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Santorum-Rückzug bei US-Republikanern Jetzt heißt es Romney gegen Obama

Rick Santorum steigt mit Getöse aus dem Rennen aus: Der Rechtsaußen-Republikaner überlässt die Präsidentschaftskandidatur Erzrivale Mitt Romney. Der darf nun in den Kampf gegen Präsident Barack Obama ziehen - allerdings reichlich angeschlagen.

Es endet in Gettysburg. Historischer Ort, sagt Rick Santorum. Da hat er wohl recht. Die bitterste Schlacht des amerikanischen Bürgerkriegs fand hier statt, Süd gegen Nord, 5000 Tote. Und jetzt, 149 Jahre später, steht der republikanische Präsidentschaftsbewerber Santorum in dieser kleinen Stadt im Süden Pennsylvanias und feiert sich. Er habe "die Herzen der Menschen erreicht", für "starke Familien" gekämpft und auch für Amerika als "moralische Unternehmung". Santorum bringt alles unter: die Unabhängigkeitserklärung, die Verfassung und Präsident Lincoln sowieso, den Sieger von Gettysburg.

Elf Minuten geht das so. Dann sagt Rick Santorum, dass hier und jetzt Schluss sei: "Das Rennen ist für mich vorbei." Der 53-Jährige kämpft nicht mehr weiter um die Kandidatur der Republikaner. Jetzt ist die Bahn frei für Erzrivale Mitt Romney.

Gettysburg, Lincoln, Verfassung - drunter macht es Santorum an diesem Dienstag nicht. Es ist ein eigenartiges Ende. Aber Santorums gesamter Wahlkampf war ja gewissermaßen: eigenartig. Bis zum Januar arbeitete sich der Rechtsaußen in Umfragen an der Ein-Prozent-Marke ab, doch dann gewann er das konservative Iowa knapp gegen Romney, den Multi-Millionär mit der Multi-Millionen-Dollar-Kampagne. Siege in zehn weiteren Staaten folgten.

Romney hatte Santorum unterschätzt. Alle hatten den Ex-Senator aus Pennsylvania unterschätzt. Und der Mann fand kein Ende. Gern berief er sich auf Gott. Der wünsche schließlich seine Kandidatur, sagte Santorum. Obwohl längst aussichtslos hinter Romney zurückgefallen, verkündete der Liebling der Evangelikalen, Wiedergeborenen und Tea-Party-Anhänger noch Stunden vor seinem Rückzug, er werde weiterkämpfen.

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Rick Santorum: Der Erzkonservative gibt auf

Foto: Mark Makela/ REUTERS

Wütender wurde der Kampf, persönlicher die Angriffe. Romney oder Obama? Da könne man gleich bei Obama bleiben, legte Santorum zuletzt nahe. Romneys Leute bezeichneten ihn schließlich als "Präsident Obamas nützlichsten Mitspieler". Jeder Tag, den Santorum weiter im Rennen bleibe, sei ein verlorener Tag im Kampf für die republikanische Einheit, um Obama zu schlagen.

Von Tag zu Tag wuchs der Druck auf Santorum. Dass er wenigstens noch bis zum 24. April durchhalten würde, bis zur Vorwahl in seinem Heimatstaat Pennsylvania, schien ausgemacht. Doch in Umfragen rutschte er zuletzt auch dort gegenüber Romney ab. Nun ist Schluss. "Am Küchentisch" habe er die Entscheidung mit seiner Familie am Wochenende getroffen, so Santorum. Man habe sich Zeit genommen "für Gebete und Gedanken", auch vor dem Hintergrund einer Erkrankung seiner an Trisomie 18 leidenden, dreijährigen Tochter Bella.

Einer Empfehlung für Romney allerdings enthielt sich Santorum bei seiner Gettysburg-Rede. Er sagte nur: "Wir werden weiter kämpfen, um Barack Obama zu besiegen." Romney seinerseits bezeichnete Santorum im Nachhinein als "tüchtigen und würdigen Wettbewerber". Dass er den polarisierenden Parteifreund als Kandidaten für die Vizepräsidentschaft in Betracht ziehen könnte, gilt wegen der persönlichen Angriffe als unwahrscheinlich.

Alte Positionen nach rechts verschoben

Romney kann sich nun vollends auf Präsident Obama konzentrieren, sein Geld aus dem parteiinternen Kampf abziehen. Die dort noch verbliebenen Kandidaten - Selbstdarsteller Newt Gingrich und Politik-Opa Ron Paul - spielen schon seit Wochen keine Rolle mehr. Der Vorwahl-Kampf der Republikaner ist vorbei. Es war ein Zirkus, eine in weiten Strecken clowneske Veranstaltung. Die Kandidaten verstiegen sich im Kampf gegen Schwangerschaftsabbruch und Verhütungsmittel; der Klimawandel war für sie alles, aber nicht menschengemacht; sie drohten, die Millionen illegalen Immigranten aus dem Land zu werfen; sie lieferten sich ein Wettrennen um die niedrigsten Steuern, die härtesten Sozialeinschnitte; Ministerien wollten sie abschaffen, der eine mehr als der andere; außenpolitisch zeigten sie sich schier ahnungslos.

Und jetzt, nach Gettysburg, ist Mitt Romney übrig geblieben. Der einst moderate Gouverneur von Massachusetts hat seine politischen Koordinaten weit nach rechts verschoben. Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper in Sachen Abtreibung? Verpflichtende Krankenversicherung für alle? Das war einmal. Romney hat seine alten Positionen geräumt. Er hat das zum Teil von sich aus gemacht, weil er glaubt, als konservativer Kandidat im Herbst bessere Chancen gegen Obama zu haben. Aber er hat sich auch von Santorum in die rechte Ecke treiben lassen. Gab der sich hart, gab sich Romney härter. Ein irrsinniges Rennen.

Das könnte ihm letztlich seine Chance auf die Präsidentschaft nehmen. Denn Romney hat Vertrauen verspielt, insbesondere bei den weiblichen Wählern, jenen mit südamerikanischen Wurzeln und den Unabhängigen. Bei diesen Gruppen liegt Obama deutlich vorn. Der Kandidat solle mal ein bisschen Menschlichkeit zeigen, riet Romney gerade die "Washington Post". Und stellte ironisch fest: Einfach seien Romneys Probleme nicht zu lösen, es würde zum Beispiel auch nichts mehr bringen, "die Pille auf Wahlkundgebungen zu verteilen oder überm Parteitagspublikum Kondome regnen zu lassen".

In Obamas Team haben sie das monatelange, peinliche Ringen der Republikaner genau beobachtet. Sie haben gut aufgepasst, sie haben politische Munition gesammelt. Romney steht ein harter Kampf bevor. Härter als der, den er sich mit Santorum geliefert hat.

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