Russland vor der Präsidentschaftswahl Putins Presseshow

Russlands Präsident hält wie jedes Jahr Hof vor Journalisten. Die wenden sich mit Bitten an Wladimir Putin - und lauschen ehrfürchtig, was er zu seiner Kandidatur 2018 zu sagen hat.

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Von , Moskau


Die Tonlage gab Kreml-Sprecher Dimitrij Peskow vor. Er sehe keinen Gegner für Wladimir Putin, erklärte er vor der Jahrespressekonferenz seines Chefs. Er persönlich sehe niemanden, der reif sei, dem Präsidenten in der kommenden Zeit Konkurrenz zu machen.

Putin nimmt den Faden gern auf. Mit einigen Minuten Verspätung schreitet er in den Saal des World Trade Centers in Moskau, um an seinem großen Schreibtisch vorne auf der Bühne Platz zu nehmen.

"Warum kann die Opposition mir keine Konkurrenz machen?", fragt Russlands Präsident lächelnd und gibt sich selbst die Antwort: Das liege an seiner Politik: Seit 2000 sei das BIP um 75 Prozent gestiegen, die Industrieproduktion um 70 Prozent gewachsen, die Sterblichkeit zurückgegangen, die Armee habe sich entwickelt. Putin, der Garant für Stabilität, so präsentiert sich der Präsident. Doch daran haben auch im Saal so einige ihre Zweifel: "Wird es noch schlimmer?", steht auf einem Plakat. Putin pariert solche Zweifel: Natürlich gebe es noch viel zu verbessern.

Zunächst kündigt Putin an, als unabhängiger Kandidat am 18. März anzutreten - also offiziell nicht als Vertreter der Regierungspartei Jedinaja Rossija, die im Volk als intransparent und korrupt gilt, was auch an Recherchen seines Dauerkritikers Alexej Nawalny liegt. Die unabhängige Kandidatur wird die einzige Neuigkeit an diesem Donnerstag bleiben.

Journalisten mit Plakaten
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Journalisten mit Plakaten

Dass Putin sie als Präsident auf seiner Pressekonferenz bekannt gibt, sagt einiges über die Art der Veranstaltung, die diesen Namen eigentlich nicht verdient. Es geht eher darum, dass Putin Hof hält vor Journalisten - und das vor seiner Wiederwahl, die als sicher gilt. Als Gegner werden ohnehin nur jene zugelassen, die keine Chance haben, etwa der Dauerkandidat und Rechtspopulist Wladimir Schirinowski.

Journalisten sind Stichwortgeber

In diesem Jahr haben sich 1640 Journalisten akkreditiert, ein neuer Rekord, wie das Staatsfernsehen vermeldet. 3 Stunden und 45 Minuten dauert das Spektakel, das live auf allen Staatskanälen übertragen wird. Das Schema ist immer gleich: Ein Journalist darf eine Frage stellen, Putin antwortet fast immer (außer bei speziellen Fisch- und Schachfragen, die er lieber zurückstellt), holt minutenlang aus. Nachfragen, oder gar eine Diskussion, sind nicht vorgesehen. Die Journalisten sind Stichwortgeber.

Ob Putin nicht langweilig sei, angesichts der Opposition, die keinen Einfluss habe, fragt ein Reporter des kremlnahen Senders Lifenews? Ein anderer bedankt sich dafür, dass es endlich bei ihm im Ort eine neue Straße gebe. Eine Journalistin klagt darüber, dass es immer noch an Geld fehle, um eine wichtige Brücke bei sich in der Stadt zu bauen. Wladiwostok brauche endlich ein Sportzentrum für die Kinder, sagt ein Dritter. Das alles erinnert sehr an Putins "Direkten Draht", seiner TV-Sprechstunde, bei der sich Bürger mit ihren Problemen an ihn wenden können. Mit Journalismus hat das nichts zu tun.

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Pressekonferenz mit Putin: Buhlen um die Aufmerksamkeit des Präsidenten

Die Reporter rufen und wedeln mit selbstgebastelten Plakaten - die eigentlich nicht größer als Din A3 sein dürfen, wegen der Kameras - um die Aufmerksamkeit von Putin oder Peskow zu erhaschen, die ihnen das Wort erteilen. Grenzen gibt es kaum. "Los, lass uns die Blondine fragen!", hat eine blonde Journalistin auf ihr Schild geschrieben. Eine andere hat sich eine weiße Perücke aufgesetzt und springt auf und ab. Ein Kaliningrader Journalist schwitzt in einem Weihnachtsmannkostüm.

Themen wie die Beziehungen zu den USA kommen bei den regionalen Kollegen nicht gut an. Als der Reporter des US-Senders NBC wissen will, was Putin zu den Ermittlungen zu Kontakten des Trump-Teams mit russischen Vertretern denkt, stöhnen sie auf. Putin tut solche Verbindungen als Routine ab, nennt die Ermittlungen "Wahnsinn".

Das bleibt alles unwidersprochen im Raum stehen, genauso wie Putins Äußerungen zur Ukraine. "Schlimmer als Srebrenica" werde es im Donbass, wenn die Ukrainer dort einrückten, behauptet der Präsident. Er bekommt sogar Applaus von Journalisten, nachdem er minutenlang ausführt, dass Russen und Ukrainer ein Volk seien, womit er in Kiew wieder für Empörung sorgt. Der ukrainische Kollege wird für kritische Ausführungen zum Krieg im Donbass ausgebuht.

Kandidatin Sobtschak bekommt das Wort

Für Kritik ist in diesen Stunden allenfalls dosiert Platz. Die liberale Journalistin Xenia Sobtschak darf eine Frage stellen. Man fragt sich, in welcher Rolle sie unterwegs ist: als Journalistin oder Kandidatin? Sobtschak kandidiert ebenfalls am 18. März. Doch da die ganze Pressekonferenz eine Wahlshow für Putin ist, ist das eigentlich unerheblich. Zumal Sobtschak recht hat, wenn sie sagt, sie habe sonst keine Möglichkeit, mit Putin zu sprechen, er nehme ja an keinen Debatten teil.

Xenia Sobtschak
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Xenia Sobtschak

Sobtschak spricht das an, was sich andere nicht trauen: Der Oppositionelle Nawalny werde mit Scheinverfahren daran gehindert, an der Wahl teilzunehmen. Auch sie habe Probleme, Säle für ihre Veranstaltungen zu mieten, die Leute hätten Angst, mit Oppositionellen zusammenarbeiten. Warum das denn so sei, habe Putin Angst vor einer echten Konkurrenz, will sie wissen.

Der Präsident stichelt zurück: "Sie treten mit der Losung 'Gegen alle' auf. Ist das ein positives Programm?". Er vergleicht Nawalny gar mit dem georgischen Ex-Präsidenten Michail Saakaschwili, der in der Ukraine für die Absetzung des Staatschefs wirbt. Es dürfe in Russland keinen Maidan wie in der Ukraine geben. Wieder Applaus.

Angesichts des ständigen Beifalls meldet sich Tatjana Felgenhauer zu Wort. Die prominente Journalistin arbeitet für den Putin-kritischen Radiosender Echo Moskwy, sie wurde im Oktober bei einem Messerangriff in ihrer Redaktion schwer verletzt. Auf Twitter schreibt sie: "Warum applaudiert ihr? Seid ihr in einer Show? In einem Zirkus? Glaubt ihr, das ist die Arbeit eines Journalisten?" Eigentlich schade, dass sie die Fragen nicht laut im Saal stellt.



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