Sadat-Witwe Jihan "Wer Frieden will, kann ihn verwirklichen"

Sie kämpft für Frauenrechte, ein säkulares Ägypten und einen echten Nahost-Frieden: Jihan al-Sadat, die Witwe des ermordeten Präsidenten Anwar al-Sadat, spricht im Interview mit SPIEGEL ONLINE über sein Erbe, die Frauenfeindlichkeit der Muslimbrüder und die geplante Nahost-Friedenskonferenz.

SPIEGEL ONLINE: Vor 34 Jahren überquerte die ägyptische Armee den Suezkanal unter dem Kommando Ihres Ehemannes Präsident Anwar al-Sadat, es war sein "letzter Krieg für den Frieden für Ägypten und die Araber", wie er ihn nannte. Ägypten bekam den Sinai zurück und schloss Frieden mit Israel. Doch die Palästinenser, um deren Heimat und Hauptstadt Jerusalem so viele Nahostkriege geführt wurden, gingen bis heute leer aus. Islamisten ermordeten ihn für seinen Friedensschluss, der große Frieden ist nach wie vor nicht in Sicht. War der Preis, den Ihr Mann für seinen Friedenstraum zahlte, das Opfer wert?

Sadat: Jawohl, er war es wert. Mein Mann starb, aber er gab sein Leben für Millionen von Ägyptern und ebnete den Weg für andere Staatsführer der Region, ihm zu folgen. Wenn Anwar al-Sadat dieses hohe Risiko nicht eingegangen wäre, würden wir heute noch für den Frieden kämpfen, so wie es die Syrer, Libanesen und Palästinenser tun.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass der Jom-Kippur-Krieg der letzte Krieg zwischen Ägypten und Israel war?

Sadat: Das glaube ich in der Tat. Zwischen unseren beiden Ländern wird es nie wieder Krieg geben, was auch immer sein mag, denn unsere Völker wollen Frieden.

SPIEGEL ONLINE: Die Palästinenser haben seit 40 Jahren keinen Frieden ...

Sadat: ... die überwältigende Mehrheit der Palästinenser und Israelis will den Frieden. Es sind Politiker, die diesem Frieden im Wege stehen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Ägypter halten diesen Frieden für eine rein politische Abmachung. Ein echter Frieden sieht anders aus.

Sadat: Unser Volk glaubt durchaus an den Frieden, aber meinen Landsleuten schwebt ein Frieden vor, wie Anwar al-Sadat ihn angestrebt hatte: Ein Frieden, der auch die Palästinenser, Jordanier und die Syrer einbezieht – mit anderen Worten, ein umfassender Frieden zwischen Israel und allen Arabern. Aber wenn wir die Zeitungen aufschlagen und die Fernseher einschalten, sehen wir immer nur Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern. Wie kann da ein Gefühl für Frieden aufkommen?

SPIEGEL ONLINE: Bislang ist nur Jordanien dem ägyptischen Beispiel gefolgt und hat mit Israel einen Friedensvertrag unterschrieben. Bis heute scheint ein Friedensschluss zwischen Arabern und Israelis in weiter Ferne. Ihr Mann war ein Visionär, aber war er nicht zu optimistisch?

Sadat: Nein, er war durch und durch Realist, aber auch immer Optimist. Er glaubte nicht nur an den Frieden, sondern ergriff die Initiative und handelte. Dabei ging er strategisch vor: Er führte einen Krieg, um den besetzten Sinai zu befreien, und stieg dann in Verhandlungen ein. Alles für den Frieden.

SPIEGEL ONLINE: Was würde Anwar al-Sadat tun, wenn er heute noch leben würde?

Sadat: Er würde nach Jerusalem gehen und den israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert und den palästinensischen Präsidenten Abu Mazen an den Verhandlungstisch bringen.

SPIEGEL ONLINE: Aber das haben andere doch auch schon versucht.

Sadat: Mit welchem Ergebnis? Der israelische Verhandlungspartner meines Mannes, Menachem Begin, war ein harter Brocken und schwieriger als alle seine Nachfolger. Aber er war eine Führungspersönlichkeit. Die Entscheidungsträger beider Seiten müssen sich jetzt wieder zusammensetzen und die Vergangenheit ein wenig ruhen lassen. Sie sollten mehr in die Zukunft schauen, weniger an sich selbst und an ihre Machtpositionen denken, sondern an die kommenden Generationen, die in Frieden leben wollen. Nur so werden sie auch zum Frieden kommen.

SPIEGEL ONLINE: Anwar al-Sadat wagte das Undenkbare: er begab sich in die Höhle des Löwen. Er besuchte Israel und hielt eine Rede in der Knesset, obwohl sich Ägypten mit Israel noch im Kriegszustand befand. Müssten arabische Staatsmänner heute auch solch einen vergleichbar mutigen Schritt tun? Wenn zum Beispiel Syriens Präsident Bashar al-Assad morgen Israel besuchen würde und in der Knesset spräche ...

Sadat: ... das würde die Lage komplett verändern. Und wenn auch die Leute um ihn herum Friedensbereitschaft zeigen, wird der Frieden Wirklichkeit. Dann hätte Israel auch keinen Grund mehr, vor der Weltöffentlichkeit den Frieden nicht zu akzeptieren.

SPIEGEL ONLINE: Präsident George W. Bush hat Araber und Israelis zu einer Friedenskonferenz eingeladen. Was erwarten sie von dieser Konferenz - neue Ideen?

Sadat: Wir haben genug von Ideen, wir wollen endlich etwas Konkretes und einen Fahrplan sehen, nach dem der Friedensprozess abläuft. Nur sich treffen und Hände schütteln und weiter nichts, was haben wir davon? Ägypten wird auf jeden Fall teilnehmen, weil es sich von Anfang an für einen israelisch-palästinensischen Frieden stark gemacht hatte. Eine Reihe anderer arabischer Staaten wollen diesem Treffen fernbleiben – sie vermissen eine klare Agenda.

SPIEGEL ONLINE: Was wird diese Konferenz also letztendlich bringen?

Sadat: Nichts Handfestes. Es geht um gute Absichten, aber von guten Absichten haben wir nun wirklich genug.

SPIEGEL ONLINE: Was sollten Israelis und Palästinenser jetzt konkret tun?

Sadat: Ich wünschte mir, Olmert meinte es wirklich ernst mit dem Frieden und entwickelte einen entsprechenden Plan. Stopp den Bau von Siedlungen und der Trennungsmauer, die den Frieden ernsthaft behindern! Die Palästinenser hingegen sollten trotz ihrer Enttäuschung und Verzweiflung ihre Kampfhandlungen einstellen. Tatsache ist, dass Israel nach wie vor das letzte Wort hat und die Macht hat, Frieden zu schaffen, wenn es das will. Nichts ist in dieser Welt unmöglich. Wer den Frieden will, kann ihn auch verwirklichen. Aber leider vergeuden die Israelis ihre Zeit mit politischen Manövern.

Jihan al-Sadat über Mädchenbeschneidung, Muslimbrüder, und den Traum vom säkularen Ägypten

SPIEGEL ONLINE: Anwar al-Sadat sagte: "Das Palästina-Problem ist das Kernproblem des Nahen Ostens". Hat diese Aussage angesichts der Katastrophe im Irak noch Gültigkeit?

Sadat: Ja, das palästinensische Problem ist immer noch das Hauptproblem. Viele Iraker, die als Terroristen gelten, kämpfen gegen die Amerikaner auch deswegen, weil diese Israel unterstützen, das die palästinensischen Gebiete seit vier Jahrzehnten besetzt hält. Im Irak geht es auch um Palästina, es hängt eben alles zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Sie kämpfen seit Jahrzehnten erfolgreich für die Rechte der Frauen in Ägypten. Leider wurden einige ihrer Errungenschaften verwässert. Was ist passiert?

Sadat: Nun, die meisten meiner Reformen wurden nach dem Tode meines Mannes vom Parlament wieder rückgängig gemacht. Es hieß zum Beispiel, sie seien mit dem Koran nicht vereinbar.

SPIEGEL ONLINE: Wer steht dahinter?

Sadat: Es sind fundamentalistische Parlamentsabgeordnete, Mitglieder der Muslimbruderschaft, die keinerlei Verbesserung für die Stellung der Frau wollen. Das Gesetz wurde zwar später noch mal durch das Parlament geboxt – allerdings mit Änderungen. Immerhin ist der Passus über den "Chul" geblieben, der Frauen das Recht gibt, sich von ihren Männern scheiden zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich die Situation der Frau in Ägypten in den letzten Jahren also nicht verbessert?

Sadat: Der Prozess läuft vor allem deswegen, weil sich die jetzige First Lady Suzanne Mubarak dafür stark einsetzt. Ich bin optimistisch und glaube nicht, dass wir wieder Rückschläge hinnehmen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Die Beschneidung von Mädchen ist in Ägypten, wie in vielen anderen arabischen Ländern, immer noch ein großes Problem ...

Sadat: ... das Recht, sich dagegen zu wehren, wird uns nicht auf einem Silbertablett serviert. Wir müssen für unsere Rechte kämpfen. Wenn wir das nicht tun, verdienen wir unser Schicksal. Wir müssen uns weiterbilden. Damit steht und fällt unser Erfolg.

SPIEGEL ONLINE: Die Muslimbruderschaft, nicht gerade bekannt für die Verteidigung von Frauenrechten, legt in ihrem politischen Programm fest, dass weder Frauen noch Christen das Amt des Staatsoberhauptes einnehmen dürfen ...

Sadat: ... die leben in der Vergangenheit, nicht nur in diesem Bezug. Bei denen bewegt sich einfach nichts. Die Moslembrüder haben übrigens viel weniger Zulauf, als Sie möglicherweise denken. Die Intellektuellen lehnen zum Beispiel alles ab, was die Brüder predigen.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch haben viele Ihrer Landsleute die Befürchtung, dass Ägypten eine islamische Republik werden könnte ...

Sadat: ... nein, dass sehe ich ganz und gar nicht. Es gibt zwar einen islamischen Trend in unserem Teil der Welt – nicht nur in Ägypten, sondern auch im Sudan, in Algerien und anderswo. Aber die meisten Menschen streben auch bei uns nach Freiheit und Weltoffenheit.

SPIEGEL ONLINE: Die Führungskader der Moslembruderschaft scheinen ohnehin islamische Argumente vorrangig für politische Ziele einzusetzen.

Sadat: Das ist gut möglich.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es nicht das Beste, die Idee eines laizistischen Staates zu fördern, gemäß dem arabischen Wahlspruch: "Die Religion ist eine Angelegenheit Gottes, wohingegen das Vaterland uns alle angeht"?

Sadat: So sollte es sein. Die Religion ist eine Frage zwischen dem Einzelnen und Gott. Niemand kann mich zwingen, für diese oder jene Religion zu beten. Es ist allerdings schwer, dieses Prinzip ohne weiteres durchzusetzen. Sehen Sie: Zum Beispiel hatte der große Atatürk schon vor langer Zeit das laizistische Prinzip in der Türkei eingeführt, und dennoch ist die türkische Regierung heute islamisch geprägt.

SPIEGEL ONLINE: Wird Ägypten jemals ein säkularer Staat?

Sadat: Der Tag wird hoffentlich kommen. Aber wir müssen unser Volk erziehen und aufklären, und das braucht Zeit. Der Prozentsatz der Analphabeten ist noch sehr hoch. Der Schlüssel zum Fortschritt heißt: Erziehung, Bildung, Aufklärung.

Das Interview führten Amira El Ahl und Volkhard Windfuhr

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