Russlands Botschafter in Berlin Kaviarhäppchen, Pomp und Propaganda

Er hat Glanz in die russische Vertretung in Berlin gebracht: Botschafter Kotenew möchte den deutschen Blick auf Russland von Klischees befreien - und gibt sich deshalb als Partylöwe, ja als russischer Kennedy. Dabei ist er seinen bärbeißigen Vorgängern doch so nah.

Berlin - Zu solch einem Botschafter wie dem in Berlin müsste sich das Moskauer Außenministerium pausenlos beglückwünschen. Seit Wladimir Kotenew in der deutschen Hauptstadt residiert, wird den Berlinern russische Politik wie Popmusik mit Kaviarhäppchen verkauft: Kotenew und Gattin Maria haben die Botschaft Unter den Linden in vier Jahren zu einem Mekka der Berliner Society gemacht. Welch ein Kontrast zu den bärbeißigen Diplomaten, die früher in diesem Hause saßen. Noch Kotenews Vorgänger war ein eher schwieriger Mann. Der lächelte zwar immerhin schon, aber er versteckte seine Augen hinter einer dunkelgetönten Brille, als wolle er der Wirklichkeit entfliehen. Leider sprach er auch kein Deutsch.

Kotenew, der Mann mit den eleganten Umgangsformen, ist aus anderem Holz. Er hat es zu seiner Mission erklärt, das Image Russlands in Deutschland zu drehen. Denn, so beklagte sich der 51-jährige Diplomat jüngst in einer bekannten Zeitschrift: Die Deutschen wüssten noch immer wenig über seine Heimat. Sie glaubten, Russland sei ein riesiges Land, in dem Bären leben und alle Menschen Wodka trinken, sie pflegten nach wie vor nur ihre Klischees.

Da wäre der Russisch-Deutsche Ball, der letzten Freitag in Kotenews Palais unweit des Brandenburger Tores stattfand (laut "Welt am Sonntag" der "vielleicht glamouröseste der Hauptstadt") eine ideale Bühne russischer Selbstdarstellung – wenn einen nicht das Gefühl beschleichen würde, bei seinen Gästen renne Kotenew in Sachen Russland-Bild offene Türen ein. Was im Umkehrschluss bedeutet: Er hat seine Einladungsliste genau in diesem Geist zusammengestellt.

Party mit Joop, Becker und Kaiser Franz

Jette Joop und Barbara Becker waren an jenem Freitagabend da, dazu Nadja Auermann, Herzogin Elisabeth in Bayern und die Noch-Frau des Aga Khan. Ob deren Russland-Bild jemals von Zweifeln getrübt worden ist, ja ob sie überhaupt eines haben, das weiß der liebe Gott. Auch Franz Beckenbauer ist den Russen nicht böse gesinnt, er kam und sah und staunte über den poststalinistischen Prunk ("Ich bin beeindruckt, das ist ja ein Palast!").

Bei Deutschlands Wirtschaftsbossen hatte Kotenew erst recht keinerlei Überzeugungsarbeit zu tun. Der ehemalige Daimler-Vorstand Klaus Mangold war mit von der Partie, der – seit er Chef des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft ist – selbst den bedenklichsten politischen Vorgang in Russland schönzureden weiß und Präsident Dmitrij Medwedew (wie vorher Putin) als "Glücksfall" der russischen Geschichte versteht. Auch Wolfgang Porsche und Wendelin Wiedeking lachten neben dem Botschafter in die Kameras, wahrscheinlich aus Dankbarkeit. Sie hatten (neben der BASF) dem Vertreter des in Öldollars schwimmenden Landes die Fete bezahlt, denn sie setzen inzwischen jedes Jahr fast doppelt so viele ihrer Luxuskarossen in Moskau ab als noch im Jahr zuvor. Fast überflüssig zu erwähnen, dass unter den Gästen auch Putins Gas-Botschafter in Deutschland war, der sich in Kotenews Palais so sehr zu Hause fühlt, dass man ihn gegen Mitternacht mit hochrotem Kopf und erhobenen Armen "Kalinka, Kalinka" stampfen sah.

Den Gastgeber hat das sicher gefreut. Der hatte übrigens zur Eröffnung der Veranstaltung etwas gesagt, was vordergründig wohl gar nicht für dieses frohsinnige Publikum bestimmt gewesen war. Aber es ist es wert, hier noch mal erwähnt zu werden. Denn Kotenew kam nicht ganz ohne das traurige Thema Georgien aus: "Vor einem Monat hat sich im Kaukasus eine Tragödie ereignet", erklärte er vor seinen tausend Gästen, "deren Ursache und Folgen im Westen noch aufgearbeitet werden sollten."

Nur im Westen also. Nicht in Russland.

Wenn ein gemeinhin gut informierter Botschafter über die Ursachen dieses Krieges spricht, sollte er nicht vergessen, dass sein eigenes Land über viele Jahre hinweg die Georgier provoziert und Südosseten (wie auch Abchasen) zu militantem Ungehorsam angestachelt hat. Dass es in den Bürgerkriegen der neunziger Jahre zuließ, dass russische Freiwillige (darunter nicht wenige der ansonsten so ungeliebten Tschetschenen) nach Georgien strömten, um auf Georgier zu schießen; dass Moskau zusah, wie mehr als 200.000 Menschen auf Dauer aus ihrer Heimat vertrieben wurden, und dass es den Zurückgebliebenen – obwohl auf georgischem Territorium lebend – russische Pässe übergab, womit es demonstrierte, dass eine Konfliktlösung unter Berücksichtigung georgischer Interessen nicht unbedingt in seiner Absicht lag. Dass Georgiens Präsident mit einer abenteuerlichen Strategie die Lage so zuspitzte, dass Russland Anlass zu militärischem Eingreifen sah, ist eine andere Frage. Man darf davon ausgehen, dass der unberechenbare Georgier Micheil Saakaschwili nach dieser Vorgeschichte Moskau sogar höchst willkommen war.

Deutsche Presse - rotes Tuch

Das alles müsste ein Botschafter wissen. Dass er es so nicht in der Öffentlichkeit sagen kann, steht auf einem anderen Blatt, dafür ist er Diplomat. Aber er sieht die Welt ja auch gar nicht so. Ausgerechnet dieser Botschafter, der sich als russischer Kennedy stilisiert und den das politische Berlin so begeistert als Partylöwe feiert, kommt mit kritischen Meinungen gegenüber Moskau so gar nicht zurecht. Vor allem die deutsche Presse ist für ihn ein rotes Tuch.

"Es gibt einen Ozean von Informationen in den russischen Medien. Davon finde ich in den deutschen Medien keinen Bruchteil", beschwerte sich Kotenew, als er unmittelbar nach dem Fünftagekrieg im Kaukasus Journalisten in seiner Botschaft empfing. Leider hatten sich die von ihm empfohlenen Informationen allzu oft als Propaganda entpuppt, Kotenew selbst aber hat sie als letzte Wahrheiten verkauft. Von einem "Völkermord" sprach der Botschafter in der "Bild", davon, dass georgische Truppen "Kirchen voller Flüchtlinge angezündet und ganze Dörfer niedergewalzt" hätten, wofür Moskau "konkrete Beweise vorlegen" könne.

Inzwischen weiß man, all das war alles andere als korrekt, die von den Südosseten verkündete Opferzahl von 2000 Zivilisten hat Moskau auf 134 reduziert. Und einen Mann wie Saakaschwili, dessen Wirken gewiss noch genauer zu untersuchen ist, einen "Verbrecher" zu nennen, wie es Kotenew in der ARD tat, steht einem Diplomaten nicht gut zu Gesicht.

Mit Larmoyanz gegen die deutsche Presse

Das Problem ist aber ein anderes. Mit der festgefügten Meinung, deutsche Medien schrieben über Russland nichts weiter als Unfug, kam der Botschafter vor vier Jahren bereits nach Berlin. Er verkündete sie fast jedem dieser Zunft, den er irgendwo traf. Offenbar hatte er die Presse seines Gastlandes als ernstzunehmenden Partner bereits abgeschrieben, bevor er deutschen Boden betrat; den Kontakt zum SPIEGEL zum Beispiel suchte er – im Unterschied zu anderen akkreditierten Diplomaten – so gut wie nie. Auch sein Presseattaché zeigte sich desinteressiert. Da fällt es sicher schwer wahrzunehmen, dass die westliche Presse die Vorgänge im Kaukasus durchaus differenziert zu beschreiben versucht.

"Ach, wissen Sie, Russland war fast immer allein", antwortete Kotenew neulich auf die Frage eines Medienvertreters, ob sich Russland durch rücksichtsloses Vorgehen in Georgien international nicht isoliere, seine Argumente würden sowieso immer nur abgetan. Das ist genau jene larmoyante Haltung, in der sich die politische Elite seines Landes zunehmend gefällt. Die umgebende Welt sei Russland feindlich gesonnen, das gilt in Moskau inzwischen als Axiom: Man müsse damit aufhören, nach Westen zu schielen, um zu erfahren, wie dieser über Russland denkt.

PR-Maschine Georgien

Woraus sich aus russischer Logik ergibt, dass Arbeit mit jenen Medien, die man nicht – wie zu Hause – domestizieren kann, von vornherein vergebliche Liebesmüh ist. Da gehen die Georgier ganz anders vor: Seit dem Kaukasus-Krieg haben sie eine international versierte PR-Firma mit Sitz in Brüssel, London und Paris engagiert, welche die Medien nahezu stündlich mit den Argumenten der Saakaschwili-Führung bombardiert. Dazu gibt es Hintergrundgespräche und Interviewvorschläge, der Präsident selbst bietet sich noch nachts um drei als Gesprächspartner an. Nicht zuletzt deswegen haben Saakaschwilis Leute den Informationskrieg um Südossetien gewonnen, die russische Seite hat ihn verloren. Das übrigens ist eine Feststellung russischer Beobachter.

Aber so war es stets in Krisenzeiten russischer Politik, so ist es, seit Putin die Macht übernahm – ob im Jahr 2000 beim Untergang des Atom-U-Bootes "Kursk" oder 2004 nach dem Terrorangriff auf die Schule in Beslan: Negative Schlagzeilen in westlichen Medien gab es immer dann, wenn die russische Seite nichts zur Aufklärung beitrug.

"In Berlin tanzt der Bär", schrieb eine Zeitung nach dem Russisch-Deutschen Ball. Ein Diplomat, der zwar mit Charme und Chic agiert, aber gleichzeitig ein Stück Wirklichkeit auszublenden versucht, erweist seinem Land in der Tat einen Bärendienst.

Er wird Russlands Image nicht wirklich drehen.

Konflikt im Kaukasus - Georgien, Südossetien, Abchasien