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Künftige Regierungschefin Finnlands Junge Pionierin

Das Parlament hat zugestimmt, am Nachmittag wird sie vereidigt: Die 34-jährige Sanna Marin wird Finnlands neue Ministerpräsidentin. Sie ist die jüngste Regierungschefin der Welt - in einer von jungen Frauen dominierten Regierung.

Fragen nach ihrem Alter wischt Sanna Marin beiseite. Darüber habe sie nie nachgedacht, sagt die Sozialdemokratin, ebenso wenig über ihr Geschlecht. Stattdessen treibe sie etwas anderes um: "Wir müssen jetzt hart arbeiten, um Vertrauen zurückzugewinnen."

Dieses genoss ihr Parteifreund Antti Rinne, der erst vor einem halben Jahr das Amt des finnischen Ministerpräsidenten übernommen hatte, zuletzt nicht mehr. Pläne der staatlichen Post, die Löhne von 700 Paketsortierern zu kürzen, führten zu einer Regierungskrise. Der wichtigste Koalitionspartner, die Zentrumspartei, versagte ihm die Gefolgschaft. Rinne trat zurück.

Nun tritt Marin seine Nachfolge an. Das Parlament hat der Personalie zugestimmt. Später am Nachmittag wird die stellvertretende Parteivorsitzende der Sozialdemokraten und bisherige Verkehrsministerin als Ministerpräsidentin vereidigt.

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Finnlands Regierung: Fünf Frauen an der Spitze

Foto: Vesa Moilanen/Lehtikuva/dpa

Die jüngste Regierungschefin der Welt

Inhaltlich wird sich wohl nicht viel ändern; Marin hat bereits angekündigt, am Regierungsprogramm festzuhalten. Personell aber ist die Neuausrichtung umso bemerkenswerter.

In der Geschichte Finnlands ist Marin die dritte Frau an der Spitze einer Regierung. Mit erst 34 Jahren ist sie zudem nicht nur die jüngste Ministerpräsidentin, die das Land je hatte. Solange Sebastian Kurz (33) in Österreich keine neue Regierung gebildet hat, wäre sie auch das derzeit jüngste Regierungsoberhaupt der Welt - jünger noch als der ukrainische Premier Oleksij Hontscharuk (35) und die Neuseeländerin Jacinda Ardern (39).

Der Wechsel an der Spitze ist nicht die einzige personelle Neuerung in der Regierung: Katri Kulmuni wird Finanzministerin. Die 32-Jährige steht seit September an der Spitze der Zentrumspartei, der nach den Sozialdemokraten zweitstärksten Kraft im Bündnis.

Im Videoporträt: Finnlands neue Ministerpräsidentin

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Damit werden die wichtigsten Positionen in der finnischen Regierung und der Koalition, die sie trägt, von fünf Frauen bekleidet. Vier von ihnen sind jünger als 35: Neben Marin und Kulmuni sind das die Bildungsministerin und Chefin des Linksbündnisses, die 32-jährige Li Andersson, sowie Maria Ohisalo (34), Innenministerin und Vorsitzende der Grünen Liga. Justizministerin Anna-Maja Henriksson (55) steht der Schwedischen Volkspartei Finnlands vor, die die Minderheit der Finnlandschweden repräsentiert.

Seine Partei sei zwar nicht in der Regierung, twitterte der frühere Ministerpräsident Alexander Stubb. Es freue ihn aber, dass die fünf Regierungsparteien von Frauen angeführt würden. "Das zeigt, dass Finnland ein modernes und fortschrittliches Land ist", schrieb der Politiker der Mitte-rechts-Partei NCP, der heute Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank ist. Irgendwann werde das Geschlecht in Regierungsfragen keine Rolle mehr spielen; bis dahin sei Finnland ein Pionier.

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Eine steile Karriere, eine außergewöhnliche Biografie

Vier der fünf Frauen stehen an der Spitze ihrer jeweiligen Partei. Marin ist Vizevorsitzende der Sozialdemokraten; im kommenden Jahr dürfte sie dann auch die Parteiführung übernehmen. Für die 34-Jährige ist die Vereidigung als Ministerpräsidentin der vorläufige Höhepunkt einer steilen Karriere - und die nächste Wendung in einer außergewöhnlichen Biografie.

Die künftige Ministerpräsidentin wuchs als Kind einer alleinerziehenden Mutter auf, die später mit ihrer Partnerin in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung lebte. In dieser Zeit habe sie sich "unsichtbar" gefühlt, weil sie nicht offen über ihre Familie habe sprechen können, sagte sie 2015 einer finnischen Website . Da war sie gerade ins Parlament eingezogen: mit 29 Jahren.

Marin ist Mutter einer 22 Monate alten Tochter. Sie ist die erste Person in ihrer Familie, die eine Universität besuchte. Noch vor ihrem Masterabschluss als Verwaltungswissenschaftlerin war sie Vorsitzende des Stadtparlaments von Tampere, der drittgrößten Stadt Finnlands. Anfang des Jahres fungierte sie kommissarisch als Vorsitzende der Sozialdemokraten; sie vertrat Rinne, der krankheitsbedingt eine Pause einlegte.

Nun übernimmt sie von ihm das Amt des Ministerpräsidenten. Die erste Herausforderung steht unmittelbar bevor. Finnland hat derzeit die EU-Ratspräsidentschaft inne. Am Donnerstag kommen in Brüssel die Staats- und Regierungschefs zusammen.