Sarkawi-Nachfolge Rätselhafter Schattenmann Abu al-Masri

Niemand weiß, wie er aussieht, sein Werdegang liegt im Dunkeln, sein wahrer Name ist ein Rätsel. Und doch ist Abu al-Masri ein Mann, der den USA Kopfzerbrechen bereitet. Der Ägypter gilt als möglicher Nachfolger des getöteten Abu Mussab al-Sarkawi an der Spitze der irakischen Qaida-Filiale.


Kairo - Die Terrorexperten wundern sich. "Wer soll das sein? Es ist ein Rätsel", urteilt der Fachmann Dhia Raschwan vom renommierten al-Ahram-Zentrum für strategische Studien in Kairo. Sein Forscherkollege Amr el Schubaki sagt: "Ich bin sehr überrascht über die Präsentation dieses Namens." Abu al-Masri - mit dem Namen, den die US-Armee selbst als potenziellen Erben des irakischen Terror-Chefs Abu Mussab al-Sarkawi ins Spiel gebracht haben, können die Fachleute wenig anfangen.

Raschwan weist darauf hin, dass es sich dabei lediglich um ein Pseudonym handeln könne. Die drei arabischen Worte bedeuten nichts anderes als "Vater des Ägypters", das sei "sehr seltsam". Nicht klarer werde die Angelegenheit dadurch, dass in der internationalen Islamistenszene mehrere Aktivisten unter dem Namen Masri operieren - ein Umstand, der möglicherweise auch dem Deutsch-Libanesen Khalid el-Masri zum Verhängnis wurde, der nach eigenen Angaben für mehrere Monate vom US-Geheimdienst CIA nach Afghanistan entführt wurde. Unbestätigten Berichten zufolge soll er dabei mit einem anderen Masri verwechselt worden sein.

Raschwan unterstellt den USA, mit der Nennung Abu al-Masris vorschnell den erstbesten Namen lanciert zu haben. "Womöglich haben die Amerikaner eine entsprechende Botschaft abgefangen", vermutet der Kairoer Experte. Einen unter Pseudonym agierenden Unbekannten an der Spitze der irakischen al-Qaida kann er sich schlecht vorstellen. "Hier braucht es eine Persönlichkeit mit einem echten Namen und einem kraftvollen Image, wie es bei Sarkawi der Fall war", sagt Raschwan.

"Irakisierung" von al-Qaida?

Auch Schubaki, der einer der angesehensten Terror-Forscher des Nahen Ostens ist, vertritt in der Frage der Sarkawi-Nachfolge eine andere Hypothese als die USA: Er glaubt, dass sich die irakische al-Qaida nach dem gewaltsamen Tod des Jordaniers Sarkawi "irakisiert" und einen Landsmann an die Spitze stellt. Ein "grenzüberschreitender dogmatischer Dschihad-Aktivist" aus Ägypten habe keine guten Karten.

Die US-Armee im Irak hat Abu al-Masri nach eigenen Angaben bereits seit längerem im Visier. "Er hat womöglich die erste Qaida-Zelle im Raum Bagdad mitbegründet", sagt Generalmajor William Caldwell. "Wenn man jemanden sucht, der die Position von Sarkawi einzunehmen versucht, dann wäre es wahrscheinlich Abu al-Masri." Unter den möglichen Sarkawi-Nachfolgern sei Masri "der logischste".

Wer auch immer der neue Chef der Qaida im Irak ist - in zumindest einer Einschätzung stimmen die US-Armee und die Terrorexperten in der Region überein: Sarkawis blutiges Vermächtnis wird fortbestehen. Caldwell warnt vor all zuviel Optimismus nach dem Tod des berüchtigten Terror-Anführers: Der Tod eines einzigen Mannes bedeute nicht das Ende der Gewalt. Der Kairoer Fachmann Schubaki sagt: "Sarkawis Erbe ist der ethnische und konfessionelle Hass. Das Abgleiten in blutige Gewalt hat wegen ihm begonnen." In dem derzeitigen "Klima des nicht erklärten Bürgerkriegs" sei Sarkawis Saat aufgegangen und führe nun ein eigenes Leben.

Alain Navarro, AFP

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.