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Kritik an Kirill: Plötzlich war sie weg, die Uhr

Foto: Alexei Nikolsky/ AP

Russlands Scheinheilige Die Phantom-Uhr des Patriarchen

Moskaus Bürgertum macht Front gegen den orthodoxen Patriarchen Kirill: Erst verglich der Kirchenmann seine von Baustaub verdreckte Wohnung mit Hiroshima nach der Atombombe. Dann überraschte er die Öffentlichkeit mit einer peinlichen Photoshop-Manipulation.

Moskau, die ansonsten Sinnesfreuden jeglicher Art zugetane Hauptstadt Russlands, übt sich dieser Tage in Mäßigung. Kurz vor Ostern werben selbst die Edelrestaurants zwischen Kreml und der Geheimdienstzentrale Lubjanka mit besonderen Fastenmenüs: Im aparten "Vogue Café" werden Möhrensalat mit Sesam kredenzt und Gurken aus Aserbaidschan mit Kohl. Ausgerechnet in der Fastenzeit aber schwirrt Moskau vor Gerüchten, das Oberhaupt der Orthodoxen Kirche, deren Geistliche sonst gern Bescheidenheit predigen, pflege eine Vorliebe für irdischen Luxus. Von Uhren der Schweizer Marke Breguet war da die Rede, Wert: 30.000 Dollar.

Im Interview wollte Kirill in der vergangenen Woche zum Befreiungsschlag ausholen. Er trage zwar eine Uhr, sagte er, doch die sei "klein, ordentlich", "russisch" und "nicht teuer". Der scheidende Präsident Dmitrij Medwedew habe sie ihm geschenkt. Medwedew zeigt sich gern mit Kirchenfürst Kirill, genauso wie Premierminister Wladimir Putin.

Seine allzu demonstrativ zur Schau gestellte Bescheidenheit wird Kirill nun aber zum Verhängnis. Blogger haben sich auf der Web-Seite des Patriarchats Fotos von Kirills offiziellen Terminen angeschaut. Sie zeigen ihn scheinbar wirklich ohne Uhr am Handgelenk, dafür mit ausgesprochen langen schwarzen Ärmeln. Die Fotos wurden offenbar nachträglich bearbeitet, denn in der polierten Tischplatte spiegelt sich eine edle Armbanduhr. Im Internet ergießt sich nun der ganze Spott über Kirill. Offenbar handle es sich um eine spezielle "Anti-Vampir-Uhr", spottet die liberale Web-Seite "Slon": Während die Blutsauger der Legende im Spiegel unsichtbar seien, zeige sich Kirills Phantom-Uhr ausschließlich dort.

Stellvertreterkrieg zwischen Kirche und liberaler Elite

Die vertrackte Spiegelung verstärkt den Druck auf den Patriarchen, der zuvor schon wegen seines recht unchristlichen Verhaltens in einem Nachbarschaftsstreit in der Kritik stand. Kirill fordert von einem Bewohner einer Nachbarwohnung Schadensersatz, weil dessen Renovierungsarbeiten sein eigenes Apartment in Mitleidenschaft gezogen hätten. 20 Millionen Rubel fordert Kirill deshalb, umgerechnet 500.000 Euro, weil die Wohnung nicht einfach verdreckt gewesen sei, sondern aussah wie "Hiroshima und Nagasaki, als klebte an allem radioaktiver Staub".

Die Orthodoxe Kirche hat sich für den "dummen Fehler" bei der Bildbearbeitung entschuldigt, wähnt sich ansonsten aber als Opfer einer gezielten Kampagne des "äußersten Liberalismus", dessen Gebaren "totalitär" sei. Der konservative TV-Kommentator Michail Leontjew spricht von einer "Hetzjagd auf den Allerheiligsten Patriarchen".

Tatsächlich fechten Russlands Orthodoxe Kirche und Teile der liberalen Elite derzeit eine Art Stellvertreterkrieg aus. Nach dem Wahlsieg von Wladimir Putin drängen Kirchenvertreter auf eine harte Bestrafung der Anarcho-Aktivistinnen der Gruppe "Pussy Riot". Die Punk-Guerilla hatte in Nylonstrümpfen und Sturmmasken im Altarraum der Christus-Erlöserkathedrale gebrüllt, die Gottesmutter Maria solle ein Erbarmen haben und "Putin austreiben". Mehrere Aktivistinnen sitzen derzeit in Haft, und einiges spricht dafür, dass Kreml und Kirche ein Exempel statuieren wollen. Den jungen Frauen, zwei davon Mütter kleiner Kinder, drohen bis zu sieben Jahre Haft.

Die unversöhnliche Haltung der Kirche, die in der Performance "den Spott des Teufels" erkannt haben will, erbost viele Angehörige des Moskauer Bürgertums, dem sich traditionell viele Journalisten verpflichtet fühlen. Die Amtskirche halten sie für den willfährigen Büttel des Kremls. "Die russische Orthodoxe Kirche", sagt der angesehene Moskauer Politologe Wladislaw Inosemzew, "ist ein ergebener Verteidiger der Interessen von Russlands regierender Bürokratie."

Die Fronten sind verhärtet

In der Tat redet auch Patriarch Kirill nicht nur der himmlischen Regentschaft des Allmächtigen das Wort, sondern auch der irdischen Herrschaft Putins. Diese sei "ein Geschenk Gottes", tat Kirill jüngst kund. Damit beendete er endgültig eine kurze Phase kirchlicher Dissidenz: Nach der massiv gefälschten Parlamentswahl im Dezember schien es so, als stelle sich die Orthodoxie gegen den Kreml. Selbst Kirill forderte da "einen wirklichen Dialog mit den Bürgern, damit das Leben der Nation nicht zerstört wird", und prangerte Übel wie Korruption an, gegen die "der Präsident ein konkretes Programm vorlegen muss".

Auf entsprechende Schritte wartet Russland zwar auch heute, die Kirche aber ist wieder ganz auf Kreml-Linie eingeschwenkt. Als etwa der zwielichtige Oligarch und Putin-Rivale Boris Beresowski aus seinem Londoner Exil verkündete, er plane die Gründung einer "christdemokratischen Revolutionspartei", fühlte sich Wsewolod Tschaplin, Beauftragter für die "Beziehungen zwischen Kirche und Gesellschaft" zu einem Kommentar berufen: Beresowski solle lieber eine "Partei des Antichristen" gründen. Der Oligarch habe "alle Chancen, für diesen Posten zu kandidieren".

Die Fronten sind verhärtet. Für die Position eines Vermittlers zwischen dem enttäuschten städtischen Bürgertum fällt die Kirche damit aus. Sie ruft stattdessen für Ende April zu einer Großkundgebung gegen den "aggressiven Liberalismus" auf. Russlands Gläubige sind dann aufgerufen, gegen "schwarze Rhetorik", das "Verschweigen von Fakten" und die gezielte "Verwirrung des Publikums" der russischen Medien zu demonstrieren.

Gegen Photoshop werden sie wohl nicht protestieren.

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