Russland vor dem G20-Gipfel Das Schauspiel vom bescheidenen Putin

Vor dem G20-Gipfel demonstriert Russland seine Macht und schickt Kriegsschiffe vor die Küste Australiens. In Brisbane selbst dürfte Präsident Putin auf Provokationen verzichten, in der Ukraine-Krise aber hart bleiben.

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Eines möchte Russlands Präsident Wladimir Putin beim G20-Gipfel, der am Samstag im australischen Bisbane beginnt, auf keinen Fall zeigen: Schwäche. Denn "Schwache werden geschlagen", so hat es Putin seinem Volk schon vor zehn Jahren in einer Fernsehansprache eingeschärft.

In diesem Sinne gehört es für Putin wohl auch dazu,

unmittelbar vor Gipfelbeginn mehrere Kriegsschiffe nahe Australien kreuzen zu lassen, in internationalen Gewässern, es ist also ein legales Muskelspiel. Mit dabei ist auch das Flaggschiff der russischen Pazifikflotte, der Raketenkreuzer "Varyag", auch der Zerstörer "Marschall Schaposchnikow" wurde gesichtet.

Doch trotz der militärischen Machtdemonstration - martialische Reden sind auf dem G20-Gipfel von Putin nicht unbedingt zu erwarten. Der russische Präsident kann in Australien anknüpfen an seinen Auftritt auf dem Apec-Gipfel in Peking am 10. November. Dort hatte er die Zusammenarbeit mit den Ländern der asiatisch-pazifischen Region als "strategische Richtung und Priorität" für Russland bezeichnet. Bereits ein Viertel seines Exportumsatzes, so der Kreml-Hausherr, realisiere Russland mit den Ländern der Region. Diesen Anteil will Putin auf 40 Prozent steigern - und daran wird er beim Treffen in Brisbane weiter arbeiten.

Moskau strebt auf den asiatischen Wachstumsmarkt

Putin plädiert für eine Freihandelszone in Asien, für eine "freie Bewegung von Waren, Dienstleistungen und Arbeitskräften". Er wirbt für eine Partnerschaft mit der Eurasischen Wirtschaftsunion aus Russland, Weißrussland, Kasachstan und Armenien, eines Raumes mit 170 Millionen Einwohnern. Dieser ökonomische Verbund soll im Januar 2015 starten, auch wenn eine Hürde noch nicht aus dem Weg geräumt ist: Die Teilnehmer konnten sich bisher nicht auf eine übereinstimmende Besteuerung des Handels einigen. Kapitalverkehrskontrollen in Russland, wie sie einer seiner Berater öffentlich fordert, lehnt Putin ab. Sein Land, versprach er zuletzt in Peking, werde ein "Beispiel für Offenheit gegenüber Investoren" sein.

Das konservative Lager lobte bereits die "ruhige und lakonische Manier" des Präsidenten beim Apec-Gipfel, "bescheiden und unaufdringlich" trete Putin auf, hieß es im Kommentar der imperial ausgerichteten Wochenzeitung "Sawtra". Die Zusammenarbeit mit der Volksrepublik China wurde dort in höchsten Tönen gepriesen - sie sei "auf einem so hohen Niveau wie seit den Zeiten Stalins und Mao Zedungs nicht mehr".

Parallel zur Achse Moskau-Peking hat Putin im Vorfeld des G20-Gipfels die bilateralen Beziehungen mit Japan, Chile und Malaysia ausgebaut. Zudem arbeiten russische Diplomaten und Geschäftsleute an Investitionsprojekten zur Modernisierung von Häfen und Bahnlinien in Nord- und Südkorea. Russland will die geteilte Halbinsel als ökonomisches Sprungbrett in die asiatische Wachstumssphäre nutzen. Strategisches Ziel ist dabei die Schwächung des Einflusses der USA.

Keine Wende im Ukraine-Konflikt

Vor diesem Hintergrund dürfte enttäuscht werden, wer von Putin unter dem Druck der Sanktionen in Brisbane eine Wende in der Ukraine-Politik erwartet. Er wird nicht die offene Konfrontation suchen - aber auch nicht nachgeben. Putin weiß: Schon seine Teilnahme am Gipfel zeigt, dass Russlands Staatschef nicht der Paria ist, als den ihn westliche Medien noch im Sommer abzustempeln versuchten. Zuvor war er wegen der Krim-Annexion aus dem Kreis der acht mächtigsten Wirtschaftsnationen, den G8, ausgeladen worden.

Doch weder dieser Ausschluss noch die Sanktionen haben Moskaus Politik zu ändern vermocht. Der Kreml hat den Rahmen für seine Politik im Ukraine-Konflikt abgesteckt: Russland wird die beiden "Volksrepubliken" Lugansk und Donezk vorerst nicht anerkennen, sie aber politisch und materiell unterstützen. Das schließt offenkundig auch Hilfe für deren bewaffnete Streitmacht ein.

Angesichts dessen erweist sich Putins Forderung, die Konfliktparteien in der Ukraine müssten eine Verhandlungslösung suchen, als Teil einer doppelbödigen Politik. Russland will auf sein mit militärischen Mitteln geschaffenes Protektorat "Neurussland" nicht verzichten.

Dabei illustriert die Fahrt des Raketenkreuzers "Varyag" vor Australien die umstrittene Ansicht Putins, Russen und Ukrainer seien im Grunde ein Volk. Der Kommandeur der "Varyag", Eduard Moskalenko, Jahrgang 1969, ein Kind der Sowjetunion - er stammt aus einer ukrainischen Familie.

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Rainer_H 13.11.2014
1. Danke
Dank an Herrn Klußmann für diesen guten Artikel. Ich möchte wetten, dass die Überschrift "Das Schauspiel vom bescheidenen Putin" so nicht von Herrn Klußmann stammt.
abrweber 13.11.2014
2. Ich glaube die EU und
speziell Deutschland unterschätzen die wirtschaftlichen Aktivitäten Russlands Richtung Asien.Sollte dieses Konstrukt einer Freihandelszone der Pazifikanrainerstaaten gelingen, ist das ein gigantischer Wirtschaftsraum.Danach bräuchte Russland die EU nicht mehr und die EU und auch Deutschland ständen wirtschaftlich im Abseits. Insgesamt wäre aber ein fairerer Umgang deutscher Medien mit dem russischen Staatspräsidenten sehr wünschenswert, zumal Deutschland und Russland überhaupt keine Probleme miteinander hatten.
kone 13.11.2014
3. Hoffnung ...!
Ich finde der Artikel macht Hoffnung auf die längst überfällige Re-Normalisierung unserer Beziehungen zu Russland. Sätze wie dieser: " .. Schon seine Teilnahme am Gipfel zeigt, dass Russlands Staatschef nicht der Paria ist, als den ihn westliche Medien noch im Sommer abzustempeln versuchten ..! " zeigen, daß gewisse Kreise im Westen ihren Rausch ausgeschlafen haben, und bereit sind, wieder auf die russen zuzugehen. Und auch wenn es nur ein erster kleiner Schritt ist, ist er um so wichtiger ...!
erasmus89 13.11.2014
4. Dialog ist wichtig..
Wenn Russlands Position so ist, dann müssen wir uns daran gewöhnen, ohne sie gutheißen zu müssen. Aber irgendwie müssen die EU-russischen Beziehungen auch wieder aktiviert werden, sonst schaden wir uns auf Dauer alle. Was klar ist: Russland signalisiert uns mit seinem harten Kurs, dass wir mit der Ukraine eine rote Linie überschritten haben. Die NATO hat sich an Russland herangerobbt und wollte in Sachen Abwehrschirm nicht kooperieren. Wir müssen lernen die Russen zu verstehen, auch wenn sie diesmal knallhart und kompromisslos reagiert haben. Ohne Russland geht es nicht, weder in Europa noch in vielen anderen Teilen der Welt.
zauselfritz 13.11.2014
5.
Zitat von erasmus89Wenn Russlands Position so ist, dann müssen wir uns daran gewöhnen, ohne sie gutheißen zu müssen. Aber irgendwie müssen die EU-russischen Beziehungen auch wieder aktiviert werden, sonst schaden wir uns auf Dauer alle. Was klar ist: Russland signalisiert uns mit seinem harten Kurs, dass wir mit der Ukraine eine rote Linie überschritten haben. Die NATO hat sich an Russland herangerobbt und wollte in Sachen Abwehrschirm nicht kooperieren. Wir müssen lernen die Russen zu verstehen, auch wenn sie diesmal knallhart und kompromisslos reagiert haben. Ohne Russland geht es nicht, weder in Europa noch in vielen anderen Teilen der Welt.
Es geht überall ohne Russland, wo Russland nicht mit Gewalt seinen Kurs durchsetzen kann - und das ist nunmal fast überall der Fall. Man muss nur wollen. Das sich Russland im asiatischen Raum anbiedert, ist eine Konsequenz der Isolation.
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