Russland-Wahl Die Kommunisten seiner Majestät Putin
Moskau - Mitten in Moskau stoßen zwei Welten aufeinander. Ein anachronistischer Zug formiert sich zwischen Leuchtreklame für Rolex-Uhren, der "Wilden Orchidee", einem Nobelladen für Reizwäsche und einer Leinwand, auf der das Glamourgirl Xenia Sobtschak lüstern die Lippen öffnet. Mehrere tausend Anhänger der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation versammeln sich an der zentralen Flaniermeile Twerskaja.
Kommunistenchef Sjuganow (Mitte) mit seinen Anhängern: Wie ein Matrose an Bord einen schwankenden Schiffes
Foto: APMit dabei sind Männer reiferer Jahrgänge, denen im März 1953 Kindertränen über die Wangen liefen, als sie vom Tod Josef Stalins erfuhren. Gekommen sind auch ältere Damen, die vor mehr als vier Jahrzehnten im Vorbeimarsch auf dem Roten Platz sehnsüchtig dem jungen Fidel Castro zuwinkten. Im gewohnten Gleichschritt ziehen alte Offiziere in Uniform vorüber. Wehmütig erinnern sie sich an die Zeiten, als ihre Kameraden noch an den Stränden Kubas, in den Sümpfen Vietnams und in den Schluchten Afghanistans auf der Wacht standen, gegen die Amerikaner.
Possenspiel in historischen Kostümen
An der Spitze des Zuges laufen hinter dem Transparent "Es lebe die sozialistische Revolution" energische Jungen und Mädchen, die noch in den Windeln lagen, als im Dezember 1991 die Rote Fahne über dem Kreml eingeholt wurde. Sie rufen: "Lenin, Partei, Komsomol", gemeint ist der Kommunistische Jugendverband. Vor dem Zug trägt ein picklig pubertärer Junggenosse eine große Sowjetfahne. Mit Stiefeln, Lederjacke und Ballonmütze hat er sich ausstaffiert wie die bolschewistischen Kommissare, die einst bei Millionen Russen Angst und Schrecken und bei manchen auch die Hoffnung auf ein besseres Leben verbreiteten.
Russlands Kommunisten feiern den 90. Geburtstag der Oktoberrevolution von 1917 mit lauten Fanfaren und dröhnenden Trommelwirbeln. Es ist der größte Wahlkampfauftritt der stärksten Oppositionspartei des Landes. Doch vor diesem Aufgebot müssen Russlands Neureiche nicht zittern, müssen die Wachen vor den Villen korrupter Staatsdiener an der Rublowskoje Chaussee nicht verdoppelt werden. Was mal eine junge Garde des Proletariats war, ist zum Possenspiel in historischen Kostümen verkommen.
KP-Vorsitzender Gennadi Sjuganow stapft über den Asphalt wie ein Matrose an Bord einen schwankenden Schiffes. Mit seiner schwarzen Schirmmütze sieht er aus wie ein Darsteller des deutschen Kommunistenführers Ernst Thälmann in einem DDR-Spielfilm. So ähnlich redet er auch. Auf einem Podium gegenüber dem Bolschoi-Theater geißelt er die "Lügen der Herrschenden über die Große Sozialistische Oktoberrevolution", rühmt die "Pläne Lenins und Stalins" und die "Errungenschaften des Sowjetlandes". Umfragen zufolge kann er mit ebenso viel Wähleranteilen rechnen wie Thälmann bei den Reichstagswahlen 1932: rund 17 Prozent.
Links ist Ödland
Denn links ist sonst Ödland zwischen Kaliningrad und Wladiwostok. Um linke Protestwähler wirbt ansonsten nur eine vom Kreml geklonte Pseudo-Linkspartei, für die auch das Glamourgirl Sobtschak - Moskaus Paris Hilton - und ihre wohlhabende Mama ihren aufdringlichen Charme spielen lassen. Abgespaltene Gruppierungen "wahrer" und "neuer" Kommunisten, die in den letzten Jahren mit Kreml-Hilfe Sjuganow das Wasser abgraben sollten, erwiesen sich als Eintagsfliegen. Sozialdemokraten von Gewicht gibt es in Russland nicht. Die letzten Sozis, die nicht im Straflager endeten, sind 1922 emigriert.
So bleiben die Kommunisten die einzige landesweit aktive linke Kraft mit offiziell 180.000 Mitgliedern. Sie sind die einzige Partei mit Ideologie und einer Tradition, die auch den Höhepunkt der russischen Geschichte einschließt - den Sieg über Hitler-Deutschland 1945. Das garantiert einen verlässlichen, wenn auch bescheidenen Zulauf auch junger Leute.
Wen die "totale Korruption" anwidert, die selbst Putins Kreml-Administrationsvize Wladislaw Surkow einräumt, wen es empört, wie elend Rentner im Ölboomland leben, wen es erbittert, dass die Kluft zwischen Armen und Reichen mehr und mehr wächst, der ist womöglich ansprechbar für die Kommunisten. Zumal in der KP nicht nur Fossile agieren, sondern auch Politiker, die sich auf Oppositionspolitik verstehen.
Da agitiert etwa der Duma-Abgeordnete Walerij Raschkin, ein Mann mit kräftigem Händedruck und erfahrener Bergsteiger, der jeden Sommer gemeinsam mit Jungkommunisten den Elbrus, den höchsten Berg des Kaukasus besteigt. Raschkin brachte unlängst die Kreml-Partei "Einiges Russland" in Rage, als er nachwies, wie sehr die Partei von korrupten Amtsträgern durchsetzt ist. Seine Quellen waren nicht zu beanstanden: Raschkin hatte in einer Fleißarbeit Informationen der örtlichen Staatsanwaltschaften zusammengetragen.
Dass sie die Verhältnisse wieder in ihrem Sinne wenden werden, glauben selbst viele der KP-Genossen nicht mehr. Selbst Sjuganow räumte vor einigen Jahren ein, Russland hätte sein "Limit für Revolutionen" ausgeschöpft. Ohnehin sprechen die Kommunisten inzwischen weniger von der Weltrevolution als von einem "russischen Sozialismus" unter der in westeuropäischen Ohren befremdlich klingenden Parole "Nation, Heimat, Sozialismus". Mit ihrem letztlich eher gemäßigten Nationalkommunismus erweist sich die KP als staatlich konzessionierte Anstalt zum Verbrauch revolutionärer Energie.
Hauptfeind "Oligarchen"
War für Lenin noch der Klassenkampf zwischen "Arbeiterklasse" und Bourgeoisie" die entscheidende Frontlinie, hat Sjuganow im heutigen Russland einen neuen "Hauptkonflikt" ausgemacht: zwischen "parasitärem Kapital" der Rohstoff-Exporteure und "schaffendem Kapital". Auf dieser biegsamen Weltanschauungsbrücke führt der KP-Chef die Genossen in die Nähe der Weltsicht des Präsidenten Wladimir Putin. Und dessen Hauptfeind heißt nicht mehr mit Karl Marx' "Das Kapital", sondern "der Oligarch"- eine im Bedarfsfall sehr flexible Kategorie. Wenn Sjuganow vor "orangen Revolutionen" wie in der Ukraine warnt und vor einer "oligarchischen Restauration", können das Kreml-Strategen nicht besser formulieren. Sjuganow zeigt sich so als loyaler Kommunist seiner Majestät Putin.
In der regierungsnahen "Iswestija" nennt Sjuganow den Kreml-Chef einen Mann, der "offen für einen Dialog" sei und sich bei Begegnungen "immer anhört, was ich zu sagen habe". Meist nur im vertrauten Genossen-Kreis oder im Interview mit dem Parteiorgan "Prawda" leistet sich Sjuganow noch kleine Spitzen wie die, Putin vereine "die Vollmachten des ägyptischen Pharaonen, des Zaren und des KP-Generalsekretärs" und trage "dabei gegenüber niemandem Verantwortung".
So mag es dem russischen Wähler der Kommunistischen Partei ergehen wie 1930 dem von Kurt Tucholsky beschriebenen "älteren leicht besoffenen Herrn" in Berlin, der sich für die Wahl der SPD entscheidet: "Es is so ein beruhijendes Jefiehl: man tut wat für die Revolution, aber man weeß es janz jenau: mit diese Pachtei, da kommt se nich."