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04. November 2011, 21:09 Uhr

Satiremagazin "Charlie Hebdo"

Krass, ohne Angst - und unter Polizeischutz

Aus Paris berichtet

Der Brandanschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" hat eine breite Solidaritätswelle ausgelöst. Die Berufsprovokateure wollen nicht einknicken. Sie fanden Unterschlupf bei der Zeitung "Libération" - und ließen ihre Sonderausgabe "Scharia Hebdo" nachdrucken.

Am Eingang des Redaktionsgebäudes von "Libération" versperrt ein Sicherheitsmann den Weg. "Wo wollen Sie hin?", fragt er. "Sie sind vom SPIEGEL?" Er ist über den Besuch informiert und weist den Weg. Hinter einer Glaswand direkt neben der Lobby sitzen einige Redakteure und Karikaturisten im Schummerlicht und arbeiten konzentriert an der nächsten Ausgabe.

Es ist der Kern der Redaktion von "Charlie Hebdo", dem französischen Satiremagazin, das diese Woche eine Karikatur des Propheten Mohammed auf der Titelseite zeigte und daraufhin Opfer eines Brandanschlags wurde. Weil ihr Redaktionsgebäude am Boulevard Davout ausgebrannt ist, sind sie bei der Tageszeitung "Libération" untergeschlüpft. Die Apple-Rechner der Redakteure sind von anderen Zeitungen gespendet - zwei von "Libération", vier von "Le Monde".

Personenschutz für Redakteure

"Wir lassen uns nicht unterkriegen", sagt Gérard Biard, 52, geschäftsführender Chefredakteur. Angst habe er nicht. Zwei junge Karikaturistinnen nicken. Nein, Angst haben sie nicht. Doch hat die Polizei Personenschutz für die beiden führenden Männer des Magazins angeordnet. Die Redakteure mit den Künstlernamen "Charb" und "Riss" werden nun auf Schritt und Tritt von je zwei Polizisten in Zivil begleitet - bis auf weiteres.

"Charlie Hebdo", ein kleines Wochenmagazin mit rund 30 Mitarbeitern, ist die bestbewachte Redaktion Frankreichs, seit zwei Unbekannte in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch zwei Molotow-Cocktails durch die Fensterscheiben des Redaktionsgebäudes warfen. Die Räume im Erdgeschoss und im ersten Stock brannten fast vollständig aus, alle Computer wurden zerstört. Am Mittwoch wurde auch noch die Internetseite gehackt: Unbekannte posteten ein Bild von Mekka und den Slogan "Kein Gott, nur Allah". Die Seite ist immer noch nicht erreichbar.

Wer die Angriffe auf die Redaktion und die Website verübte, ist auch drei Tage später noch unklar. Die Polizei fahndet nach zwei Männern, die von einem Busfahrer bei der Tat beobachtet wurden. Biard geht von einem islamistisch motivierten Anschlag aus. Seit Sonntag waren Hunderte Warnungen und Todesdrohungen in der Redaktion eingegangen, nachdem sie das Titelblatt ihrer Sonderausgabe "Scharia Hebdo" ins Internet gestellt hatte. Das Heft selbst lag erst am Mittwoch am Kiosk.

Auf dem Titel ist eine Karikatur des Propheten Mohammed zu sehen, in einer Sprechblase steht: "Hundert Peitschenhiebe, wenn ihr euch nicht totlacht". Der Prophet fungiert für diese Ausgabe als "Chefredakteur", er ist auf jeder Seite abgebildet, einmal auch mit einer roten Clownsnase. Darüber steht eine vermeintliche Weisheit des Propheten: "Ja, der Islam ist mit Humor vereinbar."

Die Verspottung des Klerikalen hat bei "Charlie Hebdo" Tradition

"Es ist unsere Kommentierung des Wahlsiegs der Islamisten in Tunesien und der Ankündigung des Libyschen Übergangsrats, das neue Libyen solle auf dem islamischen Recht, der Scharia, basieren", erklärt Biard. "In Frankreich gab es eine Menge Kommentare, die diese Entwicklung zu relativieren suchten. Also dachten wir uns: Wir machen eine Ausgabe, in der die 'Scharia Light' beschrieben wird".

Die Verspottung der Klerikalen hat Tradition bei dem linken Blatt: Masturbierende Nonnen, der Papst mit Penis und nun eben Mohammed mit roter Nase - die dünne Zeitschrift lebt von ihren skandalösen Zeichnungen. Das Vorgängerblatt "Hara-Kiri" war 1970 von der französischen Regierung verboten worden, nachdem es dem gerade verstorbenen Nationalhelden Charles de Gaulle nicht den nötigen Respekt erwiesen hatte. Damals waren in einer Disco Dutzende Menschen ums Leben gekommen. Die Redaktion hatte dies in Zusammenhang mit de Gaulles Tod in seinem Landhaus gesetzt und auf dem Titel vermeldet: "Tragischer Ball in Colombey - ein Toter".

Wenige Wochen nach dem Verbot von "Hara-Kiri" führten die Redakteure das Blatt unter dem Namen "Charlie Hebdo" weiter. Von Anfang an stand es im Schatten seines größeren und bekannteren Rivalen "Le Canard Enchaîné". Während das politische Satiremagazin unter Intellektuellen für seine Gerüchte und Enthüllungen geschätzt wird, ist der Humor von "Charlie Hebdo" eher von der plumpen und geschmacklosen Sorte. "Wir sind krasser", sagt Biard. "'Le Canard' ist mehr wie eine alte Dame. Sie würden sich nie trauen, Mohammed auf den Titel zu heben."

"Charlie Hebdo" kennt solche Hemmungen nicht, doch sagt Biard, man habe niemanden provozieren wollen. "Wir reagieren einfach auf die politische Lage. Wir machen unseren Job." Die Redaktion wusste, dass einige Leute sich aufregen würden, "die üblichen Reflexe", wie Biard es ausdrückt. Aber nie im Leben hätten sie mit einem Anschlag gerechnet. Sie hatten keine Sicherheitsvorkehrungen in ihrer ebenerdigen Redaktion, "nur eine Tür", sagt er. Sie hatten nicht einmal besonders hohe Erwartungen, was die Verkaufszahlen angeht. Gedruckt wurden die üblichen 45.000 Exemplare - die nach dem Brand schon morgens um halb acht vergriffen waren.

Muslim-Vertreter kritisieren: Das Blatt surft auf der Welle der Islamophobie

Der Anschlag sorgte für eine Solidaritätswelle, Politik und Medien stellten sich hinter das sonst vielkritisierte Blatt. "Es gibt keine Demokratie ohne Respektlosigkeit", sagte Kulturminister Frédéric Mitterrand. Innenminister Claude Guéant, ein Rechtsaußen, der von dem linken Magazin gern aufs Korn genommen wird, besuchte den Tatort und sprach von einem "terroristischen Anschlag". Die Zeitung "Le Monde" kommentierte, nichts könne einen Angriff auf ein Presseorgan rechtfertigen. Mehrere Zeitungen boten der Redaktion Asyl an.

Die Mitarbeiter - gewohnt an Schelte - freuen sich über den Zuspruch aus dem Inland wie Ausland. Plötzlich ist das kleine Magazin weltbekannt, Biard und sein Chef Stéphane Charbonnier geben unzählige Interviews.

Die internationalen Schlagzeilen erinnern an den Karikaturen-Streit von 2006. Damals hatten Mohammed-Karikaturen in der konservativen dänischen Tageszeitung "Jyllands Posten" weltweite Proteste ausgelöst, bei denen 50 Menschen starben. "Charlie Hebdo" hatte damals die Karikaturen nachgedruckt und war von muslimischen Verbänden wegen Aufstachelung zum Rassenhass verklagt worden. Zwei Gerichte sprachen das Blatt jedoch frei.

Auch diesmal gab es Kritik. Muslim-Vertreter verurteilten zwar den Brandanschlag, distanzierten sich aber zugleich von der Redaktion. "Charlie Hebdo" surfe auf der Welle der Islamophobie, die gerade Mode sei, sagte der Präsident des Französischen Rats der muslimischen Kultur, Mohammed Moussaoui. Zustimmung kam hingegen von Rechtsradikalen wie Marine Le Pen, Präsidentschaftskandidatin der Front National.

Ob Mohammed noch mal auf den Titel kommt?

Die unfeine Gesellschaft macht Biard nichts aus. "Le Pen musste sich so äußern, schließlich will sie Präsidentin werden", sagt er. "Das ändert nichts daran, dass sie unsere Feindin bleibt."

Die Redakteure wollen nur eine Woche in den Räumen der "Libération" bleiben. Danach soll mit Hilfe der Stadtverwaltung von Paris eine neue Bleibe gefunden sein. Diese wird dann von der Polizei bewacht werden - als einzige Redaktion in ganz Frankreich.

Leiser werden wollen sie nicht - im Gegenteil. Am Donnerstag legten sie nach: In einer vierseitigen Beilage der "Libération" wurden die Mohammed-Karikaturen aus dem Heft nachgedruckt und durch neue ergänzt. "Nach dem Brand im Büro verteidigt diese Mannschaft die Freiheit, sich lustig zu machen", heißt es trotzig in der Beilage.

Am Freitag lag auch die Original-Ausgabe "Scharia Hebdo" wieder an den Kiosken. Biard hatte nachdrucken lassen, satte 175.000 Exemplare. So hoch war die Auflage zuletzt 2006. Die Mohammed-Nachdrucke waren damals in mehreren Auflagen 400.000-mal erschienen. Auf die Frage, ob er sich über den kommerziellen Erfolg freue, sagt Biard: "Wir haben nicht darum gebeten."

Die nächste Ausgabe wird sich mit dem Brandanschlag und seinen Folgen beschäftigen, die besten Zuschriften der vergangenen Tage werden abgedruckt. Ob Mohammed noch mal auf den Titel kommt, will Biard nicht verraten. "Ausgeschlossen ist es nicht."

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