Festnahmen in Russland Zehntausende protestieren - Medwedew fährt Ski

In Russland gehen Zehntausende Menschen auf die Straße, Hunderte werden festgenommen. Auslöser der Demonstrationen ist ein Korruptionsskandal um Premier Medwedew. Und wie reagiert der? Tut, als wäre nichts.

Premierminister Dmitrij Medwedew
AP/ RIA-Novosti

Premierminister Dmitrij Medwedew

Von , Moskau


Mehr als 1000 Demonstranten wurden nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen in Russland festgenommen, darunter Schüler und Studenten. Am Sonntag waren in 82 Städten über 60.000 Menschen auf die Straßen gegangen, um gegen Korruption in ihrem Land zu demonstrieren. Es waren die größten Prostete in Russland seit 2012.

Aufgerufen zu den Protesten hatte der Oppositionelle Alexej Nawalny. Anfang des Monats veröffentlichte der Anwalt, der bei den Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr Staatschef Wladimir Putin herausfordern will, einen Film im Internet.

50 Minuten lang wird gezeigt, welche Reichtümer Premier Dimitrij Medwedew angeblich in Russland und im Ausland angehäuft hat: Großräumige Residenzen, Luxusdatschen, Paläste, teure Boote und Weingüter werden präsentiert. Mehr als zwölf Millionen Mal wurde der Film bislang angeklickt.

Video: Nawalnys Film über seine Korruptionsvorwürfe gegen Medwedew

Medwedew hat das Video bisher nicht kommentiert. Es gibt seit Wochen Spekulationen über ihn, auch dass er womöglich in den kommenden Monaten sein Amt verlieren könnte. Präsident Wladimir Putin hatte vor einigen Tagen verkündet, der Premier habe Grippe. Dann tauchten aber Fotos von Medwedew auf, die ihn beim Skifahren zeigten. Er verkündete, er sei nicht krank.

Und wie reagiert der Premierminister auf die Proteste? Auf Instagram fragte der Nutzer @ispiridonoff ihn, wie sein Tag gewesen sei. Der Ministerpräsident antwortete: "Nicht schlecht, ich bin Ski gefahren."

Damit löste Medwedew Empörung aus: "Sie sind kein Premier, Sie sind eine Schande für unser Land", schrieb einer. Ein anderer: "Medwedew sollte im Gefängnis sitzen." Es sind inzwischen Dutzende wütender Posts zu lesen. "Volksnähe ist, wenn man auf Instagram antwortet", kommentierte ein User ironisch.

Screenshot von Medwedews Instagram-Account: Seine Antwort auf die Frage des Users @ispiridonoff "Hallo! Wie war Dein Tag?" am Tag der Anti-Korruption-Demos in Russland: "Nicht schlecht. Ski gefahren".
Instagram

Screenshot von Medwedews Instagram-Account: Seine Antwort auf die Frage des Users @ispiridonoff "Hallo! Wie war Dein Tag?" am Tag der Anti-Korruption-Demos in Russland: "Nicht schlecht. Ski gefahren".

Die meisten Staatsmedien berichteten über die Vorwürfe genauso wenig wie über die Proteste am Sonntag. Der kremlnahe Staatssender "Life News" meldete lediglich, es gebe keine Beweise gegen Medwedew, die eine mögliche Korruption belegen könnten. Nawalny sei nur ein Marketing-Genie, sonst nichts.

Der Oppositionelle macht seit Wochen Wahlkampf. Er eröffnet in verschiedenen Städten Wahlkampfbüros, obwohl nicht klar ist, ob er bei der Präsidentschaftswahl gegen Putin antreten kann. Nawalny wurde im Februar in einem fragwürdigen Betrugsverfahren erneut zu fünf Jahren Haft auf Bewährung verurteilt.

Fotostrecke

10  Bilder
Massenproteste in Russland: Das Volk begehrt auf

Nawalny wurde am Samstag ebenfalls festgenommen. Hunderte Demonstranten sammelten sich um den Bus und versuchten, diesen am Wegfahren zu hindern. 16 Leute aus Nawalnys Team wurden ebenfalls von Sicherheitskräften festgesetzt, auch Nawalnys Wahlkampfmanager wurde festgenommen, ihm wird Extremismus vorgeworfen. Das Büro des Fonds gegen Korruption, eine Organisation von Nawalny, die Korruptionsfälle im Land recherchiert, wurde durchsucht. Es ist nach wie vor von der Polizei gesperrt.

Sondereinheiten gingen am Sonntag teils gewaltsam gegen Demonstranten in Moskau vor, trugen Menschen an Beinen und Händen weg, prügelten auf sie ein. Auch ein Journalist des "Guardian", der über die Proteste berichtete, wurde abgeführt und erst nach 5,5 Stunden freigelassen. Ihm werfen die Behörden, Teilnahme an einer nicht genehmigten Demonstration vor. Die EU und die USA forderten die sofortige Freilassung der der Festgenommen. Der Kreml wies die Kritik zurück, sprach von einer "Provokation", die jungen Leute seien bezahlt worden für ihre Teilnahme an den Protesten.

Nawalny wurde am Montag einer Richterin vorgeführt. Sie verhängte die Maximalstrafe: 15 Tage Arrest.

Mitarbeit: Tatiana Sutkovaya

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.