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10. November 2016, 14:25 Uhr

Russisch-amerikanisches Verhältnis

Moskau will Augenhöhe - aber was will Trump?

Von , Moskau

Noch ist unklar, wie Donald Trump sich zu Moskau positioniert. Russische Staatsmedien feiern trotzdem den künftigen US-Präsidenten - und Wladimir Putin stellt schon mal klar, was er verlangt.

Wladimir Schirinowski ließ die Korken knallen - ausgiebig. Der russische Nationalist hatte 132 Flaschen Sekt in seine Parlamentsfraktion bringen lassen, um auf Donald Trump anzustoßen. "Dies ist ein historischer Moment", tönte er. Die US-Amerikaner hätten die richtige Wahl getroffen, für einen "gesunden, erfahrenen Menschen", gegen eine "sinnlose, alte Frau". Gemeint ist Hillary Clinton, an der sich Schirinowski die vergangenen Wochen abgearbeitet hatte: Mit ihr als Präsidentin drohe ein Atomkrieg, behauptete er. Dass Trump 70 Jahre alt ist, so wie er, erwähnt Schirinowski nicht.

Von dem Republikaner sei nur Gutes zu erwarten, die USA und Russland würden nun bald Alliierte. Dazu muss man wissen: Schirinowski gilt als einer, der ausspricht, was der Kreml denkt, aber nicht offiziell zu sagen wagt.

Während Trumps Sieg in weiten Teilen der Welt mit Skepsis, Schock oder gar Protesten aufgenommen wird (hier finden Sie Reaktionen aus mehr als 30 Nationen), gibt es in Russland freudige Kommentare. Der staatlich kontrollierte russische Fernsehsender NTW jubelt: "Trump ist unser" - in Anlehnung an den Spruch "Die Krim ist unser". Margarita Simonjan, Chefredakteurin von "Russia Today", twitterte, man solle mit US-Flaggen im Autofenster durch die Stadt fahren. Dabei hatte der Staatssender noch angesichts der guten Umfragen für Clinton die Legitimität der Abstimmung in Frage gezogen. Davon ist natürlich keine Rede mehr.

Doch bricht nun eine neue Phase der russisch-amerikanischen Freundschaft an? Zweifel sind angebracht. In Moskau ist man vor allem froh, dass man dem jetzigen Präsidenten Barack Obama und seine Parteifreundin Hillary Clinton in Kürze los ist. Das Verhältnis zu Obama und Clinton war stets frostig, zumal die Demokraten der russischen Führung im Wahlkampf Einmischung etwa durch gehackte E-Mails vorwarfen.

Zudem wird es um mehr als eine mögliche Kumpelei zweier Politiker ähnlichen Schlages gehen wird, die ihre Länder wieder groß machen wollen, auf Political Correctness pfeifen, hemdsärmelig und machohaft auftreten. Beide haben in den vergangenen Monaten Komplimente ausgetauscht: Trump bezeichnete den russischen Präsidenten unter anderem als "starke Persönlichkeit". Der nannte Trump eine "strahlende Persönlichkeit", hielt sich sonst aber meist mit Beurteilungen zurück. Getroffen haben sich die beiden nie.

Trump muss als Präsident die amerikanischen Interessen vertreten. Putin machte die russischen bereits deutlich. Er übermittelte Trump frühzeitig seine Glückwünsche. "Wir sind bereit, unseren Teil beizutragen, um das russisch-amerikanische Verhältnis auf eine stabile Bahn zu lenken", so der Staatspräsident. Wichtig sei aber ein "konstruktiver Dialog" und "gegenseitiger Respekt", mahnte er. Damit klingt durch, was Putin schon lange von den USA fordert: Wertschätzung. Bis heute wirkt nach, dass Obama Russland 2014 in einer Rede als "Regionalmacht" deklassierte.

Washington muss sich bewegen

Die russische Führung hat daraus gelernt, demonstriert ihren Machtanspruch, etwa in Syrien. Moskau will einen Dialog auf Augenhöhe und erwartet dafür, dass sich die USA an Russland annähern. Putin wirft den USA als Nato-Führungsmacht vor allem vor, Russland mit dem Raketenabwehrschirm und mehr Truppen in Osteuropa zu bedrohen. Wünschenswert wäre für Putin ein Präsident Trump, mit dem er nicht nur im Kampf gegen den Terrorismus pragmatisch Deals schließen, sondern auch Interessensphären aufteilen kann.

Konkret fordert der Kreml:

"Was kommt, weiß keiner"

Doch Trump ist bereits im Wahlkampf einen Zickzackkurs gefahren. Er sorgte mit unterschiedlichen Aussagen für Aussehen. Den baltischen Staaten würde er nur bei einem möglichen russischen Angriff beistehen, wenn sie "ihre Verpflichtungen uns gegenüber erfüllt haben", erklärte der Republikaner einmal. Er machte damit deutlich, dass sich an die Beistandspflicht der Nato nicht unbedingt gebunden fühlt. Dann wiederum verurteilte er Russlands Angriffe in Syrien und drohte russische Kampfjets, die amerikanischen Flugzeugen zu nah kommen, abzuschießen zu wollen.

Außenpolitikexperten, auch dem Kreml nahestehende, geben zu, den neuen Mann in Washington kaum einschätzen zu können. Es wird darauf hingewiesen, dass Trump nicht einmal ein außenpolitisches Team habe. Das mache seine Agenda entsprechend unvorhersehbar. Auch Putin sagte noch vor wenigen Tagen, man wisse nicht, wie Trump als Staatschef handeln werde.

Fjodor Lukjanow, Außenpolitikexperte und Chefredakteur des Magazins "Russia in Global Affairs" , glaubt, dass sich die Beziehungen zwischen den beiden Ländern kaum verändern werden. Zumal der künftige US-Präsident angesichts der massiven innenpolitischen Probleme und der politischen Spaltung der USA von Anfang an eine lame duck sei. "Was kommt, weiß keiner. Alle werden zuschauen, was passiert, auch Russland - und es wird die Show genießen."

Wie schon den Wahlkampf, den die Kreml-nahen Medien monatelang für ihre antiamerikanische Propaganda nutzten. Die Frage ist nur, an wem sie sich nun abarbeiten werden. Obama und Clinton jedenfalls sind Geschichte.


Zusammengefasst: Offiziell lobt Russland, dass Donald Trump sich bei den US-Präsidentschaftswahlen durchgesetzt hat. Doch auch wenn Wladimir Putin und Trump sich gegenseitig gelobt haben, die Beziehungen werden vermutlich nicht unbedingt besser zwischen Moskau und Washington. Russland erwartet mehr Wertschätzung, zudem ist Trumps Außenpolitik kaum einschätzbar.

Mitarbeit: Makar Butkow

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