Sarkawi-Nachfolge Abu Wer? Abu Was?

Wer ist der Nachfolger des Terrorfürsten Sarkawi wirklich? Internationale Terrorexperten glauben, Abu Hamza al-Muhadschir sei ein Syrer. Oder ein Saudi. Oder ein Ägypter - und manche meinen gar, er ist ein Phantom.
Von Yassin Musharbash

Berlin - Die Erklärung der Terroristen ließ an Deutlichkeit eigentlich nichts zu wünschen übrig: "Das Ratgebergremium der Mudschahidin der irakischen al-Qaida hat sich geeinigt, dass Scheich Abu Hamza al-Muhadschir der Nachfolger des Scheichs Abu Mussab al-Sarkawi als Befehlshaber der Organisation al-Qaida sein soll". Kein Zweifel möglich, zumal alles dafür spricht, dass das Kommunique von Anfang der Woche authentisch ist: Ein Mann mit Namen Abu Hamza al-Muhadschir ist nun also Bin Ladens Statthalter im Zweistromland. Er meldete sich sogar schon zu Wort und kündigte eine "Serie von Beben" an. Der Dschihad-Fürst ist tot, es lebe der Dschihad-Fürst?

In Wahrheit ist fast gar nichts klar. Denn Abu Hamza al-Muhadschir ist mit Sicherheit nur ein Kampfname, und wer wirklich dahinter steckt, darüber diskutieren internationale Terror- und Islamismusexperten seit er das erste Mal genannt wurde. Klar ist: "al-Muhadschir" bedeutet so viel wie "der, der auszog" - nicht wenige Fachleute werten das als Hinweis für einen nichtirakischen Hintergrund des neuen Terrorpaten.

Am Donnerstag behauptete die US-Armee in Bagdad, sie wisse, wer Abu Hamza sei: Es handle sich um jenen Mann, der in Wahrheit Abu Ayyub al-Masri heiße. Dieser, so Armeesprecher William Caldwell, habe 2003 geholfen, die erste irakische Qaida-Zelle im Irak aufzubauen. Davor habe er sich, zeitweise gemeinsam mit Abu Musab al-Sarkawi, im afghanischen Militärlager "al-Faruq" aufgehalten. Al-Masri unterhalte Beziehungen zu al-Qaidas Nummer Zwei, dem Ägypter Aiman al-Sawahiri. Er entstamme ursprünglich auch jener Organisation, die al-Sawahiri einst geführt habe, dem ägyptischen "Gihad". Die US-Armee präsentierte sogar ein Foto.

Kein Klarname weit und breit

Das klang wie ein Schritt nach vorn bei der Suche nach der Identität von Abu Hamza. Allein: Der Name al-Masri ist wahrscheinlich ebenfalls nicht sein echter Name. Er bedeutet "der Ägypter". Das muss aber wiederum nicht unbedingt heißen, dass er Ägypter ist oder in dem Land lebt. Es kann auch bedeuten, dass dies für einen Vorfahren galt. "Dieser Codename sagt mir gar nichts", erklärte denn auch der ägyptische Anwalt Muntassir al-Zayat, der selbst ein militanter Islamist war und mit Sawahiri im Gefängnis saß. "Er ist keiner der gesuchten Dschihadisten aus Ägypten." Auch andere ägyptische Experten konnten mit dem Nome de Guerre nichts anfangen, berichtet die Tageszeitung "al-Sabah". "Das ist mit Sicherheit ein Spitzname", zitiert die Tageszeitung "al-Scharq al-Awsat" den libyschen Islamisten Nu'man Bin Othman. "Weder in Ägypten, noch in Afghanistan oder im Irak ist er geläufig."

Wahrscheinlich, so Othman weiter, handele es sich bei "al-Masri" um einen Syrer. Hani al-Saiba'i, ein bekannter Islamist und Chef des "Maqrizi Centers" in London, sagte derselben Zeitung dagegen, der Nachfolger Abu Mussabs sei "aus einem Nachbarland des Irak, vermutlich Saudi-Arabien". Belege wollten - oder konnten - beide für ihre Thesen nicht nennen. Ein anonymer Islamist sagte dem Blatt derweil, sicher sei, dass der neue Qaida-Chef "noch gewalttätiger" als Sarkawi sei.

Spurensuche in Afghanistan

Gewissheiten sehen anders aus - ein Eindruck, der sich noch verstärkt, wenn man zur Kenntnis nimmt, was der ägyptische Anwalt al-Zayat wiederum dem anderen panarabischen Blatt, "al-Hayat", zu berichten hatte: Dass nämlich ein Kämpfer mit dem Namen "Abu Hamza al-Muhadschir" sehr wohl bekannt sei: "Einige der ägyptischen Islamisten, die aus Afghanistan zurückgekehrt seien", hätten von einem Menschen dieses Namens erzählt, der "nahe an Sarkawi" gewesen sei. Gut möglich, so al-Zayat, dass Abu Hamza auch Abu Ayub sei.

Er brachte sogar einen Klarnamen ins Spiel: Der neue Chef der irakischen al-Qaida könne ein Ägypter namens Jusuf al-Drairi sein; das Profil würde passen. In den Achtzigern sei der Mann aus der Provinz Said nach Afghanistan gezogen, später seien die Nachrichten ausgeblieben.

Andere Terrorexperten nannten diesen Namen nicht; al-Zayats heute in "al-Hayat" publizierte These wurde bislang noch nicht aufgegriffen oder kommentiert. Der Qaida-Experte Rohan Gunaratna, der in Singapur arbeitet, erklärte gegenüber SPIEGEL ONLINE dazu, er habe selbst keine Informationen, die über das hinausgingen, was die US-Armee verbreite.

Oder ist er nur ein Phantom?

Die irakische Qaida-Filiale unternahm keine Schritte, um den Hintergrund ihres neuen Führers zu erläutern oder sein Profil zu schärfen. Eine von "Abu Hamza" unterzeichnete Erklärung vom Wochenanfang lässt ebenfalls keine Schlüsse zu. Nun hoffen Analysten und Experten, dass der neue Terrorpate sich bald in einem Ton- oder Videoband vorstellt und die Unklarheiten verringert.

Nicht auszuschließen jedoch, dass es mit "Abu Hamza" alias "Abu Ayyub" so weitergeht wie mit "Abu Maisara al-Iraqi", dem "Sprecher" der irakischen al-Qaida - in dessen Namen zwar Bekennerschreiben veröffentlicht werden, dessen physische Existenz aber unbewiesen ist. Yasser al-Sirri, ein Ägypter, der das "Islamic Observation Center" in London leitet, glaubt etwa, dass Sarkawis offizieller Stellvertreter, Abu Abd al-Rahman al-Iraqi, oder der Chef des "Ratgebergremiums", Abdallah Ibn Raschid al-Bagdadi, das Netzwerk führen: "Ich bin zu 95 Prozent überzeugt, dass dieser al-Masri gar nicht existiert". Al-Qaida wolle nicht zeigen, dass ihr neuer Chef ein Iraker sei, um ihre internationalistische Gesinnung nicht in Zweifel zu ziehen, sagte er.

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