Russlands Doppelspitze Feldherr Putin deklassiert seinen Ziehsohn

Putin trat vor die Presse, Putin reiste ins Krisengebiet: Der Kaukasus-Krieg hat bewiesen, dass Russlands Ex-Präsident noch immer die Richtung der Politik vorgibt. Dmitri Medwedew durfte zwar jetzt das Ende der Kämpfe ausrufen - sonst aber fällt er vor allem durch Passivität auf.

Von Carmen Eller, Moskau


"Hundert Tage zu zweit" - das klingt nach einer Partnerschaftschaftsgeschichte, aber nicht nach großer Politik. Mit diesem ironischen Titel überschrieb das angesehene russische Wochenmagazin "Wlast" ein Porträt des Präsidenten Dmitri Medwedew. Auch nach hundert Tagen im Amt agiert er nur als Teil eines politischen Zweigespanns.

Putin (links) und Medwedew: Der Ziehvater stiehlt seinem Nachfolger die Show
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Putin (links) und Medwedew: Der Ziehvater stiehlt seinem Nachfolger die Show

Um das neuartige Politmodell zu beschreiben, haben die Russen sogar ein eigenes Wort geprägt: "Tandemokratia", eine Verschmelzung aus "Tandem" und "Demokratie". Wenn aber auch zwei strampeln, so gibt doch selbst auf einem Tandemfahrrad immer nur einer die Richtung vor. Wer das im Falle der Kreml-Politik übernimmt, konnten Beobachter schon lange vermuten - nun hat der Krieg im Kaukasus den Beweis erbracht.

Zwei Politiker, zwei sehr unterschiedliche Karrieren: Für den bei seinem Amtsantritt noch wenig bekannten Wladimir Putin wurde der Tschetschenienfeldzug zum Motor seiner politischen Karriere. Im Falle Medwedews dagegen offenbarte der Kaukasuskrieg sein noch immer schwaches Standing.

Immerhin: An diesem Dienstag fiel es ihm zu, das Ende der Kämpfe zu verkünden: "Ich habe die Entscheidung getroffen, den Einsatz zu beenden, um die georgische Führung zum Frieden zu zwingen." Ansonsten fiel der Medwedew im Verlauf des Konflikts vor allem durch Passivität auf.

Während er sich vergangene Woche noch in seinem Urlaub an der Wolga sonnte, stießen georgische Streitkräfte nach Südossetien vor. Premierminister Putin weilte derweil in Peking - zur Eröffnung der Olympischen Spiele. Mehr als einen halben Tag lang kam kein Wort aus dem Kreml. Stattdessen wurde Medwedews Vorgänger aktiv.

Putin tritt in Peking vor die Presse. Putin spricht mit Flüchtlingen in Nordossetien. Putin vergleicht Saakaschwili mit Saddam Hussein. So stiehlt der politische Ziehvater seinem Nachfolger die Show. "Die Kombination eines unerprobten Präsidenten ohne eigene Hausmacht mit dem starken Mann Russlands als Ministerpräsident ist ein Novum in der russischen Politik, die bisher stets auf eine Einmannleitung angelegt war", schreibt Hans-Henning Schröder, Professor für osteuropäische Zeitgeschichte. Dmitri Medwedew ist ein Präsident von Putins Gnaden, so wie einst Putin selbst auf Boris Jelzins Geheiß die Macht übernahm. Räumte der kranke Jelzin jedoch unmittelbar die politische Bühne, bleibt Putin trotz Medwedews Amtsantritt Russlands starker Mann. Wenige Monate vor der Wahl feierte man ihn noch als "nationalen Führer".

Bulldoggen unter dem Teppich

Mit der Präsidentschaft von Dmitri Medwedew erhielt der doppelköpfige Adler, das russische Wappentier, eine neue Symbolik. Einen Tag nach der Amtseinführung Medwedews wurde Putin als Premier bestätigt. Dem bislang eher administrativen Amt verlieh der ehemalige Kreml-Chef neues politisches Gewicht. In seiner Antrittsrede skizzierte Putin Eckpunkte seiner künftigen Wirtschaftspolitik - Medwedews große Rede zur Lage der Nation fiel erst einmal ins Wasser.

Trotzdem galt der mit 42 Jahren jüngste russische Präsident zunächst einmal als Hoffnungsträger. "Freiheit ist besser als Unfreiheit" - mit diesen Worten bestätigte der frischgebackene Staatschef seinen liberalen Ruf. Seine Reden gegen Rechtsnihilismus, seine Betonung der Pressefreiheit, seine zurückhaltende Rhetorik - all das nährte im Ausland die Hoffnung auf einen Kurswechsel im Kreml.

In der Außenpolitik blieb jedoch fast alles beim Alten. Wie Putin widersetzt er sich einem US-amerikanischen Abwehrsystem, wie Putin wendet er sich gegen eine Osterweiterung der Nato. Die von den Politikern selbst erklärte Arbeitsteilung, nach der Präsident Medwedew außenpolitisch Akzente setzt und Premier Putin im Inneren regiert, ist heute Makulatur.

Trotzdem wäre es verfrüht zu glauben, Medwedew könne auch langfristig nicht aus Putins Schatten treten. Zwar sind die beiden Politiker aus St. Petersburg ein über lange Jahre eingespieltes Team. Dies schützt sie jedoch nicht zwangsläufig vor Differenzen. "Ganz gleich, wie gut die persönliche Beziehung der beiden auch ist, gibt es unter erwachsenen Menschen in dieser Position Interessenkonflikte, selbst wenn sie eineiige Zwillinge wären", sagte kürzlich der Journalist und Historiker Nikolai Swanidse SPIEGEL ONLINE.

Unklar ist, wie die Arbeitsteilung langfristig fortgesetzt werden soll. Möglicherweise begnügt sich Medwedew mit der zweiten Geige, und Putin kehrt als Präsident zurück. Vielleicht wartet der neue Mann im Kreml aber auch noch auf den richtigen Moment für seinen großen Einsatz.

Nach nur drei Monaten als neuer Präsident ist es für ihn immer noch gefährlich, den dominierenden Putin vor den Kopf zu stoßen. Im komplexen Moskauer Machtgefüge hat sein Vorgänger nach wie mehr Kontakte, auch sein Rückhalt im Volk ist größer. Politische Dissonanzen hat der neue Präsident bisher wohlweislich vermieden.

Der einstige britische Premierminister Winston Churchill verglich die Kämpfe im Kreml einmal mit Bulldoggen, die unter dem Teppich kämpfen. Nach außen hin mag der Streit nicht sichtbar sein - aber das heißt nicht, dass es keinen gibt. Das gilt wohl auch für Putins und Medwedews politische Zeit "zu zweit".



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