Sarkozys Wahlkampfauftakt Der Kandidat bin ich

Reicht der Amtsinhaber-Bonus für die Wiederwahl? Nicolas Sarkozy hat in den Abendnachrichten bestätigt, dass er sich erneut um das höchste Amt in Frankreich bewirbt. Mit einer Blitzkampagne will er den Vorsprung seines sozialistischen Widersachers Hollande aufholen.

Von , Paris


Der Rahmen war schlicht: Hatte der Präsident noch vor wenigen Tagen gleich neun TV-Stationen in den Festsaal des Élysée-Palasts gebeten, nahm er diesmal auf einem Besucherstuhl im Fernsehstudio Platz. 17 Minuten dauerte sein Auftritt während der Abendnachrichten bei Starmoderatorin Laurence Ferrari - was Nicolas Sarkozy und dem Privatsender TF1 freilich beste Einschaltquoten garantierte.

Seine Kernaussage war knapp: "Ja, ich bin Kandidat". Es sei eine schwere Entscheidung gewesen, erneut anzutreten, aber die Franzosen jetzt nicht um ihr Vertrauen zu bitten würde bedeuten, sie im Stich zu lassen. Frankreichs Bürger bräuchten den Schutz des erfahren Mannes an der Spitze. "Ein starkes Frankreich", so lautet der Slogan für die anstehende Kampagne, den Menschen im Land, so Sarkozy, werde er "die Wahrheit sagen."

Seine PR-Strategen hatten es während der vergangenen Tage geschickt verstanden, den überfälligen Eintritt in den Wahlkampf als dramatischen Polit-Thriller zu verkaufen. Wird er sich erklären oder nicht? Outet sich Kandidat Sarkozy in der Provinz oder in Paris? Vor Parteianhängern, handverlesenen Bürgern oder schlicht im Fernsehen?

Aus dem Verhalten seiner Amtsvorgänger lassen sich keine hilfreichen Lehren ziehen: Sarkozys Amtsvorgänger Charles de Gaulle hatte 1965 im - damals neuen - Medium Fernsehen mitgeteilt, er werde "seine Aufgabe weiterführen"; Francois Mitterrand antwortete 1988 auf die Frage eines TV-Interviewers nach einem zweiten Mandat mit einem lakonischen "Ja", während Jacques Chirac 2002 sich bei einem Besuch in Avignon outete: "Ja, ich bin Kandidat".

Wochenlang hatte Sarkozy den Rollenwechsel vom Präsidenten zum Kandidaten herausgezögert, um seinen Heimvorteil im Élysée auszunutzen: Während der sozialistische Konkurrent Francois Hollande auf Wahlkampftournee durchs Hinterland tingelte, sich sogar mit Mehl bewerfen lassen musste, gab Sarkozy in krisengeschüttelten Zeiten den international erfahrenen Steuermann auf der Brücke des Dampfers "France".

Ohne Erfolg. Die Bemühungen des Staatschefs als Retter Europas überzeugten genauso wenig wie seine jüngsten Versuche, sich bei Pleite-Unternehmen in der Provinz als pflichtbewusster Protektor der heimischen Wirtschaft zu profilieren.

"Ich warte auf seine Ideen"

Trotz allem liegt Herausforderer Hollande in den Umfragen vorn. Die Taktik, jede Verlautbarung des Gegenspielers mit Kritik, Hohn oder Spott zu verfolgen, geht nicht auf. Auch beim Interview kann sich Sarkozy einen Seitenhieb auf Hollande nicht verkneifen. "Er ist ein ehrbarer Mann", sagt er, "ich warte auf seine Ideen."

Sarkozy muss freilich auch zur jüngsten Panne seiner Partei UMP Stellung nehmen: Nachdem der Präsident sich mit Blick auf bodenständige Bürger gegen die Ehe gleichgeschlechtlicher Partner ausgesprochen hatte, giftete der Abgeordnete Christian Vanesste wider die "Schwulen-Lobby", die im Staatsdienst und den Medien überproportional vertretenen sei. Da der Parlamentarier vom rechten UMP-Flügel zugleich die Deportation von Frankreichs Homosexuellen während des Zweiten Weltkriegs als "berühmte Legende" bezeichnet hatte, sah sich Sarkozy nun gezwungen, diese Homophobie ausdrücklich zu rügen. Die UMP-Führung ließ - nach einem Aufschrei öffentlicher Entrüstung - den Hinterbänkler bereits aus der Wahlliste streichen.

Leitet Sarkozys offizieller Eintritt in den Wahlkampf nun eine Wende der Parteigeschicke ein? Beobachter sind skeptisch. "Anders als 2007 wirkt die Planung von Partei und Präsident beinahe improvisiert", sagt ein verunsicherter UMP-Insider. "Noch nie in der Geschichte der V. Republik war ein scheidender Staatschef in derartigen Schwierigkeiten", resümiert Frédéric Daby vom Meinungsforschungsinstitut Ifop.

Mit Tempo und klarer Linie will Sarkozy das Ruder herumreißen. Er will in seinem Wahlkampf kein "ökonomisches Kauderwelsch" oder "eine Kampagne der Buchhalter." Stattdessen setzt er auf die Rückkehr zu den wertbetonten Parolen von 2007. Damit will er auch politikmüde Franzosen hinter sich sammeln und Hollande die Agenda des Wahlkampfs diktieren.

"Die nächsten zwei, drei Wochen sind entscheidend"

Abgehakt ist der erste Akt: ein Interview im Figaro-Magazin, in dem der Präsident seinen programmatischen Rechtsruck verteidigte und mit der Ansage verblüffte, er werde künftig mit Volksbefragungen "den Franzosen wieder Vertrauen in die Politik" bescheren.

Der zweite Akt vollzog sich am Mittwochabend: Mit der Ankündigung seiner Kandidatur fällt laut der Zeitung "Direct Matin" der Startschuss zu einer "Blitzkrieg-Kampagne", mit der Sarkozy seinen Gegenspieler politisch wie publizistisch in die Defensive drängen will - auch wenn Sarkozy rein programmatisch noch kleinlaut klingt. "Ich habe Ideen und Projekte", sagt er und sagt zu der Bilanz seiner laufenden Amtszeit, man könne in fünf Jahren schließlich nicht alles schaffen.

Der dritte Akt folgt: eine dichte Abfolge von orchestrierten Großveranstaltungen bis zum ersten Urnengang am 22. April. Schon am Donnerstag wird der frisch gebackene "Kandidat des Volkes" in Annecy vor Sympathisanten seine Wahlslogans ausprobieren. Nach einer diplomatischen Pause am Freitag, wenn Sarkozy den britischen Premier David Cameron empfängt, folgt am Samstag die Eröffnung seiner Pariser Wahlkampfzentrale. Und am Sonntag tritt Sarkozy in Marseille vor mehr als 6000 UMP-Anhänger - dann, so hoffen seine Berater, wird der Hyperpräsident in die Rolle des Hyperwahlkämpfers zurückfinden.

"Die nächsten zwei, drei Wochen sind entscheidend", glaubt Polit-Forscher Brice Teinturier vom Institut Ipsos. "Sarkozy muss zwei, drei Prozentpunkte zulegen, um die nötige Dynamik in Gang zu setzen: zuerst einmal bei den eigenen Anhängern." Der Kandidat jedenfalls scheint bereit: "Wir fangen gleich mit vollem Tempo an und legen jede Woche nach", hatte der Präsident schon vor seinem TV-Interview angekündigt. "Nicht mehr von Dienstag bis Mittwoch, sondern von Montagmorgen bis Sonntagabend."

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TheZioWolf 15.02.2012
1.
Zitat von sysopAFPReicht der Amtsinhaber-Bonus für die Wiederwahl? Nicolas Sarkozy hat in den Abendnachrichten bestätigt, dass er sich erneut um das höchste Amt in Frankreich bewirbt. Mit einer Blitzkampagne will er den Vorsprung seines sozialistischen Widersachers Hollande aufholen. Ihm bleiben nur neun Wochen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,815574,00.html
Ich hätte nicht gedacht, dass ich das einmal sagen würde, aber ich würde mir wünschen, dass er wiedergewählt wird.
monsieurK 15.02.2012
2. Wenn man...
Zitat von sysopAFPReicht der Amtsinhaber-Bonus für die Wiederwahl? Nicolas Sarkozy hat in den Abendnachrichten bestätigt, dass er sich erneut um das höchste Amt in Frankreich bewirbt. Mit einer Blitzkampagne will er den Vorsprung seines sozialistischen Widersachers Hollande aufholen. Ihm bleiben nur neun Wochen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,815574,00.html
so dumm ist bleibt einem nichts anderes übrig als sich zu presentieren! Sarkozy - Dégage !!!
irreal 15.02.2012
3. Ich hoffe nur
Zitat von sysopAFPReicht der Amtsinhaber-Bonus für die Wiederwahl? Nicolas Sarkozy hat in den Abendnachrichten bestätigt, dass er sich erneut um das höchste Amt in Frankreich bewirbt. Mit einer Blitzkampagne will er den Vorsprung seines sozialistischen Widersachers Hollande aufholen. Ihm bleiben nur neun Wochen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,815574,00.html
dass die Franzosen schlau genug sind den Sarkozy nicht wiederzuwählen, weil ansonsten machen sie sich fast ein bißchen mitschuldig daran, was in Europa durch Deutschland ermöglicht wird. Ich hoffe die Franzosen machen da einen Riegel vor, auch besonders im Sinne Deutschlands. MFG
monsieurK 15.02.2012
4. Meine Stimme...
Zitat von irrealdass die Franzosen schlau genug sind den Sarkozy nicht wiederzuwählen, weil ansonsten machen sie sich fast ein bißchen mitschuldig daran, was in Europa durch Deutschland ermöglicht wird. Ich hoffe die Franzosen machen da einen Riegel vor, auch besonders im Sinne Deutschlands. MFG
bekommt er nicht !!!
kayenp 15.02.2012
5.
Zitat von monsieurKbekommt er nicht !!!
Aber dafür kriegt er meine ganz bestimmt!
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