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Schiiten mobilisieren im Irak "Nahkampf, Schießen, Deckung suchen"

Im Bagdader Schiiten-Slum Sadr City schwelt der Hass auf die vorrückenden Sunniten-Kämpfer. Nun werden dort die alten Terrormilizen wieder belebt. Sie wollen Premierminister Nuri al-Maliki gleich mit loswerden.

Muktada Hatem kann es kaum erwarten: "Ich freue mich schon darauf, meinen ersten ISIS-Kämpfer zu töten", tönt der 16-Jährige mit gerecktem Kinn, geballten Fäusten. ISIS - das sind die Dschihadisten vom "Islamischen Staat im Irak und in Syrien", die auf Bagdad zumarschieren.

Der Grund für Muktadas stolze Pose ist eine Freizeitaktivität, der er seit einer Woche auf dem Pausenhof seiner für die Ferien geschlossenen Schule nachgeht: Jeden Abend, von 7 bis 11, absolviert er dort ein Training, das ihn zum Kämpfer der Schiiten-Miliz "Brigade des Friedens" machen wird.

"Nahkampf, Schießen mit der Kalaschnikow, Deckung suchen", zählt er die Unterrichtseinheiten auf. Anlass für den Schnellkurs ist die von den Radikalislamisten geführte Offensive im Nordirak. Ihr wollen sich Muktada und seine Kameraden entgegenstellen.

Ganz neu ist das Kriegsgeschäft für Muktada nicht: Bereits mit sieben Jahren half er der Miliz in Bagdads Schiiten-Slum Sadr City. Damals hieß die Gruppe Mahdi-Armee, benannt nach dem Endzeit-Erlöser, dessen Ankunft manche Muslime, vor allem Schiiten, erwarten.

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Die Miliz war berüchtigt: Erst kämpfte sie im erbitterten Terrorkrieg gegen die US-Besatzer, dann gegen rivalisierende sunnitische Milizen. "Ich hab damals Granaten durch Checkpoints geschmuggelt. Ich war so klein, mich haben sie nicht kontrolliert", erinnert sich der 16-Jährige.

Die berüchtigte Miliz Mahdi-Armee bereitet ihr Comeback vor

Muktada erzählt das vor einem Wald aus Regenschirmen: Tausende Männer haben sich an diesem brutheißen Freitag - wieder sind es 44 Grad - auf einer staubigen Straße in Sadr City zum Freitagsgebet versammelt.

Die Schirme bieten Schatten, Freiwillige gehen zwischen den auf ihren Gebetsteppichen sitzenden Gläubigen herum und besprengen sie zur Kühlung mit kostbarem Wasser: Sadr City, eine in den Fünfzigerjahren angelegte Satellitenstadt im Süden Bagdads, ist heute ein Elendsviertel, in dem sich bis zu drei Millionen Einwohner drängen. Wasser, Strom, Arbeit, Geld - alles ist hier knapp.

Benannt ist die Schiiten-Hochburg nach einer der wohl wichtigsten Kleriker-Dynastien Iraks. Ihr jüngster Spross, der 40-jährige Muktada al-Sadr, war es, der die etwa 100.000 Mann starke Mahdi-Armee unterhielt.

Nicht nur auf dem Schlachtfeld, auch in der Politik mischte Sadr mit. Er unterhält enge Verbindungen mit Teheran und war einer der wichtigsten Verbündeten des irakischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki. Doch dann unternahm Maliki 2008 Anstrengungen, Sadrs Macht zu beschneiden und ging brutal gegen die Mahdi-Armee vor - mehr als tausend Menschen starben. Sadr musste seine Privatarmee außer Dienst stellen. Er selbst zog sich zu Beginn des Jahres aus der Politik zurück.

Am Samstag wollen Sadrs Anhänger Maliki aus dem Amt jagen

Sadr und Maliki sind heute bis aufs Blut verfeindet, und genau deshalb sitzen Sadrs Anhänger in der gleißenden Sonne: Sie stimmen sich auf ein Großereignis ein, dass am Samstag helfen soll, Maliki aus dem Amt zu jagen. Sadr hat zu einem Marsch der Millionen aufgerufen, mit der die Wiederauferstehung der Mahdi-Armee, die jetzt "Brigade des Friedens" heißt, gefeiert werden soll.

Die Kämpfe im Norden Iraks, bei denen von ISIS geführte Sunnitenverbände die schwächelnde irakische Armee Richtung Bagdad vor sich hertreiben, sind für Sadr ein willkommener Vorwand, seine Miliz erneut zu den Waffen zu rufen.

"Die Armee schafft es nicht alleine. Wenn wir nicht wollen, dass unsere heiligen Stätten von Terroristen überrannt werden, müssen wir sie selbst verteidigen", sagt Eiad Selim. Der Kücheninstallateur war lange selbst in der Mahdi-Armee aktiv und saß unter den Amerikanern dafür in einem irakischen Gefängnis. Jetzt hat er seine alte Uniform wieder vorgeholt, die Hose ist inzwischen etwas eng im Bund. In der Ecke seines bis unter die Decke gekachelten Wohnzimmers lehnt seine alte Kalaschnikow, frisch gesäubert und geladen.

Dass Sadr die Seinen am Samstag bewaffnet marschieren lässt, ist eine Drohgebärde gegen "unsere Feinde", wie der Prediger sagt. Damit meint er einerseits die von den Radikalislamisten der ISIS geführten Sunnitenallianz. Andererseits - und das ist politisch wichtiger - ist damit auch der Schiit Maliki gemeint.

Der Marsch soll die Rückkehr Sadrs auf die politische Bühne vorbereiten. "Sadr will Maliki in die Enge treiben", sagt Abdul Rasak Fatah, Vizepräsident der Kurdischen Patriotischen Union, der auch der Iraks Präsident, Dschalal Talabani, angehört.

Die Sadr-Anhänger erklären sich verhandlungsbereit - "noch"

Tatsächlich steht Maliki unter enormen Druck: Die Offensive im Norden wird von Teilen der dortigen sunnitischen Stämme unterstützt, die sich ihre Diskriminierung durch die Maliki-Regierung nicht länger bieten lassen wollen. Wenn nun auch noch Malikis Gegner unter den Schiiten mobilisieren, bleibt dem Premier bald nichts anderes mehr übrig als der Rücktritt. "Sadr will jetzt Stärke zeigen, damit einer seiner Anhänger der nächste Ministerpräsident wird", sagt Fatah.

Welche Politik ein Sadr-Getreuer als Regierungschef verfolgen würde, ist unklar. Kritiker werfen Sadr vor, er wolle im Irak einen schiitischen Gottesstaat nach iranischem Vorbild etablieren. Dagegen spricht, dass Sadr und seine Gefolgsleute offenbar gewillt sind, am Demokratisierungsprozess im Irak teilzuhaben und in den vergangenen Jahren bereits verschiedene Regierungsämter ausgeübt haben.

"Maliki ist der neue Saddam Hussein", lässt der Bürochef Muktada al-Sadrs, Ibrahim Dschabari, die versammelten Reporter nach dem Freitagsgebet wissen. Wie sein Chef ist Dschabari hauptberuflich Geistlicher, trägt die wallende Tracht der Schiitenprediger. Er sitzt schon in seinem weißen Mercedes, spricht durchs offene Fenster eine Warnung aus: "Maliki hat viele Fehler gemacht. Doch trotzdem sind wir an einer politischen Lösung interessiert - noch."

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