine Organe beginnen zu versagen. Kara-Mursa wird in ein künstliches Koma versetzt. Es ist das zweite Mal innerhalb von zwei Jahren.

"Das sieht wie eine absichtliche Vergiftung aus", sagt seine Frau Jewgenia Kara-Mursa in einem Interview mit der BBC. Sie spricht von einer "schweren Intoxikation durch eine unbekannte Substanz". Die Symptome ihres Mannes glichen denen bei seinem ersten Zusammenbruch im Mai 2015. Auch damals versagten Nieren, Leber, Lunge und Herz. Später spricht er von einem Giftanschlag.

Politischer Organisator

Wladimir Kara-Mursa ist einer der wenigen Oppositionellen, die noch in Russland aktiv sind. Anders als Aleksej Nawalny, der gerade wieder zu fünf Jahren Haft auf Bewährung verurteilt wurde (lesen Sie hier mehr), arbeitet Kara-Mursa mehr im Hintergrund.

Der Sohn des bekannten gleichnamigen Journalisten ist sehr umtriebig. Zuletzt reiste er durchs Land, um seinen Film über Nemzow vorzustellen. Kara-Mursa arbeitete lange für den ermordeten Putin-Kritiker als Berater, damals noch in seiner Zeit als Abgeordneter und stellvertretender Ministerpräsident. Er war auch an dem Bericht "Putin. Krieg" beteiligt, Nemzows Vermächtnis. Der Oppositionelle hatte Beweise gesammelt, dass Russland für den Ukrainekrieg verantwortlich ist.

Heute ist Kara-Mursa ein enger Mitarbeiter von Michail Chodorkowski. Er koordiniert die Arbeit von Open Russia in Russland, einer Stiftung, die der Ex-Oligarch gegründet hat und finanziert. Chodorkowski lebt nach Jahren im russischen Straflager in London. Seine Organisation engagiert sich für den Machtwechsel in Russland, hält Kontakte zu Aktivisten in der Provinz, bei der Parlamentswahl im September unterstützte sie 18 Kandidaten der Opposition.

Kara-Mursa selbst ist nicht mehr in einer Partei aktiv, seitdem er nach Streitigkeiten den Posten des Vizevorsitzenden der Parnas aufgab und aus der liberalen Partei ausgetreten ist.

Kontakte in den US-Kongress

Der Oppositionelle ist in Washington gut vernetzt, er arbeitete als Korrespondent für einen russischen Fernsehsender. Seine Kontakte zu US-Politikern weiß er zu nutzen, insbesondere zu John McCain. Der Republikaner ist ein scharfer Kritiker von Wladimir Putin, zuletzt hielt er US-Präsident Donald Trump seine schmeichelhaften Äußerungen über Putin vor.

McCain war es auch, der im Dezember 2012 im Kongress das Sergej-Magnitski-Gesetz durchsetzte. Der russische Steueranwalt Magnitski, der für den US-Investmentbanker Bill Browder tätig war, starb in einem Gefängnis in Moskau, nachdem er dort angeblich verprügelt worden war. Die USA erließen daraufhin Sanktionen gegen russische Beamte und Politiker. Kara-Mursa und Nemzow hatten dafür offensiv geworben.

Trotz Warnungen zurück in Russland

Instagram-Bild von Ramsan Kadyrow
Instagram.com/kadyrov_95

Instagram-Bild von Ramsan Kadyrow

Im Februar 2016 veröffentlichte Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow auf Instagram ein Foto - es zeigt Kara-Mursa mit dem Oppositionspolitiker Michail Kassjanow durch das Objektiv eines Scharfschützengewehrs. Eine deutliche Warnung.

Kara-Mursa ist zu dem Zeitpunkt aber schon wieder nach Russland zurückgekehrt, nach Wochen im Koma und anschließender Reha in den USA. Er weiß um das Risiko, das er eingeht. Im Mordfall Nemzow führen die Spuren nach Tschetschenien. Es ist zudem nicht klar, was genau zu seinem Zusammenbruch führte. Verschiedene Tests, auch im Ausland, gaben kein eindeutiges Ergebnis. Moskauer Ärzte sprechen mal von Vergiftungserscheinungen, dann von Entzündungen.

Opfer rätselhafter Vergiftungen

Auch dieses Mal ist der Fall undurchsichtig. Ein Arzt der Klinik, in der Kara-Mursa liegt, wird in russischen Medien mit den Worten zitiert, man habe keine Spuren von Gift bei Tests gefunden. Sein Vater erklärt, sein Sohn führe ein sehr anstrengendes Leben. Kara-Mursas Frau hingegen ist davon überzeugt, dass ihr Mann wie im Jahr 2015 vergiftet wurde.

Inzwischen ist Kara-Mursa nach Angaben seines Anwalts aus dem Koma aufgewacht. Sprechen könne er noch nicht, aber mit den Augen kommunizieren.

Kara-Mursa hatte damals nach dem ersten Zusammenbruch gesagt: "Ich habe keinen Zweifel, dass es ein Anschlag auf mich war. Eine gezielte Vergiftung." Wo und wie genau es passiert sei? Er wisse es einfach nicht. Das lege nahe, dass Profis dahinter steckten. Das wiederum würde für eine mögliche Beteiligung von Geheimdiensten sprechen.

Kara-Mursa wäre nicht das einzige Opfer rätselhafter Vergiftungen, seitdem Putin regiert:

  • 2003 wies der Journalist Jurij Schtschekotschichin ähnliche Vergiftungssymptome auf, er starb in einer Klinik in Moskau.
  • 2004, zwei Jahre bevor Anna Politkowskaja erschossen wird, versagten bei der Journalistin mehrere Organe. Zuvor war ihr in einem Flugzeug offenbar vergifteter Tee eingeschenkt worden.
  • 2006 wurde der ehemalige KGB-Agent Alexander Litwinenko in London durch eine Polonium-Vergiftung getötet.

Kritiker der russischen Führung leben gefährlich. Am 26. Februar - kurz vor dem Todestag von Nemzow - wollen sie trotzdem auf die Straße gehen. Sie haben einen Marsch durch Moskau angekündigt.


Zusammengefasst: Der Oppositionelle Wladimir Kara-Mursa liegt in einem Moskauer Krankenhaus. Seine Organe haben versagt, die Ärzte mussten ihn ins Koma versetzen. Seine Ehefrau vermutet, dass ihr Mann wie im Jahr 2015 vergiftet wurde. Kara-Mursa koordiniert die Arbeit für eine Kreml-kritische Stiftung, hat wiederholt mit dem vor zwei Jahren ermordeten Boris Nemzow Sanktionen gegen russische Beamte und Politiker gefordert.

Mitarbeit: Tatiana Sutkovaya

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