Sarkawis brutale Botschaft "US-Muslime sind Brüder, arabische Ungläubige Feinde"

Im Irak wurde heute ein US-Soldat ermordet, drei muslimische Türken kamen frei. Durch diese zynische Selektion senden die Terroristen eine doppelte Botschaft aus: Zum einen machen sie ihre Geiseln für das Verhalten ihrer Regierungen haftbar, zum anderen wollen sie die Kluft zwischen Muslimen und Nichtmuslimen vertiefen.

Von Yassin Musharbash


US-Geisel Hassoun: "Islamischer Gegenschlag"
AFP/ AL-JAZEERA

US-Geisel Hassoun: "Islamischer Gegenschlag"

Berlin - "Jeder Muslim ist unser Bruder", heißt es in einem offenen Brief des Terrorpaten Abu Musab al-Sarkawi, der zurzeit auf islamistischen Internetseiten kursiert. "Wir wollen die Gemeinschaft der Muslime an jedem Ort wissen lassen, dass wir niemals einen Muslim getötet haben und dies auch nicht tun werden", schreibt der mutmaßliche Statthalter Osama Bin Ladens im Irak.

Ganz im Einklang mit dieser Erklärung ließ die von Sarkawi geführte "Gemeinschaft des Monotheismus und des Dschihad" heute drei türkische Geiseln frei, mit deren Enthauptung sie zuvor gedroht hatte - freilich nicht, ohne als zusätzliche Begründung für den Gnadenakt die Demonstrationen in der Türkei gegen den Besuch des US-Präsidenten George W. Bush anzuführen.

Sarkawis Brief und das Verhalten seiner Terrortruppe zeigen, wie viel Wert islamistische Terroristen darauf legen, ihr potenziell sympathisierendes Umfeld nicht zu verschrecken. Das Terrornetzwerk al-Qaida, als dessen Staathalter im Irak Sarkawi gilt, äußerte sich in den vergangenen Wochen ganz ähnlich. Muslime, lautet die Botschaft, seien sicher vor ihrem Terror; die unüberbrückbare Trennung zwischen Gläubigen und Ungläubigen sei das Wesentliche. Oder, in Sarkawis Worten: "Der muslimische Amerikaner ist unser geliebter Bruder, der ungläubige Araber unser verhasster Feind."

Terroristen als barmherzige Gläubige

Terrorpate al-Sarkawi: Doppelte Botschaft mit gefährlichem Kern"
AP

Terrorpate al-Sarkawi: Doppelte Botschaft mit gefährlichem Kern"

Das Gegenstück zu dieser gezielt an die Muslime gerichteten Botschaft ist freilich eine an den ungläubigen Westen adressierte, gänzlich unversöhnliche Kampfansage. Eine zweite Terrorgruppe im Irak verdeutlichte sie ebenfalls heute auf brutale Art und Weise: Wenige Stunden bevor Sarkawi die drei Türken freiließ, richtete die bisher unbekannte Gruppe "Die unerbittliche Macht gegen den Feind Gottes und des Propheten" den 20-jährigen US-Soldaten Keith Maupin gnadenlos hin. Den Mord rechtfertigten die Dschihadisten mit der Weigerung der USA, ihre Politik zu ändern.

Betrachtet man die beiden Ereignisse zusammen, erkennt man den tieferen Sinn und den gefährlichen Kern dieser doppelten Botschaft aus dem Irak: Die Terroristen wollen sich nicht länger nur als Schlächter, sondern auch als barmherzige Gläubige präsentieren. Wenn es ihnen opportun erscheint, lassen sie Gnade walten; wo nötig, töten sie hemmungslos - aber eben nicht wahllos. Ob die beiden irakischen Gruppen tatsächlich kooperieren, ist dabei unwichtig; sie folgen denselben Ideen.

"Das Urteil Gottes vollstrecken"

Ermorderter US-Soldat Keith Maupin: "Sklave des Kreuzes"
AP

Ermorderter US-Soldat Keith Maupin: "Sklave des Kreuzes"

Schon in den kommenden Tagen wird sich zeigen, wie konsequent die Terroristen im Irak diese Doppelstrategie umsetzen werden. Derzeit befinden sich in ihren Händen wohl noch weitere muslimische Geiseln: Eine Gruppe namens "Islamischer Gegenschlag" hält den vermissten US-Marine Wasseef Ali Hassoun gefangen; er hat zumindest einen muslimischen Namen. Am Sonntag erklärten die Entführer eines ebenfalls höchst wahrscheinlich muslimischen Pakistaners, dass dieser binnen drei Tagen getötet würde, falls nicht irakische Gefangene freigelassen würden. Al-Sarkawis Erklärung, Muslime zu verschonen, ist mit Sicherheit keine Garantie für das Überleben dieser Geiseln. Denn für ihn gibt es, dem klassischen islamischen Recht entsprechend, auch die Kategorie der "vom Glauben Abgefallenen" - ein Terminus, den Islamisten regelmäßig etwa auf das saudische Königshaus oder die Mitarbeiter der saudischen Sicherheitsdienste anwenden. Al-Sarkawi bezieht ihn auch auf solche Muslime, die mit den US-Besatzern kooperieren.

In seinem im Internet kursierenden Brief drückt Sarkawi zudem explizit sein Befremden darüber aus, dass "ein freier Muslim ... ein Soldat bei den Sklaven des Kreuzes sein kann". Gegen solche "vom Glauben Abgefallenen", so der Terrorchef, gelte es in jedem Fall, "das Urteil Gottes zu vollstrecken". Gemeint ist damit die nach islamischem Recht vorgeschriebene Todesstrafe.



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