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25. Oktober 2010, 11:20 Uhr

Saif al-Adel

Top-Terrorist kehrt in Qaida-Zentrale zurück

Von Yassin Musharbash

Saif al-Adel ist einer der gefährlichsten Terroristen der Welt. Neun Jahre hielt er sich in Iran auf. Nach Information von SPIEGEL ONLINE ist der Ägypter ins Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan zurückgekehrt - womöglich als al-Qaidas Militärchef. Mit seiner Hilfe könnte sich das Terrornetzwerk neu aufstellen.

Berlin - Der Ägypter Saif al-Adel hat unter Dschihadisten in aller Welt einen Ruf wie Donnerhall, und das liegt nicht nur an seinem Kampfnamen, der "Schwert der Gerechtigkeit" bedeutet. Er gilt als überragender Operationsplaner, erfahrener Feldkommandeur und wird in einem Atemzug mit Chalid Scheich Mohammed genannt, dem Mastermind der Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington. Die USA legen ihm unter anderem die Beteiligung an den Bombenanschlägen auf zwei US-Botschaften in Afrika 1998 zur Last. Die letzte Position, die Saif al-Adel in Osama Bin Ladens Terrornetzwerk al-Qaida bekleidete, war die eines hochrangigen militärischen Anführers, was ihn zur Speerspitze des internationalen dschihadistischen Terrorismus machte.

Nach 9/11 verlor sich die Spur des Top-Terroristen zunächst. Später wurde bekannt, dass er nördlich der iranischen Hauptstadt Teheran unter einer Art wohlwollendem Hausarrest stand - zusammen mit Dutzenden, möglicherweise Hunderten Qaida-Kämpfern und ihren Familien, die vor der US-Invasion in Afghanistan im Dezember 2001 geflohen waren und von den Iranern an der Weiterreise gehindert wurden.

Doch nun ist Saif al-Adel zurück: "Es ist so gut wie sicher, dass Saif al-Adel freigelassen wurde, sich in der pakistanischen Provinz Nordwaziristan aufhält und als al-Qaidas Militärchef fungiert", sagt Noman Benotman, Analyst bei der Londoner Quilliam-Foundation. Der Libyer ist einer der besten Qaida-Kenner weltweit. Bis zu seinem spektakulären Frontenwechsel im Jahr 2002 war er selbst Ausbilder in dschihadistischen Militärcamps in Afghanistan. Seine Quellen in Bezug auf Saif al-Adel, sagt er, seien belastbar.

Und Benotman steht nicht allein: "Saif al-Adel ist aus Iran ausgereist und hält sich im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet auf", bestätigte ein europäischer Geheimdienstbeamter SPIEGEL ONLINE. "Es ist naheliegend, dass er sich terroristischen Strukturen angeschlossen hat."

Wichtigster Neuzugang seit einer Dekade

Schon im Sommer 2010 war in einer afghanischen Zeitung spekuliert worden, Saif al-Adel könnte freigekommen sein - im Austausch für gekidnappte iranische Diplomaten. Damals hatte sich das Gerücht noch nicht erhärten lassen.

Die Rückkehr Saif al-Adels dürfte der wichtigste Neuzugang al-Qaidas seit einem Jahrzehnt sein. Wie ernst der Mann genommen wird, zeigt sich daran, dass nach Informationen von SPIEGEL ONLINE US-Geheimdienste regelmäßig Gedankenexperimente darüber anstellten, wie gefährlich es wäre, sollte Iran Saif al-Adel dafür gewinnen können, im Falle einer Bombardierung seiner Nuklearanlagen Vergeltungsschläge zu organisieren.

"Bei jemandem wie Saif al-Adel", sagt Benotman, "reicht schon, was er im Kopf hat. Er muss gar nicht selbst aktiv werden." Anschläge in Saudi-Arabien 2003 werden al-Adel zugeschrieben: Beispiele für seinen großen Einfluss und möglicherweise für den Freiraum, den Iran ihm gewährte.

"Eine neue Ära der Kooperation"

Die australische Terrorexpertin Leah Farrall, die ihre Dissertation über al-Qaidas Kommandostrukturen schreibt, ist sicher: "Eine Rückkehr Saif al-Adels würde nicht nur al-Qaidas operative Fähigkeiten stärken. Seine langjährigen Beziehungen zu anderen militanten Gruppen, deren Verhältnis zu al-Qaida in den vergangenen Jahren gespannt war, könnten eine neue Ära in der Kooperation bei Anschlägen gegen Ziele im Westen einläuten."

Al-Adel habe einen Ruf als Pragmatiker, der sich um ideologische Differenzen nicht allzu sehr schere. Angesichts der Bedrohung durch Drohnenangriffe der CIA, so Farrall gegenüber SPIEGEL ONLINE, könnte diese Einstellung helfen, gemeinsame Anschlagsplanungen zu erleichtern.

Al-Qaida hat sich zur Rückkehr ihres Militärchefs bisher nicht geäußert - möglicherweise um ihn zu schützen. Denn angesichts der Drohnenangriffe lebt al-Qaidas Führungsstruktur gefährlich.

Anfang dieses Monats kam Qaida-Ideologe Attijat Allah bei einem solchen Luftschlag ums Leben, wie Noman Benotmans Quellen ihm ebenfalls bestätigten - ein kaum zu kompensierender Verlust. Der Libyer war einer der wenigen Intellektuellen von Rang, sein Wort hatte Gewicht. Regelmäßig vermittelte er bei Konflikten, die für Qaida-Mitglieder und -Sympathisanten von Bedeutung sind.

Der Kurier Bin Ladens ist tot

Ebenfalls im Oktober fiel Mohammed Uthman einer Drohne zum Opfer. Der Mann aus dem Pundschab war persönlicher Kurier Osama Bin Ladens - und damit einer der wenigen Männer, die wussten, wo der Qaida-Chef sich aufhielt. Ob den USA klar war, wen sie da töteten, ist ungewiss. Im Mai 2010 starb auf dieselbe Art Mustafa Abu al-Yazid, der Afghanistan-Chef al-Qaidas und so etwas wie der Buchhalter der Terrorgruppe.

Die sich häufenden Todesfälle durch ferngesteuerte Flugkörper befördern nun den Aufstieg von Kadern der zweiten Reihe in Spitzenpositionen. "Erzwungene Verjüngung" nennt Noman Benotman das, ein Anzeichen des Niedergangs.

Doch noch ist al-Qaida in der Lage, erfahrenes Personal aufzubieten. Im Laufe der vergangenen Monate hat sich das Terrornetzwerk neu aufgestellt. Es könnte das letzte Aufgebot al-Qaidas sein - sollten diese Männer sterben, stehen kaum noch einschlägig bekannte Nachrücker zur Verfügung.

Eine neue Rolle für die Brigade 313?

Noman Benotmans Quellen zufolge ist einer der zentralen Aufsteiger Ilyas Kashmiri. Der 1964 geborene Guerillakampf-Experte machte sich schon als junger Mann einen Namen als Dschihadist in Kaschmir. Mittlerweile gilt der einäugige Kämpfer mit dem rotgefärbten Bart als Drahtzieher schwerster Terroranschläge in Indien und Pakistan. Zudem fungiert er als Kommandeur der geheimnisumwobenen Brigade 313 al-Qaidas, die mal als Pakistan-Filiale des Netzwerks beschrieben wird, mal als Sondereinheit für Spezialeinsätze und mal als dschihadistische Vereinigung außerhalb der Kommandostrukturen al-Qaidas.

Nun, so Noman Benotman, habe al-Qaida beschlossen, die Brigade 313 aufzuwerten und mit der Planung von Operationen außerhalb Afghanistans und Pakistans zu beauftragen - mit besonderem Augenmerk auf Indien und andere Staaten Südasiens auf der einen und Europa auf der anderen Seite.

Kashmiri gilt als brutal und ergebnisorientiert. Ähnlich wie Saif al-Adel bedeuten ihm ideologische Differenzen wenig, und ähnlich wie dieser hat er erhebliche Erfahrung in der Kooperation mit anderen militanten Gruppen, in seinem Fall etwa mit der Lashkar-i-Toiba, die für die Anschläge in Mumbai 2008 verantwortlich war, oder den pakistanischen Taliban, die im Mai 2010 eine Autobombe am New Yorker Times Square in Auftrag gaben. "Ich bin kein Prediger, ich mache keine Slogans", sagte er 2009 in einem Interview. "Als Militärkommandeur sage ich, jedes Ziel hat seine Zeit und seine Gründe."

Kader der zweiten Reihe - mit Erfahrung

Ein weiterer Kader, der wegen der Verluste aufgestiegen zu sein scheint, ist Adnan al-Shukri Juma. Al-Shukri Juma lebte lange in den USA, er gilt zudem als Hintermann eines vereitelten Anschlags auf die New Yorker U-Bahn. Die USA betrachten ihn daher mit besonderem Argwohn. Auch bei ihm gilt als sicher, dass er in Nordwaziristan zu finden ist; der Fachblog "Long War Journal" nennt ihn den "Nordamerika-Beauftragten" al-Qaidas, was bedeuten dürfte, dass er Kashmiri hierarchisch untergeordnet ist, aber ein zentrales Portfolio betreut.

Bei den New-York-Planungen ging Al-Shukri Juma seinerzeit ein Mann zur Hand, dessen Rolle ebenfalls gewachsen sein könnte: Rashid Rauf gehört eigentlich der Gruppe Jaish-i-Mohammed an, gilt mittlerweile aber als Qaida-Kader. Auf ihn gehen mutmaßlich die vereitelten Anschläge auf Passagierflugzeuge in London 2006 zurück.

In diese Reihe gehört schließlich Saad Bin Laden, ältester Sohn von Osama Bin Laden, der ebenfalls den Weg aus Iran nach Waziristan gefunden haben soll und seinem Vater nun zur Seite stehen könnte.

Welche Bedeutungen die Umstrukturierungen in der Realität haben, ist schwer abzuschätzen. Der Verfolgungsdruck auf al-Qaida und Co. ist enorm, die Terroristen haben kaum Bewegungsspielraum und knappe Ressourcen. Aber sie verfügen nach wie vor über Rekruten - auch aus dem Westen -, und sie sind Willens, darin scheinen sich Geheimdienste weltweit einig zu sein, einen weiteren spektakulären Anschlag im Westen zu versuchen.

Analysten glauben, dass die Erfolgsaussichten für einen solchen Anschlag von zwei Faktoren abhängen: Von der Qualität des Trainings der Attentäter, die ausgesandt werden, und der Kooperation verschiedener Gruppen untereinander, um ein Maximum an Ressourcen auszuschöpfen.

In der Theorie sind Saif al-Adel und Ilyas Kashmiri für beide Aufgaben bestens gerüstet. In der Praxis aber ist der Himmel über Nordwaziristan vom permanenten Summen der Drohnen erfüllt.

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