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24. August 2012, 17:43 Uhr

Samaras-Besuch in Berlin

Merkel macht Griechen ein bisschen Hoffnung

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Griechenlands Ministerpräsident Samaras bittet Deutschland verzweifelt um "Luft zum Atmen". Bei seinem Berlin-Besuch sagt Kanzlerin Merkel immerhin: "Ich möchte, dass Griechenland im Euro-Raum bleibt." Doch nur wenn Athen Opfer bringt, scheinen kleine Zugeständnisse möglich.

Berlin - Die Anspannung ist Antonis Samaras anzumerken. Vor dem griechischen Ministerpräsidenten haben sich so viele Journalisten aufgebaut, wie sonst vielleicht gerade noch US-Präsident Barack Obama anlockt. Jedes Wort zählt, jede Regung wird registriert. Immer wieder sucht Samaras den Blickkontakt zu Angela Merkel neben ihm, seine Hand, das verrät der Sprechzettel, zittert.

Es geht um nicht weniger als das Schicksal seines Landes, als die deutsche Regierungschefin Samaras an diesem Freitag empfängt. Kann Griechenland weiter auf Hilfe zählen, vielleicht sogar auf eine kleine Atempause bei den Reformmühen? Oder ist die Pleite des taumelnden Krisenstaates bald besiegelt? Für den Ministerpräsidenten ist es ein verzweifelter Bittgang, ein Gnadengesuch bei der eisernen Kanzlerin, die sich am Tag zuvor noch über einen Haushaltsüberschuss in Milliardenhöhe für die erste Jahreshälfte freuen konnte.

Schon in den Tagen zuvor hat Samaras alle Register gezogen. Er hat eine Charmeoffensive gestartet, in deutschen Zeitungen Reue gezeigt, Versprechen abgegeben, sogar eine Geld-zurück-Garantie für alle Helfer in der Not. Er hat es menscheln lassen, daran erinnert, wie sein Vater einst in Berlin studierte und von sich sagte, er sei mit "Spreewasser" getauft. Er sprach von einer besonderen Verbindung zu Merkel, weil diese ihn nach seiner Augenoperation getröstet habe. "Sie hat mir am Telefon erzählt, dass ihr Vater Priester war und dasselbe Augenproblem hatte wie ich mit meiner Netzhautablösung." Die Botschaft: Wir sind doch alle eine große, europäische Familie. Lasst uns nicht im Stich!

"Keine vorschnellen Urteile"

Als Samaras nun, nach einem etwas mehr als einstündigen Gespräch, mit der Kanzlerin vor der blauen Wand im ersten Stock der Berliner Regierungszentrale steht, kann er sich zumindest etwas Hoffnung machen. Konkrete Zusagen, Entscheidungen, wie es weitergeht, haben die beiden erwartungsgemäß nicht zu verkünden. Doch immerhin legt Merkel ein klares Bekenntnis zum Verbleib der Griechen in der Währungsunion ab. "Ich will, dass Griechenland Teil des Euro-Raums bleibt", sagt die CDU-Chefin, so wie es tags zuvor auch schon Frankreichs Präsident François Hollande in Berlin erklärt hat. Ihre Sorge ist groß, dass ein Austritt der Griechen zu einem Dominoeffekt in der Euro-Zone führt. Offen bleibt jedoch vorerst die Frage, welchen Preis Merkel bereit ist zu zahlen, um die Griechen zu halten. Und welchen Preis Samaras zahlen muss.

Merkel hatte zuletzt immer wieder Härte demonstriert und Athen an die Einhaltung aller vereinbarten Reformen und Zielvorgaben erinnert. Davon rückt sich auch jetzt nicht ab, die Griechen müssten ihre Zusagen einhalten, betont sie. Gleichermaßen versichert sie aber, dass Deutschland alles tun wolle, um Griechenland bei den Reformschritten zu helfen. Die Bundesregierung werde keine "vorschnellen Urteile" fällen, erst der Bericht der Troika aus Internationalem Währungsfonds (IWF), Europäischer Zentralbank (EZB) und EU-Kommission werde "belastbare" Erkenntnisse bringen. Der Bericht soll im September oder Oktober vorliegen.

Ein Premium-Zeugnis wird die Troika den Griechen nicht ausstellen. Dennoch glaubt Samaras an ein positives Signal. Der Bericht werde zeigen, dass seine Regierung ihre Verpflichtungen erfüllen werde. Er hofft darauf, dass ihm die Euro-Retter dann einen Aufschub geben werden. Statt wie bisher vereinbart schon 2014 will er erst 2016 das EU-Defizitziel erreichen, damit Griechenland nicht noch tiefer in die Rezession rutscht. "Wir wollen nicht mehr Mittel", sagt Samaras, sein Land brauche "Luft zum Atmen". Dann legt er eine Hand auf die Brust und erklärt: "Wir sind ein sehr stolzes Volk, und wir mögen es nicht, von geliehenem Geld abhängig zu sein."

Pathos allein reicht nicht

Doch von Pathos allein lässt sich Merkel nicht überzeugen - schon gar nicht, wenn Samaras es bemüht, der als Oppositionspolitiker noch alle Rettungsversuche der damaligen griechischen Regierung nach Kräften zu blockieren versuchte. Jetzt bescheinigt sie ihm zwar guten Willen. Sie verbindet dies aber mit der Mahnung, es sei noch viel zu tun. "Den Worten müssen Taten folgen." So muss Athen in den kommenden Wochen etwa sein neues Sparpaket über 11,5 Milliarden Euro durchbringen, sonst wollen die internationalen Helfer die nächste Tranche aus dem zweiten Hilfspaket in Höhe von 31 Milliarden Euro nicht auszahlen. Die Folge: Athen wäre pleite.

Auf die mögliche Atempause geht die Kanzlerin am Freitag nicht ein. Doch ihr Auftreten wirkt insgesamt versöhnlicher als in den vergangenen Tagen. Sie hat ein Entgegenkommen bislang auch nicht kategorisch ausgeschlossen. Und die Vereinbarungen zum zweiten Griechenland-Paket lassen einen Aufschub zu, sollte die Wirtschaft schlimmer abstürzen als befürchtet. Das Bundesfinanzministerium relativierte den Passus allerdings inzwischen als "etwas überhöht". Weder gebe es einen Automatismus, noch sei der Text rechtlich bindend, heißt es.

Dazu kommt: Mehr Zeit bedeutet unter dem Strich eben doch auch mehr Geld. Und die Bereitschaft, weitere Milliarden nach Athen zu schicken, tendiert in der schwarz-gelben Koalition gen Null. Für ein weiteres Griechenland-Paket hätte Merkel derzeit keine schwarz-gelbe Mehrheit. Noch am Vormittag hatte Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) erklärt, ein griechischer Euro-Austritt wäre "kein Problem". Ähnliche Töne waren bislang eher aus der FDP zu vernehmen, in der CSU würden viele die Drachme in Griechenland lieber heute als morgen wieder einführen.

Samaras beklagt sich am Freitag offen über diese "Kakophonie", die große Probleme schaffe, "weil man den Eindruck hat, dass man umsonst kämpft". Auch Merkel behagen die lautstarken Spekulationen über einen Grexit nicht. Ihre ziemlich mutige Aussage, sie kenne in den Regierungsfraktionen niemanden, der Griechenland aus dem Euro drängen wolle, dürfte deshalb vor allem als Mahnung an die schwarz-gelben Reihen zu verstehen sein. Dass die kritischen Stimmen damit verstummen, ist allerdings kaum zu erwarten.

Samaras ist dennoch zufrieden mit seinem Auftritt. Am Ende der Pressekonferenz legt er noch einmal die Hand auf die Brust und sagt mit einer kleinen Verbeugung auf deutsch: "Herzlichen Dank." Anschließend setzt er sich weitere 45 Minuten mit der Kanzlerin unter vier Augen zusammen, bevor es nach Paris geht. Dort trifft Samaras am Samstag Frankreichs Staatschef Hollande. Die griechische Schicksals-Tournee geht weiter. Mit ungewissem Ausgang.

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