Saudi-Arabiens neuer Herrscher Salman Der neue, kranke König

Saudi-Arabiens neuer König Salman übernimmt ein schweres Amt. Kritiker glauben nicht, dass der 79-Jährige den Aufgaben gewachsen ist. Die erste Rede des Herrschers verstärkt die Zweifel an seiner Tauglichkeit.

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Der erste öffentliche Auftritt des neuen Königs dauerte nicht einmal drei Minuten. Saudi-Arabiens neuer Herrscher Salman ibn Abd al-Aziz wandte sich am Freitagvormittag in einer knappen Fernsehansprache an sein Volk, wenige Stunden, nachdem der Tod seines Halbbruders König Abdullah bekannt gegeben worden war.

Den Untertanen dürfte es schwergefallen sein, ihren Monarchen zu verstehen. Salman las mit schwacher Stimme eine schriftliche Erklärung vor. Er nuschelte, verschluckte Silben, manche Wörter kamen ihm nur schwer über die Lippen.

Nach dem Auftritt dürften sich all jene Kritiker bestätigt sehen, die an Salmans Amtstauglichkeit zweifeln. Der neue König ist 79 Jahre alt. Vor einigen Jahren erlitt er mindestens einen Schlaganfall. Seither kann Salman seinen linken Arm kaum noch bewegen.

In Saudi-Arabien kursieren zudem Gerüchte, der neue König sei an Demenz oder Alzheimer erkrankt. Er könne sich nur wenige Minuten am Stück konzentrieren, manchmal könne er sich nicht einmal an seinen Namen erinnern, heißt es.

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Saudi-Arabiens neuer König: Der schwache Schwerttänzer
Das mag zum Teil üble Nachrede sein, doch klar ist: Der Mann, der nun an der Spitze der größten Volkswirtschaft des Nahen Ostens steht, ist nicht im Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Kräfte.

Dafür besitzt er politisches Gewicht:

Er gehört zu den sogenannten Sudairi-Sieben. So werden die sieben Söhne genannt, die Staatsgründer Saud ibn Abd al-Aziz mit seiner Lieblingsgattin Hasa bint Sudairi gezeugt hatte. Die Söhne besetzen seit Jahrzehnten einflussreiche Regierungsposten. Auch König Fahd, der von 1982 bis 2005 herrschte, gehörte zu den Sudairis.

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Wegen seiner Abstammung übernahm auch der jetzige König Salman schnell einflussreiche Regierungsposten. Schon als 19-Jähriger wurde er von seinem Vater zum Bürgermeister der Hauptstadt Riad ernannt. Mit 27 übernahm er den Posten als Gouverneur der Hauptstadtprovinz. 48 Jahre lang führte er das Amt.

Als er 1963 antrat, war Riad eine kleine, abgelegene Wüstenstadt mit nicht einmal 170.000 Einwohnern. Salman betrieb eine Stadtplanung nach amerikanischem Vorbild - schachbrettartig ließ er immer neue Stadtteile errichten, die von breiten Highways durchzogen sind. Als er den Gouverneursposten 2011 abgab, hatte Riad knapp fünf Millionen Einwohner. Die Hauptstadt ist zwar religiös äußerst konservativ, sieht aber aus wie eine westliche Metropole - mit Wolkenkratzern, Universitäten, Shoppingmalls und unzähligen Fast-Food-Restaurants.

Dieser Kontrast spiegelt auch den Charakter des neuen Königs wider. Einerseits ist er fasziniert von westlicher Technik. Er sorgte dafür, dass sein Sohn Sultan bereits 1985 als erster Muslim und Araber ins All flog. Salman gilt wie die anderen Sudairis als besonders proamerikanischer Vertreter des Königshauses.

Das bedeutet jedoch noch lange nicht, dass Salman ein gesellschaftlicher Reformer ist, der etwa die Macht der streng konservativen islamischen Rechtsgelehrten einschränken könnte. "Wir werden mit Gottes Kraft an dem geraden Weg festhalten, den dieser Staat seit seiner Gründung durch König Saud ibn Abd al-Aziz gegangen ist und den seine Söhne fortgesetzt haben", sagte Salman in seiner ersten Ansprache als König. Mit anderen Worten: Keine Experimente!

Sein Vorgänger Abdullah hatte zumindest bei den Frauenrechten kleinere Reformen eingeleitet: Er sorgte dafür, dass inzwischen 60 Prozent der Universitätsstudenten in Saudi-Arabien Frauen sind. Er ernannte auch erstmals eine Ministerin.

Doch andere Maßnahmen scheute er: Nach wie vor dürfen Frauen nicht selbst Auto fahren. Noch immer hat jede saudi-arabische Frau einen männlichen Vormund. Er entscheidet darüber, ob sie heiraten darf, ob sie verreisen darf, ob sie ein Bankkonto eröffnen darf, ob sie operiert werden darf.

Daran dürfte auch Salman nichts ändern. Er gilt als Saudi, der mehr noch als Abdullah auf die Befindlichkeiten der konservativen Rechtsgelehrten Rücksicht nimmt. Schon in den vergangenen Monaten, als dem greisen Abdullah die Macht mehr und mehr entglitt, hat das Land eine fast beispiellose Welle an Hinrichtungen erlebt. 2014 exekutierte das Königreich 87 Menschen, allein in den ersten beiden Wochen dieses Jahres kamen zehn Hinrichtungen hinzu.

Für noch größeres internationales Aufsehen sorgte der Fall Raif Badawi - ein Blogger, der wegen religionskritischer Äußerungen zu zehn Jahren Haft und 1000 Peitschenhieben verurteilt wurde, die ihm nun im Laufe von 20 Wochen zugefügt werden sollen.

Saudi-Arabiens Herrscherfamilie und das religiöse Establishment fürchten jede Art von Widerspruch. Seit dem Aufstieg der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS), die für den Sturz der saudischen Monarchie kämpft, und dem Zerfall des Nachbarlandes Jemen ist für den neuen König Stabilität im Inland wichtiger denn je. Menschenrechte spielen für Salman allenfalls eine Nebenrolle.

insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
Amarananab 23.01.2015
1. Der kranke König ist tot, es lebe der kranke König...
Für wieviel Tage/Monate wollen die `Geronthomonarchen` regieren oder herrscht in Saudi-Arabien das Motto `wenn der Regierungskelch umgeht`? Ein bisschen Demokratie würde dem Land gut tun
ssissirou 23.01.2015
2.
Zitat von AmarananabFür wieviel Tage/Monate wollen die `Geronthomonarchen` regieren oder herrscht in Saudi-Arabien das Motto `wenn der Regierungskelch umgeht`? Ein bisschen Demokratie würde dem Land gut tun
Vielleicht würden ja ein paar Sanktionen gut tun, da wären sie wirklich angebracht.
mimas101 23.01.2015
3. Hmm
Erinnert vielleicht etwas an so manchen siechen Papst der seinen Staat nicht mehr regieren konnte und graue Eminenzen im Hintergrund arbeiteten. Und das nicht immer zum Wohle der Christenheit wenn man so manche Vatikan Bank Bankkonten sieht. Auch Ronald Reagan, US-Präsident, war altersbedingt schon zu schwach gewesen entscheidendes zu leisten sondern las eher ab was seine Vertrauten aufschrieben und das durfte auch nie länger als 20 Minuten sein. Im Saudi-Arabischen Königreich wird es also vermutlich ähnlich aussehen wobei der neue König dann die General-Ideen noch vorgibt und andere dann umsetzen und ausführen läßt. Das könnte aber unangenehme Machtkämpfe provozieren was wiederum auf die Region Auswirkungen haben könnte. Innenpolitisch dürfte sich unter dem neuen König nix ändern, dessen Nachfolger wird dann die behutsamen Demokratisierungen fortführen müssen oder es droht spätestens dann ein arabischer Frühling in dem Land. Allerdings - als Westler kann ich nicht nachvollziehen warum jetzt die Frauen unter Vormundschaft zu stehen haben oder keinen Führerschein haben dürfen. M.W. ist sowas im Koran nun wirklich nicht geregelt.
deftone23 23.01.2015
4. Aja
Zitat von ssissirouVielleicht würden ja ein paar Sanktionen gut tun, da wären sie wirklich angebracht.
Sanktionen bringen nur was wenn man auch ein Druckmittel hat. Hat man aber nicht.
Pfaffenwinkel 23.01.2015
5. Der jetzige König
ist wohl nur eine Übergangslösung, um keine Unruhen auszulösen.
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