Aus dem Saarland nach Syrien Shaqqours Kampf gegen den IS

15 Jahre lang arbeitete der Kurde Shaqqour als Lkw-Fahrer in Saarlouis. Jetzt kämpft er in seiner Heimatregion in Syrien als Sicherheitschef gegen den IS.

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Es ist schon ungewöhnlich, dass ein kurdischer Fernfahrer aus Saarlouis mehr Erfahrung im Kampf gegen die Terrorarmee "Islamischer Staat" hat als das US-Militär. Und doch ist es so. Dies ist die Geschichte des 48-jährigen Salahhedin Cheikh, den alle nur Shaqqour nennen. Sie erzählt einiges über die Ignoranz der Welt und vieles über die verschlungenen Wege des jahrzehntelangen Kampfes der Kurden für ihren eigenen Staat.

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Heft 44/2014
Der IS-Vormarsch und der einsame Kampf der Kurden

Vor mehr als einem Vierteljahrhundert verließ Shaqqour seine hügelige Heimatregion Afrin im Nordwesten Syriens und schloss sich der PKK an. Er ging in die Berge und später in ein Militärlager in der libanesischen Bekaa-Ebene, wo PKK-Übervater Abdullah Öcalan lange Jahre sein Hauptquartier hatte. Dort wurde die Organisation geduldet und vor allem von Syriens damaligem Diktator Hafiz al-Assad als politisches Druckmittel gegen die Türkei benutzt, die seit 1984 erbittert Krieg gegen die PKK führte.

Ein Kanton in Syrien

In den Neunzigerjahren musste die PKK den Libanon verlassen. Für Öcalan begann eine Odyssee, die schließlich im türkischen Hochsicherheitsgefängnis endete. Shaqqour strandete im Saarland, wo er die deutsche Staatsbürgerschaft annahm und anderthalb Jahrzehnte als Lkw-Fahrer unterwegs war - bis vor zwei Jahren.

Als die syrische Revolte längst zum Krieg eskaliert war, ging er zurück nach Afrin. Er sah plötzlich eine Chance für die Kurden, zumindest ihre Siedlungsgebiete unter eigene Kontrolle zu bringen.

Der alte Kämpfer wurde Sicherheitschef eines Mini-Staates. Dieser ist auf keiner Landkarte zu finden, und seine Gründer bestreiten auch vehement, einen Staat bilden zu wollen - während sie ihn gleichzeitig mit immenser Energie und Disziplin aufbauen. Der "Kanton Afrin" hat etwa 2000 Quadratkilometer und 1,2 Millionen Einwohner. Er ist einer von drei kurdischen Kantonen nach Schweizer Vorbild in Nordsyrien. Der kleinste und bekannteste, Kobane, steht seit Monaten im Feuer des IS und im Blickpunkt der Welt. Afrin hingegen, größer und reicher, hat seit anderthalb Jahren alle Angriffe des IS abgewehrt.

Im Auge dieses Orkans sitzt Shaqqour. Er ist ein kugeliges Energiebündel und erzählt im heitersten Trucker-Slang vom Frontkampf. Seine Sätze beendet er gern auf Deutsch mit "geht schon!" oder "weißt du?". Als US-Präsident Barack Obama den IS Anfang des Jahres noch mit einer Amateurmannschaft im Basketball verglich, waren die PKK-Kämpfer und Shaqqours Polizisten längst im Dauereinsatz. "Wo Menschen zusammenleben, brauchen sie eine Polizei, egal wo", sagt er, "man muss aufpassen."

Und dann berichtet Shaqqour vom Leben im Krieg:

Allein in diesem Jahr sprengten sich mehrere Selbstmordattentäter an Kontrollposten in die Luft - darunter ein ägyptischer Ex-Offizier samt seiner Familie: "Einfach so - bumm - hat er zwei Frauen, drei Kinder und sich selbst umgebracht. Wozu?"

Shaqqour erzählt von einem Algerier, der plötzlich bemerkte, dass ihn die Hassprediger belogen hatten. "Der saß hier bei mir, als der Ruf zum Beten kam. Da stutzte er und fragte: 'Ihr habt eine Moschee in Afrin?'" Dem Mann sei vorher von den Radikalislamisten erklärt worden, dass alle Kurden gottlos seien. "Das hat er ihnen geglaubt, weißt du? Aber dann hat er die Moschee gehört." Der Mann habe geweint und nur noch nach Hause gewollt.

Ein Deutschtürke aus Köln hätte sich im Spätsommer in jeder Hinsicht verirrt, erzählt Shaqqour. Der junge Mann sei den kurdischen Grenzposten direkt in die Arme gelaufen und Wochen später von seinem Vater persönlich in Afrin abgeholt worden.

Alle drei, vier Monate gebe es einen Gefangenenaustausch. IS-Kämpfer gegen kurdische Gefangene. "Im Moment haben wir zehn von denen hier. Die sind bescheuert", konstatiert Shaqqour und schlägt sich auf die Stirn. "Die haben ihr Gehirn gegessen, weißt du?!"

Es ist eine Kette des Irrsinns. "Wir sind hier im ...", er fällt immer wieder vom Deutschen ins Kurdische, Arabische und wieder zurück, "... harb, wie heißt das noch mal auf Deutsch? Krieg? Ah. Das Wort habe ich ja nie gebraucht in Deutschland! Ich hatte ein normales Leben dort, weißt du?!" Ansonsten seien die Probleme im Kanton überschaubar. Manchmal brächen in den Dörfern Fehden zwischen Familien aus. Da müsse man rechtzeitig einschreiten. "Wir bringen dann beide Seiten her. Man muss reden! Und dann Küsschen, Küsschen, tschüs, tschüs. Geht schon."

Krieg und Bürokratie

Jenseits von Terrorkampf und Konfliktprävention sei seine Behörde auch für die neuen Kfz-Kennzeichen zuständig, auf denen nicht mehr Syrien steht, sondern Afrin. Ansonsten "machen wir Führerscheine, Fahrzeugpapiere und Waffenbesitzkarten." Wer seinen Ausweis verloren habe, bekomme ein Behelfspapier: eine Kopie aus dem Familienbuch mit Foto und Stempel. Nur Reisepässe gäben sie nicht aus. "Welches Land würde die auch akzeptieren? Republik Afrin", und plötzlich lachen alle im Büro des Sicherheitschefs dröhnend über diesen Gedanken. Dabei meinen sie ihn sonst absolut ernst.

insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
MagyarBosnier 28.10.2014
1. Pkk
dieser Mann ist Mitglied einer terorristischen Vereinigung, die in Deutschland,USA,EU verboten ist. Wo liegt da der Unterschied zum IS?
conjure 28.10.2014
2. Deutscher Staatsbürger
Kämpft also gegen IS, ist also nach unserer Lesart ein Guter. Darf er denn eigentlich wieder zurück nach D, ich dachte, wenn man im Ausland zur Waffe greift, wird man bei Rückkehr verknackt. Oder gilt das nur selektiv, also wenn man auf der falschen Seite abdrückt?
KurdoBLN 28.10.2014
3. Hört auf
Hört bitte auf die brutale Pkk/Pyd als Vertreter für uns Kurden darzustellen. Diese Propaganda ist ungeheuerlich. Wir Kurden aus der Türkei sehen die Akp und Hdp als legale Vertreter. Wusstet Ihr das die über 30.000 Todesopfer der Pkk/Pyd mehrheitlich Kurdische Todesopfer waren? Wie sollen die für uns sprechen? In den letzten Wahlen hat die Akp rund 60% der kurdischen Stimmen bekommen. Da noch Erdogan als kurdenfeindlich darzustellen ist ungeheuerlich.
antiheld 28.10.2014
4.
Zitat von MagyarBosnierdieser Mann ist Mitglied einer terorristischen Vereinigung, die in Deutschland,USA,EU verboten ist. Wo liegt da der Unterschied zum IS?
Schauen sie sich das Video an und sie werden den Unterschied erkennen. Ohne zu verharmlosen was diese Organisation in der Türkei angerichtet hat sollte man diese Organisation nicht mit dem IS geleichsetzen. Die einen verteidigen ihr Leben in Syrien und die anderen töten um in das Paradies zu kommen. In den Gebieten herrscht so etwas wie Normalität. Wenn die syrischen Kruden sich nicht verteidigen könnten wären 1.2 Millionen Menschen mehr in der Türkei. Ich frage mich ob dass dem türkischen Staat bewusst ist?
Talking Frog 28.10.2014
5. @conjure
Ich meinte natürlich Magyar mit meinem Kommentar.
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