Wut auf Republikaner "Gott wird es nicht richten!"

Der Ablauf ist stets der gleiche: In den USA sterben Menschen durch Schusswaffen - und die Republikaner beten für die Opfer. Diesmal erhebt sich ein Proteststurm. Der Vorwurf: Scheinheiligkeit.

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Es sind wieder "Thoughts and Prayers", Gedanken und Gebete, gefragt. Im kalifornischen San Bernardino sind 14 Personen in einer Einrichtung für Behinderte durch zwei Attentäter gestorben. "Thoughts and Prayers" - das ist eine sehr amerikanische Phrase der Trauer, sie umarmt alle Konfessionen und Nichtgläubige, sie streichelt, sie wärmt, sie tut keinem weh.

Oder?

"Gott wird es nicht richten!" ("God isn't fixing this"), ruft die New Yorker "Daily News" am Tag nach dem Attentat von ihrer Titelseite. Und darunter: "Während die nächste Fuhre unschuldiger Amerikaner in einer Pfütze ihres Blutes liegt, verstecken sich die Feiglinge, die diese Waffenplage beenden könnten, hinter bedeutungslosen Platitüden."

Die Allmacht Gottes öffentlich infrage zu stellen - bereits im liberalen New York ist das eine mächtige Aussage. Im konservativen Herzland der USA ist es nicht weniger als ein Affront.

Die Wut der "Daily News" richtet sich gegen hochrangige Republikaner: die drei Präsidentschaftskandidaten Ted Cruz, Rand Paul und Lindsey Graham sowie den Repräsentantenhaussprecher Paul Ryan. Diese hatten - man könnte sagen: gebetsmühlenartig - per Twitter Trauer mit den Opfern in San Bernardino bekundet. Die "Daily News" zeigte nun ihre Tweets - stellte ihre Trauer aber als leer dar.

Damit trifft die Zeitung einen Nerv, wagt aber auch einen Tabubruch.

In den sozialen Netzen äußert sich ebenfalls die Wut vieler Amerikaner - und auch sie richtet sich vor allem gegen die Republikaner. Viele empfinden die immer gleichen Trauerbekundungen nach Schießereien als Heuchelei - schließlich blockieren die Republikaner seit jeher schärfere Waffengesetze.

Laut Politik-Blog Vox sterben in den USA jährlich mehr als 32.000 Menschen durch Waffengewalt. "Wenn alles, was ihr bei täglichen Schießereien anbieten könnt, Gebete sind, dann hört einfach auf", schreibt "Boston Globe"-Journalist Michael Cohen.

Der US-Journalist Igor Volsky sammelte mehrere Dutzend Reaktionen von Mitgliedern des Kongresses, in denen sie, nahezu ein pawlowscher Reflex, in den sozialen Netzen ihre "Thoughts and Prayers" kundtaten. Volsky stellte diesen fast identisch lautenden Tweets die Summe der Wahlkampfhilfe entgegen, die diese Politiker von der Waffenlobby NRA, der National Rifle Association, erhalten haben. 19,7 Millionen Dollar, so will Volsky recherchiert haben, hätte die NRA allein im Jahr 2012 an waffenfreundliche Politiker überwiesen. Seine Tweets wurden in der Nacht tausendfach geteilt.

Die Idee erklärte Volsky in einem Interview auf MSNBC: "Alle gedenken und beten seit Newtown (wo ein 20-Jähriger in einer Grundschule im Dezember 2012 20 Kinder und sechs Erwachsene tötete, Anm. der Redaktion) und zeigen die gleiche Reaktion wie nach jeder Schießerei oder nach jedem Amoklauf. Diese Leute wollen nur gedenken und beten, und die NRA zahlt dafür, dass gewisse Entscheider nach Schießereien nichts anderes tun, als zu gedenken und zu beten. Niemand wäre nach den Attentaten von Paris auf die Idee gekommen, nichts anderes als Gedanken und Gebete zu schicken. Sondern es muss gehandelt werden."

Abstand von der bisherigen Trauerrhetorik nimmt auch die "Los Angeles Times" - mit diesem Cartoon:

Dieses "Formular" karikiert den mittlerweile automatisierten Ablauf nach Amokläufen in den USA:

Bemerkenswert ist, dass der Gegner des friedlichen Amerikas klar definiert wird. Trita Parsi, Chef des National Iranian American Council, treibt dies auf die Spitze: "Erschreckende Karte von islamistischen Terrorangriffen in den USA. Kleiner Scherz, sind nur Massenschießereien seit dem Attentat von Sandy Hook."

ayy



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