Saddams eigenwillige Gäste Pazifisten reisen als menschliche Schutzschilde in den Irak

Ihr eigenes Leben wollen sie aufs Spiel setzen, um einen Krieg am Persischen Golf zu verhindern – sieben Frauen und Männer aus den USA und Großbritannien. Am Samstag werden sie den Irak erreichen. Im Oktober wollen auch drei deutsche Friedensaktivisten aufbrechen.
Von Rüdiger Strauch

Chicago/Berlin – Mit Flug Nummer RJ 264 begann eine Reise ins Ungewisse. Pünktlich hob der Airbus A 310 der Royal Jordanian in der Nacht auf Freitag von Amerikas meistfrequentiertem Flughafen Chicago-O’Hare ab. Um 18.55 Uhr Ortszeit soll die Maschine heute in der jordanischen Hauptstadt Amman landen. Unter den Fluggästen befinden sich sieben Pazifisten. Die Ziele ihrer Reise: Die irakischen Städte Mossul, Basra und Bagdad.

"Ich kann das nicht geschehen lassen"

Menschliche Schutzschilde wollen die sieben Frauen und Männer der amerikanischen Hilfsorganisation "Voices in the wilderness"(Stimmen in der Wildnis) sein und US-Präsident George W. Bush mit ihrer Anwesenheit im Irak von einem Krieg am Persischen Golf abhalten.

Matt Barr ist einer von ihnen. Der 21-Jährige aus dem britischen Chichester hat sich innerhalb der vergangenen fünf Jahre in seinem Studium mit Menschenrechten befasst. Wenn es einen größeren Angriff auf den Irak gebe, dann seien es wieder die unschuldigen Zivilisten, die darunter zu leiden hätten, warnt er. "Das ist etwas, was ich nicht aushalten und geschehen lassen kann", sagt Barr. Karin Leukefeld, deutsche Journalistin und ausgewiesene Irak-Kennerin, bewundert Barrs Mut. "Eine ausgeprägte Form zivilen Ungehorsams" nennt sie die Reise der Kriegsgegner.

Bei der Friedensmission bewegt sich das Grüppchen Friedensbewegter jedoch auf schmalem Grat: Auf der einen Seite wollen sie der wegen des Handelsembargos hungernden Bevölkerung zu helfen - auf der anderen Seite wollen sie auf keinen Fall mit den irakischen Behörden zusammen arbeiten oder sich gar vor Saddam Husseins Propaganda-Karren spannen lassen.

"Voices in the wilderness" (VITW) und befreundete deutsche Organisationen lehnen Kontakt zum Bagdader Regime strikt ab. "Bisher gab es kein Statement der Regierung zur Reise der Friedenskaktivisten, und das soll auch so bleiben", erklärt Clemens Ronnefeld vom Internationalen Versöhnungsbündnis, das mit VITW kooperiert.

Aufbruch in den Irak, sobald die Bomben fallen

Doch die Amerikaner und Briten werden nicht unbemerkt bleiben. Zwischen einem und drei Monaten wollen sie im Land bleiben. Am 8. und 23. Oktober brechen weitere Freiwillige von VITW in Richtung Bagdad auf. "Bis zu hundert Aktivisten werden dann vor Ort sein - auch drei Deutsche", sagt Nathan Mauger von der Zentrale der Hilfsorganisation in Chicago. Noch sei nichts spruchreif, meint dagegen Ronnefeld.

Seit 1996 ist VITW im Irak aktiv; 48 Delegationen haben den wegen des Überfalls auf Kuwait isolierten und geächteten Staat seither besucht. Angeführt wurden die Gruppen häufig von Kathy Kelly, einer der Gründerinnen von VITW. Zur Zeit hält sich die 47-Jährige in New York auf. "Sobald die USA losschlagen, würde sie sich auf den Weg in den Irak machen", sagt VITW-Mitarbeiter Mauger.

Die risikobereiten Pazifisten wollen es allerdings nicht bei einem Einsatz als lebendige Schutzschilde vor einem möglichen Waffengang der Amerikaner und ihrer Alliierten belassen. Im Reisegepäck haben sie vor allem dringend benötigte Medikamente für die Zivilbevölkerung. Pillen und Infusionen im Wert von 7000 Dollar werden die ersten sieben VITW-Freiwilligen ins Land bringen und beispielsweise im von Dominikanern geleiteten Bagdader Raphaels-Hospital verteilen. Ein Tropfen auf den heißen Stein, aber besser als nichts.

Haftandrohung und Millionen-Geldbußen

Jeden Monat, so schätzen Hilfsorganisationen, sterben im Irak 5000 Kinder unter sechs Jahren an den Folgen von Unterernährung und unzureichender medizinischer Versorgung. In den vergangenen Jahren traten mehrere Uno-Koordinatoren aus Protest gegen die Aufrechterhaltung der Sanktionen gegen das Land zurück. Der ehemalige Leiter des Erdöl-für-Lebensmittel-Programms, der deutsche Berufsdiplomat Graf Hans von Sponeck, gab sein Amt im Februar 2000 auf. "Als Mitarbeiter der Uno darf man von mir nicht erwarten, dass ich schweige über etwas, das ich als wahre menschliche Tragödie wahrnehme, die beendet werden muss", gab Sponeck damals zur Begründung an.

Seitdem hat sich an der Versorgungslage im Irak nichts verbessert. Wegen des Embargos sind die Wörter Leben und Überleben für viele Menschen im Irak Synonyme geworden. Solange Saddam Hussein - neben Osama bin Laden derzeit Amerikas Staatsfeind Nummer 1 - an der Macht ist, haben die Menschen an Euphrat und Tigris keine Lockerung der Einfuhrbestimmungen zu erwarten. Jeder Amerikaner, der die Sanktionen bricht, muss mit harten Strafen rechnen. "Die Mitarbeiter von VITW haben bereits Bußgeld-Drohungen in Höhe von 120.000 Dollar erhalten", berichtet Friedensaktivist Ronnefeld.

Das US-Finanzministerium hat die Aktivisten unmissverständlich gewarnt: Zwölf Jahre Haft und eine Million Dollar Strafe stellt es jedem in Aussicht, der sich als Embargobrecher betätigt. "Jedem von uns ist das bewusst. Jeder ist bereit, dieses Risiko auf sich zu nehmen", sagt Nathan Mauger. Ohnehin sei dies das geringere Übel. Die freiwilligen Irak-Helfer brächten sich schließlich in Lebensgefahr, falls die USA in nächster Zeit zu militärischen Mitteln griffen. Das flaue Gefühl im Magen wird die Friedensaktivisten daher noch länger begleiten. Einen Rückflug haben übrigens alle gebucht. Trotz der Unnachgiebigkeit auf Seiten beider Konfliktparteien sind sie Optimisten geblieben.

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