Russlands neuer Premier Putins harter Hund
Moskau - Wladimir Putin liebt es, die Öffentlichkeit und selbst Vertraute durch seine Personalpolitik zu überraschen. Viktor Subkow, den die Duma auf Putins Wunsch am Freitag als russischen Premierminister bestätigen wird, ist in Russland der breiten Öffentlichkeit kein Begriff. Umso mehr sprechen altgediente Offiziere aus den Sicherheitsdiensten mit Respekt von dem knapp 66-Jährigen.
Zur Sowjetzeit Abteilungsleiter der Leningrader KPdSU-Bezirksleitung, avancierte er 1991 zum Vize Putins im Außenwirtschaftsausschuss der St. Petersburger Stadtverwaltung. Präsident Putin berief ihn zehn Jahre später zum Chef einer "Finanzaufklärung" im Finanzministerium. Seit März 2004 sind die Finanzaufklärer eine eigene Behörde, die vor allem grenzüberschreitende Geldwäsche aufklären soll. Deren öffentlichkeitsscheuer Chef Subkow gilt als Hardliner.
Kaum bekannter als der künftige Premier war vielen russischen Normalbürgern der bisherige Amtsinhaber Michail Fradkow. Der fungierte zwar im Amt des Premierministers formal als zweitwichtigster Mann im Staat, war aber kein Politiker mit Profil. So wird auch die Nachricht von seinem Rücktritt weithin gleichmütig aufgenommen.
Zwischen Sicherheitsdienst und Versicherung
Der füllige Mittfünfziger, dessen Doppelkinn sich nah an den Rumpf schmiegt, agierte dreieinhalb Jahre lang als Befehlsempfänger von Präsident Wladimir Putin. Der weiß so etwas zu schätzen, Fradkow erhält jetzt den Orden für "Verdienste gegenüber dem Vaterland Erster Stufe" die höchste Auszeichnung für fleißige Staatsbeamte. Sein Vorgänger Michail Kassjanow, den Putin im Februar 2004 entließ, bekam zum Abschied keine Auszeichnung. Stattdessen spürt er jetzt als Oppositionspolitiker bei Demonstrationen die kräftigen Griffe Putinscher Polizisten. Von Fradkow dagegen ist ein Übergang in die Opposition nicht zu erwarten.
Fradkows Karriere war wie die Putins seit früher Jugend mit dem sowjetischen Geheimdienst verbunden schon mit 23 Jahren war der Sohn einer jüdischen Familie und Absolvent der Außenhandelsakademie als "Wirtschaftsberater" in der Sowjetbotschaft in Indien tätig - eine beliebte Legendierung für sowjetische Späher. Vom Abteilungsleiter im sowjetischen Außenhandelsministerium stieg er nach dem Ende der UdSSR zum Vizeaußenhandelsminister des neuen Russland auf. Als braver Beamter diente er Breshnjew ebenso wie später Jelzin und dann Putin.
Nach einem Zwischenspiel als Generaldirektor eines großen Moskauer Versicherungskonzerns im Jahr 1999 avancierte der Ökonom unter Putin zum Vize des Sicherheitsrates. Den leitete damals der jetzige Erste Vizepremier Sergej Iwanow, ein Putin-Vertrauter. Iwanow soll Fradkow 2004 bei Putin für den Posten des Regierungschefs empfohlen haben. Im Sicherheitsrat galt Fradkow als profunder Kenner der Weltwirtschaft inklusive grauer und krimineller Finanzströme.
Bedarf an harten Männern
Die Bilanz des Bürokraten Fradkow als Premier ist nicht berauschend. Trotz eines Wirtschaftswachstums von mehr als sechs Prozent und wachsender Öleinnahmen ist das Land weit vom Übergang zu modernen Hochtechnologien entfernt, den Putin immer wieder fordert. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich wachsen, auch die zwischen prosperierenden und niedergehenden Regionen. Im Nordkaukasus, vor allem in der Teilrepublik Inguschien stehen ganze Gebiete am Rande bewaffneter Aufstände.
Die militante Rebellion in den verarmten muslimischen Sprengeln am Kaukasusgebirge nährt sich durch ein Übel, das sich in der Amtszeit des Premiers Fradkow noch verschlimmert hat: die umfassende Korruption. Der betuliche Bürokrat Fradkow tat dagegen faktisch nichts. Er war vom gesamten Charakter her kein Mann für das "Anziehen von Schrauben", wozu Kameraden aus den Sicherheitsbehörden ihren Präsidenten immer deutlicher ermuntern.
Ein Moskauer Publizist spottete mal, Fradkow sei in Wahrheit der aus Odessa stammende Komiker Schwanezkij, der dem geschassten Premier ähnlich sieht. Doch die Saison für Clowns geht an der Moskwa zu Ende. Gefragt sind jetzt Männer aus härterem Holz.