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Sarkozy und Cameron in Libyen Helden für einen Tag

Wie oft wird man als europäischer Staatschef umjubelt wie ein Held? Dieser Genuss wurde jetzt Nicolas Sarkozy und David Cameron in Tripolis zuteil: Aus Dank für den Militäreinsatz gegen Diktator Gaddafi bereitete man ihnen einen begeisterten Empfang. Vor allem der Franzose konnte punkten.

Paris/London/Tripolis - "Stressfrei und erfolgreich" steht vor den Businessräumen des Corinthia-Hotels direkt am Mittelmeer, in denen sich Nicolas Sarkozy und David Cameron mit dem libyschen Übergangsrat in Tripolis zurückgezogen haben. Später schreiten der Elyseé-Chef und der britische Premier entspannt plaudernd die Marmortreppe herunter, vor ihnen läuft ein französischer Militär-Attaché mit Federhelm. Die beiden Herren, perfekt frisiert und in schwarzen Anzügen, wirken wie zwei entspannte Kurgäste, die gerade einen Drink an der Bar nehmen wollen.

Das erscheint surreal in einer Stadt, in der noch immer die letzten Gaddafi-Getreuen gejagt werden, in der täglich Transporter in die überfüllten Gefängnisse fahren, in der noch vor ein paar Wochen mit Raketen geschossen wurde, und in der sich schon Bürgerinitiativen gebildet haben - gegen das ständige Schießen in die Luft.

Vor dem Hotel sind alle Straßen gesperrt. Neben den Rebellen mit ihren Kalaschnikows stehen jetzt Sicherheitskräfte, die auf Französisch nach der Zugangsberechtigung fragen und alle Passanten mit kleinen Metalldetektoren abtasten. Und dennoch: Für Cameron und Sarkozy ist die Blitzvisite eine willkommene Ablenkung.

"Merci Sarkozy" und "Thank you Britain"

Für nicht einmal zwölf Stunden scheint alles vergessen - Bankenkrise, Börsencrash, Umfragetief: Fern der Heimat und der undankbaren Routine des politischen Alltags genießen Premier und Präsident ihren Tagesauftritt als Weltenlenker und sonnen sich in ihrer Popularität. An die Mauern von Tripolis sind Graffiti gesprüht: "Merci Sarkozy" und "Thank you Britain".

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Sarkozy und Cameron: Stippvisite im ehemaligen Kriegsgebiet

Foto: JOSEPH EID/ AFP

Als die beiden Regierungschefs das Krankenhaus in Tripolis besuchen, werden sie von einer begeisterten Menge empfangen. "Libya, Libya"-Rufe, V-Zeichen, gereckte Fäuste und lachende Gesichter - genau die passenden Bilder, um den Fernsehzuschauern daheim das Gefühl zu geben, eine gerechte Sache unterstützt zu haben.

Der Libyen-Einsatz ist der erste Krieg, den Cameron als britischer Regierungschef begonnen hat: Die Erleichterung, dass alles gut gegangen ist, ist ihm anzusehen. Darum betont er bei jeder Gelegenheit den Unterschied zum Irak-Feldzug, jenem Fiasko seines Vor-Vorgängers Tony Blair: keine Besatzungstruppen, stattdessen eine interne Revolution mit ausländischer Hilfe. Cameron strahlt, warnt aber vor verfrühtem Siegestaumel. "Es ist nicht vorbei, es ist nicht zu Ende, es ist nicht erledigt."

An der Seite von Mustafa Abd al-Dschalil und Mahmud Dschibril, den Führern des Übergangsrats (CNT), erfreut sich auch Sarkozy am Dank der Gastgeber und ihrer Verbeugung vor dem Franzosen, der sich mit dem beherzten militärischen Einsatz in Libyen "in das Buch der Freiheit" eingetragen habe. Das Stichwort genügt, um Sarkozy mit dem Gestus des Visionärs das Versprechen geben zu lassen, Paris werde sich für einen Uno-Sitz Libyens einsetzen, für die Freigabe aller Auslandsguthaben. Er gelobt: "Solange der Frieden bedroht ist, wird Frankreich an ihrer Seite bleiben."

Sarkozy ermahnt die Libyer, sich an die zivilisatorischen Werte der Republik zu halten: "Versöhnung, keine Rache", "Respekt der Menschenrechte keine Abrechnung" - aber auch kein Pardon für die Handlanger der Diktatur. Nach so viel wortgewaltigem Pathos wirken die Bemerkungen von Cameron staubtrocken. Das Lob des Premiers für die "beeindruckenden Veränderungen" ("Autos fahren wieder, Wasser fließt aus den Hähnen") oder seine Hilfsangebote beim Minenräumen und bei medizinischen Problemfällen ("Wir werden die schwersten Fälle in unseren Krankenhäusern behandeln, vorausgesetzt, Libyen zahlt für die Reise") sind gekennzeichnet von biederem britischem Pragmatismus. Die Heldenrolle des Euro-Duos geht klar an Sarkozy.

Ein Grund mehr für den Präsidenten, den selbstlosen Einsatz seines Landes gegen alle Anwürfe und Verdächtigungen zu verteidigen, Frankreich habe einzig aus strategischer Berechnung den Militäreinsatz in der Uno durchgesetzt, Paris habe also beim Sturz des Gaddafi-Regimes auf die Erdölschätze Libyens spekuliert wie einst die USA bei der Invasion des Irak.

Cameron und Sarkozy wollten Erdogan offenbar zuvorkommen

Der Verdacht ist aber nicht ausgeräumt, weil Sarkozy und Cameron offenbar mit ihrem Blitzbesuch dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan zuvorkommen wollten. Ausgerechnet die neuen Machthaber von Tripolis haben zudem bereits angekündigt, sich bei ihren westlichen Helfern erkenntlich zu zeigen: Alliierte sollen bei der Vergabe von Aufträgen bevorzugt werden. Briten wie Franzosen erhoffen sich, durch lukrative Deals für heimische Unternehmen ihre Militärausgaben langfristig wieder einzuspielen. Das britische Verteidigungsministerium etwa hat die Kosten für die ersten sechs Monate des Einsatzes mit 260 Millionen Pfund beziffert, für Frankreich schlug die Aktion mit täglich einer Million Euro zu Buche.

Offiziell werden solche niederen Motive natürlich zurückgewiesen. Die Vorwürfe etwa in der französischen Zeitung "Libération" seien falsch, schimpft der französische Präsident. "Wir wollen keine Vorrechte, keine Bevorzugung, wir haben gehandelt, weil es richtig und gerecht war." Und für die befreiten Bürger legt er noch eine "Botschaft für das 21. Jahrhundert" nach, in der er Frankreichs Unterstützung versichert - für alle "arabischen Völker, die sich von ihren Ketten befreien wollen."

Sarkozy trifft damit bei der Pressekonferenz in Tripolis den richtigen Ton. Der Termin ist kaum zu Ende, da erscheint ein glücklicher Mohammed Ben Rasali. Einst arbeitete er in Misurata, das von Gaddafis Soldaten zerbombt wurde, im Rat der Stadt, er fuhr Journalisten durch die zerbombten Straßen, war jeden Abend glücklich, wenn er noch lebte. Jetzt sitzt er im Nadelstreifenanzug vor einem Cappuccino, er wurde zum Leiter des "Stabilisierungsteams" in Tripolis ernannt.

Rasali hat ein Foto bekommen, das ihn zusammen mit dem französischen Staatspräsidenten zeigt. Er ist stolz, dass Sarkozy die Stadt in seiner Rede extra erwähnt hat. Auch Sameh Mahmoud, 22 Jahre, ist begeistert von dem Auftritt des Präsidenten. Er steht nach der Rede unter den großen Kunstpalmen, in der Lobby des Corinthia-Hotels. Auf dem Kopf trägt er die rote Mütze der Rebellen, um seinen linken Arm einen blauen Gips.

Er wurde verwundet in den Straßenkämpfen von Tripolis. Cameron sei auch "gut gewesen", aber Sarkozy habe als erster die Flugzeuge geschickt, als Bengasi am 19. März angegriffen wurde - das würden die Libyer ihm nie vergessen. "Sarkozy", sagt Mahmoud, "ist der beste Mann der Welt!"