Fotostrecke

US-Präsidentschaftswahl: Wahlkampffaktor "Sandy"

Foto: DPA/ White House

Wahlkampf in den USA Stunde der Krisenmanager

Kurz vor der Präsidentschaftswahl verzichtet Barack Obama ganz auf Wahlkampf. Als Sturm-Manager der Nation setzt er Herausforderer Mitt Romney unter Druck. Der US-Präsident gewinnt dabei ungewöhnliche Partner.

Er hat es tatsächlich getan. "Hervorragend", sagt Chris Christie, der Gouverneur von New Jersey. Und: "Exzellent." Und: "Unglaublich hilfreich." Und: "Wunderbar."

Der 140-Kilo-Republikaner meint hier niemand anderen als Barack Obama und dessen Hilfe für Christies vom Sturm "Sandy" schwer gebeutelten Ostküstenstaat. Das ist mehr als erstaunlich. Denn Chris Christie ist ein Top-Gehilfe von Obama-Rivale Mitt Romney; er war im Gespräch für dessen Vizeposten; ihm überließen sie die zentrale Rede auf Romneys Krönungsmesse.

Romney? Stört nur

Und nun lobt er Obama? Ach was, er feiert ihn, auf allen Kanälen: In den TV-Sendungen, per Twitter, den ganzen Morgen nach der Katastrophe. Seine Botschaft: "Die Präsidentschaftswahl kann mich mal." Christie, ein Kraftpolitiker von Kohl'schen Dimensionen, ist beliebt bei den Leuten. Es kann schon mal vorkommen, dass der 50-Jährige nach einer Veranstaltung Jagd auf einen Zwischenrufer macht.

Bei Fox News fragen sie ihn am Dienstag, ob denn vielleicht Romney vorbeikommen würde für eine Tour durchs Notstandsgebiet. "Keine Ahnung", kanzelt Christie die Frage ab, ihn interessiere das auch nicht. Er habe in New Jersey jetzt einen Job zu erledigen, 2,4 Millionen Menschen seien ohne Strom. Romney, so der Subtext, stört da nur.

Kurz darauf verschickt das Weiße Haus diese Pressemitteilung:

"Morgen Nachmittag wird der Präsident nach New Jersey reisen und gemeinsam mit Gouverneur Christie die Sturmschäden begutachten, Gespräche mit betroffenen Bürgern führen und den Rettungskräften für ihren Einsatz danken. Details folgen."

Fotostrecke

Hurrikan "Sandy": Verheerende Sturmschäden

Foto: ADREES LATIF/ REUTERS

Es bedarf keiner allzu großen Phantasie, um sich die Reaktion im Team Romney auszumalen. "Ich vertraue auf die Unterstützung des Präsidenten", twittert da auch schon wieder Chris Christie.

Barack Obama seinerseits hat all seine Wahlkampfauftritte am Mittwoch abgesagt. Volle Konzentration auf die Opfer des Super-Sturms, Commander-in-Chief statt Wahlkämpfer. Doch was Christie dem bedrängten Obama da am Mittwoch schenkt, das ist besser als jede Wahlkampfkundgebung.

Die Fernsehbilder werden den Präsidenten am Mittwoch Seit' an Seit' mit einem führenden Republikaner mitten im Katastrophengebiet zeigen, gemeinsam besorgte Blicke, gemeinsam besorgtes Schulterklopfen für die Flutopfer, auf jeden Fall All-Wetter-Jacken, vielleicht sogar Gummistiefel. Die Botschaft: Vergesst den Parteienstreit, in der Krise stehen wir zusammen.

Sechs Tage vor der Wahl wird der beliebte Christie zum Edelhelfer des Präsidenten. In diesem engen Rennen kann so etwas entscheidend sein. Was treibt Christie? Spekuliert er schon auf die eigene Präsidentschaftskandidatur 2016? Oder ist er einfach von den Sturmschäden geschockt, die er "unvorstellbar" nennt? Das bleibt unklar.

Romney steigt wieder voll in den Wahlkampf ein

Und Romney? Der hatte - um auch einen Platz in der Sturm-Berichterstattung zu bekommen - seine Wahlkampfauftritte am Dienstag zu "Storm Relief Events" umdeklariert und dort dann Decken oder Reispackungen eingesammelt. Ab sofort aber nimmt er seinen Wahlkampf wieder auf, am Mittwoch reist er nach Florida und hält gleich drei "Victory Rallies" ab.

Der Präsident hingegen setzt auf die Krise, verzichtet auf wertvolle Wahlkampfzeit. Und kann doch für sich werben - wenn alles gut geht, die Regierung nicht versagt wie die von Präsident George W. Bush beim Hurrikan "Katrina" 2005. Aber danach sieht es im Moment nicht aus. Obama bittet seine Anhänger um Spenden für die "Sandy"-Opfer; er besucht das Rote Kreuz und mahnt seine Landsleute, dass man noch längst nicht sicher sei, dass im Nachgang des Sturms Überflutungen drohen; er telefoniert mit 13 Gouverneuren und sieben Bürgermeistern. Mit Chris Christie übrigens redet er gleich mehrfach.

Zudem hat Krisenmanager Obama viel zu verteilen. Anders als Vorgänger Bush hat er die Zivilschutzbehörde FEMA schon kurz nach Amtsantritt aufgewertet. Und weil das neue Haushaltsjahr gerade erst begonnen hat und "Sandy" die erste Katastrophe ist - so rechnet es das US-Magazin "Politico" vor - kann die FEMA über gut 7,8 Milliarden Dollar verfügen. Zudem könne der Kongress problemlos noch weitere elf Milliarden Dollar freigeben, ohne dass es dazu eines neuen Gesetzes bedürfe. Das Geld scheint auch nötig, auf mindestens 20 Milliarden Dollar werden die ökonomischen Folgekosten des Sturms geschätzt.

Zeit für "Big Government"

Und eines zeigt die gegenwärtige Katastrophe, die rund 60 Millionen Amerikaner an der Ostküste direkt oder indirekt betrifft und die mindestens 40 Menschenleben gefordert hat, ganz sicher: Dass das von manchem Republikaner geschmähte "Big Government", also eine aktive, eingreifende Regierung, durchaus seinen Sinn hat.

Denn "Sandy" hat nicht zuletzt offenbart, wohin es führt, wenn ein Staat allein auf das freie Spiel der Marktkräfte setzt: Wegen fehlender öffentlicher Investitionen ist die US-Infrastruktur derart fragil, dass noch tagelang Millionen ohne Strom sein werden; etliche Straßen und Schienen haben dem Sturm nicht standhalten können; Kommunikationsnetze sind zusammengebrochen; ein Uralt-Atomkraftwerk kommt mit dem gestiegenen Wasserpegel nicht zurecht, anderswo müssen Meiler heruntergefahren werden. Die "New York Times" kommentiert: "Ein schwerer Sturm erfordert Big Government."

Romney und Vizekandidat Paul Ryan aber haben einer starken Regierung den Kampf angesagt, setzen auf die Privatwirtschaft. Dieser Kontrast könnte Obama in der Sturm-Woche zum Krisengewinnler machen.

Möglicherweise mag der tragische Sturm "Sandy" für Obama das bewirken, was das erste TV-Duell für Romney einleitete: eine Trendwende im Wahlkampf. Obama setzt nun alles auf eine Karte. Denn sicherlich hätte er nicht seine gänzlichen Wahlkampfauftritte absagen müssen. Er hat sich von seiner eigenen Kampagne abgekoppelt, die ohne ihn weiter geht. Die First Lady, Vize-Präsident Joe Biden, Ex-Präsident Bill Clinton - sie alle treten weiterhin auf, übernehmen auch Termine Obamas.

Aber vielleicht macht keiner so effizient Werbung für den Präsidenten wie der Gouverneur Chris Christie aus New Jersey.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.