Russlands Ossetien-Strategie Nächstenliebe mit Nebenwirkungen

Der Waffengang als Friedensmission: Moskau inszeniert sich im Kaukasuskrieg als Retter der Südosseten und Bollwerk gegen Saakaschwilis "Völkermord". Die Rhetorik der Empörung soll das wahre Ziel der Russen verschleiern - die langfristige Kontrolle in der Krisenregion.

Von Carmen Eller, Moskau


Moskau - Georgiens einseitiger Waffenstillstand ist aus russischer Perspektive nicht mehr als eine Propagandalüge. Trotz aller Versprechen aus Tiflis würden georgische Truppen weiter kämpfen, betonte Premierminister Wladimir Putin am Montag - und konstruierte einen drastischen Vergleich: "Saddam Hussein musste man natürlich dafür hängen, dass er schiitische Dörfer niedergemacht hat, aber die gegenwärtige georgische Regierung, die südossetische Dörfer auslöscht und mit Panzern Alte und Kinder überrollt, diese Herren muss man schützen."

Aber einmal angenommen, es würden tatsächlich keine Kugeln mehr fliegen: Ist eine Rückkehr zum Vorkriegs-Status überhaupt möglich? Und ist der Konflikt damit nur aufgeschoben? Droht schon bald die Fortsetzung? Schon jetzt hat jedenfalls eine noch nicht einmal in Schätzungen erfasste Zahl an Menschen ihr Leben verloren.

Mit dem Krieg im Kaukasus eskalieren nicht nur die Konflikte zwischen Georgien und seinen abtrünnigen Republiken, er offenbart auch gegensätzliche geopolitische Interessen von Russland, Europa und den USA. Die Stimmen aus dem Westen, die sich nun für Georgiens "territoriale Integrität" stark machten, mussten niemanden überraschen. Ebenso wenig wie die Entscheidung des Kremls, mit Panzern nach Zchinwali zu rollen. In beiden Fällen ging es um die Fortsetzung der bisherigen politischen Strategie. Der Kreml musste militärisch auf die georgische Offensive reagieren, die USA mussten weiter für Georgiens Einheit plädieren - andernfalls hätten beide Großmächte ihre Glaubwürdigkeit verloren.

De-Facto-Staaten am Tropf des Kremls

In der Vergangenheit hatte Russland seine Vermittlerrolle im Konflikt um die abtrünnigen Republiken Südossetien und Abchasien zunehmend ausgebaut, bis es zuletzt praktisch als Schutzmacht agierte. Südossetien wie Abchasien hängen wirtschaftlich am Tropf des Kremls. Die Bewohner der De-Facto-Staaten besitzen russische Pässe und beziehen Renten aus dem Nachbarstaat. Ihre international isolierten Regierungen sehen Russland zudem als einzig verlässlichen politischen Partner.

Saakaschwili hat sich mit seiner militärischen Offensive gegen Südossetien weit aus dem Fenster gelehnt. Kann der kleine Kaukasusstaat ernsthaft damit gerechnet haben, der russischen Armee den Garaus zu machen? Wohl kaum. Aber er setzte wohl auf die Unterstützung aus Europa und vor allem aus den USA. Doch deren Solidarität beschränkte sich bislang auf schöne Worte. Schnell wechselte der georgische Staatschef in die Opferrolle - und verglich nun das russische Vorgehen mit dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan. Plötzlich sprach er von einer "russischen Aggression", obwohl er selbst die Offensive gegen Zchinwali gestartet hatte.

In der gekonnten Selbstinszenierung steht der Kreml dem Kaukasusstaat allerdings in nichts nach. Moskau gibt sich als Menschenfreund - und spielt im Krieg die Rolle des Retters. Selbstlos steht man den unterdrückten Südosseten zur Seite. Der russische Präsident Dmitri Medwedew bekräftigte, als Staatsoberhaupt sei es seine vordringliche Aufgabe, "das Leben und die Würde der russischen Bürger zu schützen, wo immer sie sich auch aufhalten". Premier Putin geißelte Saakaschwilis Vorgehen in Südossetien als "Völkermord".

Die vorgebliche Nächstenliebe maskiert die Nebenwirkungen. In erster Linie lässt sie die geopolitischen Interessen des russischen Riesenreiches in den Hintergrund treten. Wie auch den Wunsch des Kremls, im konfliktgeplagten Kaukasus die Kontrolle zu behalten.

"Russland kann strategisch nicht gewinnen"

Doch nicht alle Russen schlucken diese Strategie. Neben wenig differenzierten Berichten in den staatsnahen Medien waren heute in den russischen Blättern auch kritische Einwände zu lesen. Die liberale Tageszeitung "Nesawissimaja Gaseta" beklagt zwar, dass der Westen, der über Russlands "Benehmen im souveränen Georgien" verurteile, wohl bereits vergessen habe, wer den Angriff gestartet hat. Doch auf der Kommentarseite desselben Blatts beschreibt die Journalistin Julia Petrowskaja, wie bereits "Mythen aufgeblasen werden": Das gelte für den Vorwurf, Russland wolle die Demokratie in Georgien vernichten, genau so wie für die Anklage, Saakaschwili betreibe einen "Genozid".

Der Krieg im Kaukasus habe die Lage bislang nicht grundlegend verändert, analysiert Petrowskaja. "Georgien hat sich nicht weiter von der Nato entfernt, was Russland gehofft haben mag, und es ist ihr auch nicht näher gerückt, was Saakaschwilis Überlegung gewesen sein mag, als er den Befehl zum Sturm auf Zchinwali gegeben hat." Das Fazit der Kommentatorin: "Russland ist zweifellos militärisch überlegen und kann die rebellischen Territorien unter seine Kontrolle bringen. Aber strategisch gewinnt es nicht."

Wie geht es weiter? Wann endet der Krieg? Zur Stunde gibt es immer noch mehr Fragen als Antworten, sicher aber ist: Weder Russen noch Amerikaner haben ein Interesse daran, sich über Georgien in einen Krieg zu stürzen.

Die im Westen geforderte "territoriale Integrität" Georgiens widerspricht nach wie vor den Interessen des Kremls. Sollte Saakaschwili seine abtrünnigen Republiken mit internationaler Rückendeckung doch noch unter Kontrolle bringen, so wäre ein Nato-Beitritt Georgiens wieder wahrscheinlicher, den der Kreml jedoch unbedingt vermeiden will.

Südossetien und Abchasien im Klammergriff

Aber auch eine offizielle Anerkennung der Unabhängigkeit der Republiken liegt eigentlich nicht im russischen Interesse. Denn für den Fall müsste sich das Riesenreich die Frage gefallen lassen, warum der Kreml Südossetien und Abchasien gewährt, was er den Tschetschenen verweigert. Bleibt also der permanente Zustand der Instabilität.

Bislang hat die russische Verzögerungstaktik gut funktioniert. Die Kontrolle über den Kaukasus wird sich der Kreml auch weiterhin nicht nehmen lassen. Die freundschaftliche Umarmung von Südossetien und Abchasien könnte sich für deren Bewohner langfristig als Klammergriff erweisen - wenn Russland seine Präsenz in den abtrünnigen Republiken weiter verstärkt, Militärstützpunkte errichtet und größeren Einfluss auf die Regierungen nimmt.

Mit einem Rückzug georgischer wie russischer Streitkräfte ist der grundlegende Konflikt natürlich lange nicht gelöst. Selbst wenn man zum Status quo ante zurückkehrte, wäre in wenigen Jahren mit neuen Kämpfen zu rechnen. Frieden wäre dann tatsächlich nur die Ruhe vor dem nächsten Sturm.

Nach dem Krieg ist vor dem Krieg.

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