Russlands junge Aktivisten Putin ruft, wir ziehen an die Front

Millionen Anhänger von Putins "Volksfront" sollen für ihn den Wahlsieg erkämpfen. In einem Zeltlager südlich von Moskau feiern seine Jungaktivisten demonstrativ das Vaterland, erlernen die Kunst der Schmutzkampagne - und üben sich auch schon mal in Wahlfälschungen.

AFP

Aus Lipezk berichtet


Gleich nachdem die Sonne über dem Zeltplatz nahe der südrussischen Stadt Lipezk, 400 Kilometer südöstlich von Moskau, aufgegangen ist, ziehen in Zweierreihen junge Männer und Frauen durch das Zeltlager der "Allrussischen Volksfront". Die jungen Männer tragen T-Shirts mit dem Konterfei von Premierminister Wladimir Putin, die jungen Frauen Aufkleber mit dem Bekenntnis "Ich bin bereit zu gebären". Vorneweg marschiert ein Einpeitscher mit Megafon. Mal ruft er "Russland, Russland", dann wieder "Wir sind glücklich". Putins treue Garde übt hier den Ernstfall: demonstrieren für die Stabilität im Lande.

Überall versammelt Russlands Führung in den Sommermonaten Putin treu ergebene Jugendliche. 20.000 sind es allein am malerischen Seliger See, nordwestlich von Moskau. In Lipezk sind es 1700 Jungkader von der "Allrussischen Volksfront", einem Wahlverein, der Putin den Machterhalt sichern soll.

Gebietet er auch nach den Parlamentswahlen im Dezember über zwei Drittel der Stimmen im Parlament, könnte er jeden unliebsamen Konkurrenten auf dem Posten des Präsidenten des Amtes entheben lassen, per Impeachment. Seine Parteischöpfung "Einiges Russland" aber wird im Volk immer unbeliebter, und im Internet machen Blogger Stimmung gegen die "Partei der Diebe und Gauner".

Laut Umfragen der Stiftung für gesellschaftliche Meinung ist die Zustimmung der Bürger für die Staatspartei seit Mai 2009 um 13 auf 43 Prozent gesunken, zu wenig für deren absoluten Machtanspruch.

"Für 'Einiges Russland' ist die 'Volksfront' eine Art Airbag", erklärt Alexej Muchin, Direktor des Moskauer Zentrums für politische Information. Bei den vergangenen Regionalwahlen hat Putins Popularität allein nicht mehr gereicht, um ein gutes Abschneiden der Partei zu garantieren. "Jetzt soll die 'Volksfront' die Illusion einer breiten Volksbewegung schaffen", sagt Muchin.

"Hast auch du dich schon zur Front gemeldet?"

150 von 600 Kandidatenplätzen auf der Wahlliste von "Einiges Russland" hat Putin den Mitgliedern der "Volksfront" versprochen. Rund 500 Organisationen, Verbände und Großunternehmen haben sich der "Volksfront" bereits angeschlossen: die staatliche Post etwa mit 400.000 Mitarbeitern, eine Million Eisenbahner und rund 1,4 Millionen Mitglieder der "Union der Pensionäre". Immer neue Erfolgsmeldungen treffen von der "Front" ein: Laut der angesehenen Moskauer Tageszeitung "Kommersant" begehren in der Teilrepublik Baschkortostan im Ural mehrere Schulen die Aufnahme und in der zentralrussischen Stadt Wladimir die Bewohner eines ganzen Straßenzugs. Weil sich auf der Web-Seite der Organisation aber jedermann registrieren kann, ohne dass seine Angaben geprüft werden, nimmt Russland inzwischen leicht amüsiert zur Kenntnis, dass auch eine gewisse "Michelle Obama" sowie "Puh der Bär" die Reihen der Frontkämpfer verstärken.

Fotostrecke

19  Bilder
Wladimir Putin: Russlands Naturbursche
Denis steht zwischen Reihen olivgrüner Zelte in Lipezk. Der breitschultrige 19-Jährige ist zwölf Stunden mit dem Auto aus der Kaukasus-Republik Adygea angereist. Denis gehört wie die meisten hier zur Generation der heute 18- bis 23-Jährigen, die kaum noch Erinnerungen an die neunziger Jahre haben, an Präsident Boris Jelzin und seine demokratischen Experimente, an Wirtschaftskrise und Chaos. Sie sind aufgewachsen während der Präsidentschaft von Putin. Nun wünschen sie sich, er möge bei den Präsidentschaftswahlen im kommenden März wieder zurückkehren in den Kreml. "Früher waren Banditen die Respektspersonen in den Hinterhöfen unserer Häuser", sagt Denis. "Heute ist Wladimir Putin unser Vorbild."

Im Zeltlager von Lipezk ziehen Aktivisten vorbei, unter Putins Kopf prangt auf ihren T-Shirts die Frage: "Hast auch du dich schon zur Front gemeldet?" Seine Anhänger bereiten sich hier auf die Wahlen vor, von denen der Premier selbst sagt, sie würden so schmutzig werden, dass er sich danach "waschen müsse", sowohl "im hygienischen als auch im politischen Sinne".

Den Gegner in den Dreck ziehen

Wladislaw Artjomow, ein Kader der Putin-Jugend "Junge Garde", steht in einem weißen Versammlungszelt und unterweist junge Aktivisten in der Kunst der "Konterpropaganda". Es geht darum, wie man das Ansehen der eigenen Fraktion mehren und - mehr noch - den Gegner in den Dreck ziehen kann. "Rechtfertigt euch nie, zieht die Argumente eurer Gegner besser ins Absurde", ruft er. "Wenn die Kommunisten marschieren, dann werft doch mal Geldscheine in die Menge. Was werden das für Fotos sein, wenn die Kommunisten auf dem Boden nach Geld suchen", schlägt Artjomow vor.

Für die Dauer des Zeltlagers müssen die 1700 Teilnehmer mit blauen Chemietoiletten-Häuschen und eingeschränkten Duschzeiten vorlieb nehmen. Dafür gibt es zwischen den Zelten flächendeckend drahtloses Internet. Am Abend spielt die russische Popband "Uma Thurman" auf der riesigen Bühne. Außerdem donnern Kampfjets vom Typ Su-27 mehrfach über das Lager. Wohl um den "Kampfgeist der jungen Frontkämpfer zu stützen", lästert die liberale Moskauer Tageszeitung "Wedomosti" - und enthüllt, dass der Gouverneur von Lipezk zehn Millionen Rubel, umgerechnet 250.000 Euro, aus dem Staatssäckel für das Polit-Camp springen ließ. Dabei ist eine solche Parteinahme der Verwaltung für eine politische Kraft auch in Russland untersagt, im Prinzip zumindest.

Wladislaw Artjomow doziert weiter im weißen Vortragszelt. "Super, wenn ihr Zugang zu administrativen Ressourcen habt", sagt er. Wenn der politische Gegner vor Ort eine Veranstaltung plane, dann "meldet doch gleich nebenan ein Konzert an", um die Konkurrenten zu stören.

In Lipezk enden die politischen Planspiele mit einer Wahlsimulation. Sechs Parteien ringen um die Gunst der Wähler im Lager, fast so viele, wie tatsächlich in Russland registriert sind. Auch der Wahlkampf verläuft recht realitätsnah. "Es ist unfassbar", stöhnt einer der Teilnehmer. "Schon jetzt laufen hier Leute herum und versuchen, Stimmen aufzukaufen."

insgesamt 52 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
law1964 21.07.2011
1. Putin ist ein lupenreiner Demokrat (nach SPD Kanzler Schröder Kanzler a.D.)
Warum diese Kritik, Exkanzler Schröder von der SPD hat doch gesagt, dass Putin ein lupenreiner Demokrat ist (heute ist Schröder beim russisischen Gazpromkonzern beschäftigt). Wenn ein lupenreiner demokrat solch eine Bewegung schaftt muss diese doch eigentlich auch demokratisch sein. Sollte die USA einmal nicht mehr Großmacht sein und eine andere Macht diese Stellung einnehmen z.B Russland können wir uns vorstellen wie dann die welt aussehen würde, alles lupenreine demokratische Aktionen.
Finnländer 21.07.2011
2. typisch
Zitat von sysopMillionen Anhänger von Putins "Volksfront" sollen für ihn den Wahlsieg erkämpfen. In einem Zeltlager südlich von Moskau feiern seine Jung-Aktivisten demonstrativ das Vaterland, erlernen die Kunst der Schmutzkampagne - und üben sich*auch schon mal*in Wahlfälschungen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,775057,00.html
Ei typischer Benjamin Bidder Artikel: unkonkret, voller Ressentiments, einfach nutzlos - reine Propaganda eben. Vielleicht sollte Spiegel diese Art von "Berichterstattung" als das kennzeichnen, was sie ist: die Sicht eines notorischen Putinhassers. Objektivität sieht anders aus. Das mit dem Wahlbetrug soll doch wohl ein Scherz sein, oder?
PeterBitterli 21.07.2011
3. Alle Jahre wieder
Jedes Jahr finden diese camps statt. Jedes Jahr Anlass für die Journaille, einen entsetzten Horrorartikel voller Schauergeschichten zu schreiben. Als wäre das Thema neu. Guter Journalismus würde sich um Einfühlung in und Verständnis für eine andere Kultur bemühen. Guter.
zakajew 21.07.2011
4. Wahlkrampf
Zitat von sysopMillionen Anhänger von Putins "Volksfront" sollen für ihn den Wahlsieg erkämpfen. In einem Zeltlager südlich von Moskau feiern seine Jung-Aktivisten demonstrativ das Vaterland, erlernen die Kunst der Schmutzkampagne - und üben sich*auch schon mal*in Wahlfälschungen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,775057,00.html
Szenen aus Muammar El-Putins Permafrostdiktatur. Putinismus läuft in Wahlkampfzeiten zur Höchstform auf.
kleinMischa 21.07.2011
5. achja
âchja die Berichterstattung während des Sommerlochs ;D Jeden Sommer die selben Geschichten. Ich hab schon soviel über die "Putin" Jugend in DE erfahren, besondern bei Spiegel, aber irgendwie hört man so wenig von der CDU: Jungen Union, die ähm nichts anderes Macht imho xD
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.