S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Vorsicht, Euro-Nazis!

Der Fall des Pleitestaats Griechenland zeigt: Auch Nationen können sich in der Opferrolle einrichten. Das ist verführerisch, weil es viele Vorteile hat. Leider verhindert der Opferstatus aber auch, dass sich die Dinge zum Besseren wenden.

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Jetzt sind wir also die Euro-Nazis. Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis es so weit kommen würde, dieser Fummel hängt immer griffbereit im internationalen Kostümfundus. Man muss sagen, es kann einem vor einem selbst angst und bange werden, wenn man in diesen Tagen nach Griechenland blickt: Ganz oben auf der Liste des Weltbösen, gegen das sich die Menschen zu Großdemonstrationen versammeln, stehen wir Deutsche.

Keine Frage: Deutsche haben vor rund 70 Jahren in Griechenland Angst und Schrecken verbreitet. Aber wenn man den Nachrichten glauben kann, die einen von dort erreichen, sind wir heute die Wegbereiter eines neuen "Finanzfaschismus", der den Schuldenstaat in eine "Kolonie des Vierten Reiches" verwandeln will beziehungsweise Athen in ein "finanzielles Dachau", wie es in großen griechischen Tageszeitungen schon zum Ausbruch der Krise mit Gespür für historische Dimensionen auf den Punkt gebracht wurde.

Was ist passiert? Ist bei den Bundesbürgern die lang unterdrückte Eroberungswut durchgeschlagen? Haben die Deutschen sich im Gegenzug für ihre Hilfsbereitschaft ein paar griechische Inseln unter den Nagel gerissen? Nein, die Europäer, mit der Bundesregierung vorneweg, sind gerade dabei, noch einmal 110 Milliarden Euro lockerzumachen - zusätzlich zu den 110 Milliarden, die sie schon auf den Weg gebracht haben, um das Südland vor der Pleite zu bewahren. Allerdings drängen insbesondere die Deutschen darauf, dass die Empfänger der Hilfsgelder das ihre tun, damit wenigstens die Hoffnung bleibt, dass nicht alles verloren ist. Das reicht, um die Erinnerung an düstere Zeiten wachzurufen.

Vorteile und Nebenwirkungen der Opferrolle

Auch Nationen können sich als Opfer gerieren, wie sich zeigt, selbst wenn der Augenschein dagegen spricht. Der Opferstatus ist in mehrfacher Hinsicht von Gewinn, das macht ihn so verführerisch. Er sichert Aufmerksamkeit und Anteilnahme und verspricht Entlastung, indem er die Verlagerung von Schuldanteilen ermöglicht und die eigene Verantwortung minimiert. Nichts ist an einer schlimmen Erfahrung ja deprimierender als die Erkenntnis, dass man sich sein Unglück selber zuzuschreiben hat. Welche Erleichterung, wenn man andere verantwortlich machen kann, in diesem Fall die Leute an der Spitze und, natürlich, den IWF, die europäische Zentralbank, und überhaupt die Finanzindustrie.

Der Nachteil dieser Art von Schuldverlagerung ist allerdings ebenso evident. Wer sich in die Opferrolle flüchtet, ist selten in der Lage, aus eigener Kraft aus seiner Misere herauszufinden. Wenn es übermächtige Kräfte sind, die einen niederhalten, dann nützt es auch wenig, sein Schicksal selber in die Hand zu nehmen. Jeder gute Therapeut rät seinen Klienten, eine traumatische Erfahrung möglichst schnell hinter sich zu lassen, genau darauf zielt seine Arbeit.

Die Regression in die Opferrolle verhindert jedes emanzipatorische Erwachen, das ist das Verhängnisvolle an dieser Form der Krisenbewältigung.

Nüchtern betrachtet, erleben die Griechen gerade, was jedem Schuldner passiert, der über seine Verhältnisse lebt. Irgendwann verliert der Gläubiger das Vertrauen in die Solvenz seiner Kunden und sperrt die Kreditlinien. Das Einzige, was in so einem Fall hilft, ist radikales Sparen - oder, wenn auch das nicht mehr hilft, die Insolvenz. Nationen können bei der Entschuldung zusätzlich auf Inflation setzen, der Abwertung ihrer Währung oder auf außergewöhnliches Wachstum.

Die ersten beiden Auswege sind den Griechen verschlossen, jedenfalls solange sie im Euro bleiben; für einen Wachstumsschub, wie er nötig wäre, um ihren Haushalt in Ordnung zu bringen, fehlt die wirtschaftliche Basis. Mit Olivenanbau und Fremdenverkehr lassen sich nun einmal keine großen Sprünge machen. Also hängt jetzt alles davon ab, wie schnell sich die Sorgenkinder im Süden mit der Wirklichkeit arrangieren und ihre Ansprüche der Leistungsfähigkeit anpassen.

Mitleid und tröstende Umarmung helfen nicht

Mitleid und tröstende Umarmungen helfen nicht viel bei Insolvenzverfahren, wie jeder Schuldenberater weiß. Wenn die Zahlungsunfähigkeit droht, ist ein klarer Blick auf die Bilanzen gefragt. Niemand weiß im Augenblick zu sagen, ob es besser ist, Griechenland mit immer neuen Krediten vorübergehend über Wasser zu halten - oder gleich die Staatspleite ins Auge zu fassen. Es macht die Sache in jedem Fall nicht leichter, dass auch hierzulande nun gerne große Gefühle bemüht werden.

Die Bundeskanzlerin lasse es an Herz für die europäische Idee fehlen, heißt es in den Kommentarspalten der selbsternannten Euro-Retter. Angela Merkels eher beiläufig erfolgte Bemerkung, auch die Griechen müssten sich langsam an den Gedanken gewöhnen, länger zu arbeiten, wurde ihr nicht als Ausdruck praktischer Lebensklugheit ausgelegt, sondern als Appell ans Ressentiment.

Abgesehen davon, dass die Kanzlerin auf das Grundgesetz verpflichtet ist, wo aus gutem Grund nichts von europäischen Herzensangelegenheiten steht, stellt sich die Frage, was es Schuldenstaaten wie Griechenland auf Dauer nutzen soll, wenn sie einfach weiter aus dem Norden alimentiert werden. Vielleicht sollte man sich in der Stunde der Krise ein Beispiel am Nachbarn Frankreich nehmen, der noch weiß, wie Realpolitik geht.

Oder am SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein, der mit Verweis auf Bismarck festhielt, dass sich gute Politik durch eine "souveräne Missachtung ideologischer oder moralischer Positionen" auszeichne. "Sie kalkuliert und nichts sonst", schrieb Augstein, Begriffe wie "öffentliche Meinung" oder "Weltgewissen" seien ihr aufs äußerste suspekt.

insgesamt 343 Beiträge
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Seite 1
rondon 20.06.2011
1. naja
das kann man so sehen oder man sieht ein, dass das festhalten an alten dogmen viel gefährlicher ist. http://le-bohemien.net/2011/06/20/griechenland-im-ausverkauf beschreibt ganz gut, dass unsere europäischen nachbarn längst erkannt haben, dass das bestehende system weite bevölkerungsschichten enteignet. "sparen", "helfen", "retten" heisst in wirklichkeit notleidende volkswirtschaften in die kreditfalle zu locken und auszusaugen. kein wunder dass die leute da langsam sauer werden.
DasReptil 20.06.2011
2. .............
Zitat von sysopDer Fall des Pleitestaats Griechenland zeigt: Auch Nationen können sich in der Opferrolle einrichten. Das ist verführerisch, weil es viele Vorteile hat. Leider verhindert der Opferstatus aber auch, dass sich die Dinge zum Besseren wenden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,769333,00.html
Also falls Griechenland daran mitwirken sollte, dass die EU bzw. der Euro den Bach runtergehen wenden sich die Dinge doch zum Besseren. Ich weiss gar nicht wo das Problem liegt.
A&O 20.06.2011
3. yappa-dappa-doo
Zitat von sysopDer Fall des Pleitestaats Griechenland zeigt: Auch Nationen können sich in der Opferrolle einrichten. Das ist verführerisch, weil es viele Vorteile hat. Leider verhindert der Opferstatus aber auch, dass sich die Dinge zum Besseren wenden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,769333,00.html
Nun gibt er es den Gutmenschen diese Woche aber gleich wieder dicke....und so alternativlos. Dieses Statement sollten sich alle EU Bürokraten und Euro Befürworter ausschneiden und unter das Kopfkissen legen.
bauagent 20.06.2011
4. Ob Bismarck bei seiner Aussage bleiben würde?
Zitat von sysopDer Fall des Pleitestaats Griechenland zeigt: Auch Nationen können sich in der Opferrolle einrichten. Das ist verführerisch, weil es viele Vorteile hat. Leider verhindert der Opferstatus aber auch, dass sich die Dinge zum Besseren wenden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,769333,00.html
Man kann sicher mit vereinfachter, eindimensionaler Sichtweise der Dinge feststellen, dass Schulden zunächst zurück zu zahlen sind und eine Opferrolle davon nur ablenkt. Vielleicht sollte es im 21.Jahrhundert ganz unabhängig davon, ob man sich als Verfasser des Artikels dem konservativen Lager zuschreibt oder zur neuen derzeit erfolgreichen ökofaschistischen Pseudolinksbewegung zählt, fragen dürfen, inwieweit eine Sittenwidrigkeit vorliegt, wenn ein Land seine Schulden deshalb nicht zurück zahlen kann, weil korrupte Banken, getrieben von gierigen Oligarchen diesen Ländern unnötige U-Boote in Milliardenhöhe verkauft, obowhl von Anfang an klar ist, dass dies diese Volkswirtschaft nie wird erwirtschaften können. Das gesamte System ist verrottet, korrupt und dem Untergang geweiht, weil die Kuh ( das Volk ) das Herhalten des Euters verweigert. Und das ist gut so.
-bix- 20.06.2011
5. Bitte mehr!
Zitat von sysopDer Fall des Pleitestaats Griechenland zeigt: Auch Nationen können sich in der Opferrolle einrichten. Das ist verführerisch, weil es viele Vorteile hat. Leider verhindert der Opferstatus aber auch, dass sich die Dinge zum Besseren wenden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,769333,00.html
Bitte mehr von diesen Artikeln, die nicht dem sonst üblichen rot-grünen Meinungsbild von SPON entsprechen. SPON muss wieder raus aus dieser linken Ecke und die Dinge nun mal so ansprechen, wie sie sind.
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