Saddams Vize Tarik Asis "Obama überlässt Irak den Wölfen"

Scharfe Kritik an Barack Obamas Rückzugplänen für die US-Armee äußert der ehemalige Außenminister des Irak, Tarik Asis. Der Vertraute von Saddam Hussein spricht im "Guardian" erstmals seit seiner Festnahme vor sieben Jahren über den Diktator, dessen Strategien und wie er ihn vor dem Einmarsch in Kuwait warnte.

dpa

London - Aus seiner Zelle in einem irakischen Gefängnis bei Bagdad erhebt Tarik Asis schwere Vorwürfe gegen den amerikanischen Präsidenten Barack Obama: "Er ist ein Heuchler", sagte der langjährige Außenminister und Vizepräsident des von den USA gestürzten irakischen Präsidenten Saddam Hussein in einem Interview mit der britischen Zeitung "The Guardian". Die USA müssten länger im Irak bleiben und dürften sich jetzt noch nicht zurückziehen.

Erst am Montag hatte Obama bei einer Tagung eines Veteranenverbandes in Atlanta die Abzugpläne aus dem Irak bekräftigt. Die amerikanischen Kampftruppen sollen bis Ende August aus dem Zweistromland abgezogen sein. 50.000 der momentan noch 92.000 Soldaten sollen allerdings noch für Sicherheit bei zivilen Projekten sorgen, antiterroristische Einsätze leiten und die einheimischen Sicherheitskräfte ausbilden. Bis Ende 2011 sollen auch diese das Land verlassen haben. Damit würde der Präsident eines seiner wichtigsten Wahlversprechen während des Wahlkampfs 2008 einlösen.

Asis hätte Mut gefasst, als Obama gewählt wurde. "Ich dachte, er würde einige der von (seinem Vorgänger George W.) Bush gemachten Fehler korrigieren." Nun überlasse der US-Präsident "den Irak den Wölfen", sagte Asis der Zeitung. "Wir sind alle Opfer der USA und Großbritannien. Sie haben das Land auf viele Arten getötet. Wenn man einen Fehler macht, muss man das korrigieren und nicht den Irak seinem Tod überlassen." Das Land sei in einem schlechteren Zustand als vor dem Krieg. Die USA seien moralisch verpflichtet, dem Irak wieder auf die Beine zu helfen, bevor sie sich zurückzögen.

Asis: "Ich bat Saddam Hussein, nicht in Kuwait einzumarschieren"

Als Chefdiplomat hatte Asis mit der für ihn typischen riesigen schwarzen Hornbrille und der obligatorischen Zigarre den Irak als Außenminister und als Vizepremier im Ausland vertreten. Er galt als das zumeist zynische, gelegentlich aber auch charmante Gesicht der irakischen Diktatur.

Tarik Asis gab dem "Guardian" das erste Interview seit dem Fall Bagdads vor mehr als sieben Jahren. Der heute 74-Jährige hatte sich kurz nach dem Einmarsch der US-Armee im April 2003 den Amerikanern gestellt, die ihn im Juli dieses Jahres den irakischen Behörden übergaben. Nach Angaben seines Sohnes erlitt er im Januar einen Schlaganfall, seine Familie in Amman forderte wegen gesundheitlicher Probleme wiederholt seine Freilassung.

Asis, einziger Christ unter den sunnitischen Muslimen in Saddams Führungsriege, ist im vergangenen Jahr in zwei Prozessen vor irakischen Gerichten wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 15 Jahren und wegen der Verfolgung irakischer Kurden in den Achtzigern zusätzlich zu sieben Jahren Haft verurteilt worden.

Von dem 2006 hingerichteten Saddam Hussein wollte Asis sich in dem Interview nicht distanzieren. "Wenn ich jetzt über Bedenken reden würde, würden mich die Leute einen Opportunisten nennen", wurde er zitiert. Er werde nichts gegen Saddam sagen, bis er ein freier Mann wäre. "Saddam ist jemand, vor dem ich großen Respekt und Liebe habe." Die Geschichte werde zeigen, dass er seinem Land gedient habe.

Asis habe versucht, Saddam vom Einmarsch in Kuwait 1990 abzuhalten, sagte er dem "Guardian". "Aber ich musste die Entscheidung der Mehrheit unterstützen." Er habe Saddam gesagt, "dies wird in einem Krieg gegen die USA enden, und es ist nicht in unserem Interesse, gegen die USA einen Krieg zu führen".

"Ich wünschte, ich wäre als Märtyrer gestorben"

Tarik Asis will versucht haben, die Welt von der Überzeugung abzubringen, dass der Irak ein geheimes Waffenprogramm gehabt hätte. "Ich war beauftragt, die Arbeit der Unscom zu überwachen. Ich war bei Hunderten Zusammenkünften an Hunderten Orten mit ihnen - aber sie waren verpflichtet, die Unwahrheit zu beweisen."

Saddam Hussein jedoch zog eine Politik des Vagen vor, eine Haltung, mit der er sich bei den USA und Großbritannien umso verdächtiger machte. Damit habe er aber keinen Konflikt mit den Ländern herausfordern wollen, sondern sich in der Region gegen Iran behaupten wollen, erklärte Asis.

"Teilweise war es wegen Iran. Sie haben acht Jahre Krieg gegen uns geführt, also hatten wir Iraker das Recht, sie abzuschrecken. Saddam war ein stolzer Mann. Er musste die Würde des Iraks verteidigen... Nun hat Iran ein Waffenprogramm. Alle wissen es, und niemand macht irgendwas. Warum?"

Auch zu seiner eigenen Rolle in der Politik äußerte sich der langjährige Vize von Saddam: "Ich würde nicht sagen, dass ich ein großer Mann bin und immer richtig gehandelt habe" - aber er sei stolz auf sein Leben, er habe immer in bester Absicht seinem Land gedient. Eine der Entscheidungen, die er bereue, sei, sich den US-Amerikanern gestellt zu haben: "Ich wünschte, ich wäre als Märtyrer gestorben." Als Gegenleistung für seine Gefangennahme habe aber seine Familie nach Amman in Jordanien ausreisen dürfen.

abl mit apn

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