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Saudi-Arabien: Wo Frauen Autofahren verboten ist

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Saudi-Arabien Die Frauen fürchten sich vor Prinz Naif

Prinz Naif Bin Abd al-Asis soll Saudi-Arabiens nächster König werden. Von Frauenrechten, die in den vergangenen Jahren verbessert wurden, hält der künftige Nachfolger Abdullahs wenig. Dem Land droht damit die Rückkehr in die komplette Geschlechter-Apartheid.
Von Bastian Berbner und Julia Prosinger

Für Prinz Naif Bin Abd al-Asis, 78, Innenminister von Saudi-Arabien, müssen diese Tage eine emotionale Gratwanderung sein. Er trauert um seinen Bruder, Verteidigungsminister Sultan, der am Dienstag in Riad bestattet wurde. Gleichzeitig kann er sich freuen, dass er dessen Platz als Thronfolger des greisen Königs Abdullah eingenommen hat. Naif wird höchstwahrscheinlich der nächste saudische König werden.

Nirgendwo löst diese Nachricht so viel Unbehagen aus wie bei den Frauen Saudi-Arabiens, die für mehr Rechte kämpfen, die Auto fahren und allein reisen wollen. Sie wollen auch nicht mehr von den allgegenwärtigen Sittenwächtern, der Religionspolizei, belästigt werden. Als Innenminister hat sich Naif einen Ruf als Hardliner gemacht, der Proteste zur Not gewaltsam unterdrückt. Von Frauenrechten hält er wenig. "Das sind keine guten Zeiten, die auf uns zukommen", sagt eine saudi-arabische Frau, die anonym bleiben möchte. "Alle Menschen haben Angst vor ihm." Für sie kommt die Erhebung Naifs zum Thronfolger zur falschen Zeit.

Denn in den letzten Jahren schien es, als würden die Rechte der Frauen zumindest ein wenig verbessert im erzkonservativen Königreich, dessen Verfassung der Koran ist und das beim jüngsten Geschlechterbericht des Weltwirtschaftsforums auf Platz 129 von 134 gelisteten Ländern landete.

Mehrheitlich symbolische Entscheidungen

Als König Abdullah 2005 den Thron bestieg, verkündete er: "Ich glaube fest an die Rechte der Frauen. Der Tag wird kommen, an dem Frauen Auto fahren werden." Er ließ sich mit Frauen fotografieren, deren Gesichter unverschleiert waren, ein Tabubruch in einem Land, das strikte Geschlechtertrennung vorsieht. Er ernannte eine Frau zur stellvertretenden Bildungsministerin, erlaubte Auftritte von Frauen im Fernsehen und gründete eine Universität, an der beide Geschlechter gemeinsam unterrichtet werden. Erst vor wenigen Wochen hat er den saudi-arabischen Frauen das Wahlrecht zugesprochen und eine wegen Autofahrens zu einer Peitschenstrafe verurteilte Frau begnadigt.

Das sind jedoch überwiegend symbolische Entscheidungen, denn am Alltag der Frauen hat sich dadurch wenig geändert. "An einem Tag können wir jubeln, am nächsten Tag wieder weinen", sagt Wajiha al-Huweider, eine der bekanntesten Aktivistinnen Saudi-Arabiens. Immer noch braucht jede Frau einen gesetzlichen Vormund. In der Regel ist das ihr Ehemann, Bruder oder Vater. Ohne dessen Zustimmung kann sie sich nicht operieren lassen, kein Bankkonto für ihre Kinder eröffnen und das Land nicht verlassen.

Künftig dürfen auch Frauen an Frauen Unterwäsche verkaufen

Immer noch verteidigen die konservativen Religionsgelehrten ihre Macht in der Frauenpolitik erbittert, selbst wenn viele Regeln den Grund ihres Bestehens längst ad absurdum führen: Dürften Frauen selber fahren, könnte es zu Zusammenstößen mit Männern etwa bei Verkehrsunfällen kommen, argumentieren die Hardliner. Dass Frauen stattdessen mit ausländischen Fahrern im Auto sitzen, wird hingenommen. Auch war es Frauen bis vor kurzem grundsätzlich untersagt, als Verkäuferin zu arbeiten - es könnte ja ihre Sittlichkeit gefährden. Was dazu führte, dass auch in Dessous-Geschäften nur Männer arbeiteten. Erst eine Kampagne von Frauen, die es leid waren, mit zumeist indischen oder pakistanischen Verkäufern über Körbchengrößen verhandeln zu müssen, brachte die Änderung: Künftig dürfen auch Frauen an Frauen Unterwäsche verkaufen. "Das ist doch der absolute Widerspruch", ärgert sich Huweider: "Männer verkaufen Frauen Make-up, raten den Frauen, welches Parfüm sie benutzen sollen, ja fassen sie sogar manchmal an. Was soll das? Der Trennung der Geschlechter dienen?"

Vollends zur Groteske geriet ein Vorstoß des anerkannten islamischen Gelehrten und Hofberaters Abdul Mohsen Obeikan, der als "Muttermilch-Fatwa" legendär wurde: Um Frauen den ja eigentlich verbotenen Kontakt zu ihren Fahrern zu erleichtern, war er 2010 auf eine vermeintliche Lösung gekommen, die schon der Prophet Mohammed einst erwähnt hatte: Muttermilch, fünf große Portionen, würden den Mann zu einer Art Sohn der Spenderin machen. Die Einnahme sollte allerdings - Tribut an die Moderne - im Glas erfolgen. Nicht doch, widersprach ein Kollege, islamisch korrekt sei es nur direkt von der Quelle. Saudische Bloggerinnen münzten den Vorstoß um zur Kampagne "Lasst uns endlich Auto fahren, oder wir werden unsere Fahrer stillen", bevor die Sache im Sande verlief.

Religionsgelehrte als erbitterte Gegner von mehr Frauenrechten

Beobachter glauben, dass König Abdullah solche Absurditäten gern abschaffen würde, indem er den Frauen mehr Rechte zuspricht. Aber er kann nicht. Denn er hat mächtige Widersacher. Einer davon ist sein Halbbruder und jetziger Thronfolger Naif, mit dem er innerhalb des Königshauses um den richtigen Kurs ringt. Naif präsentierte sich bislang als Vorkämpfer der Konservativen. Forderungen nach mehr Frauenrechten wies der Prinz öffentlich zurück. Die Frage, ob Frauen Autofahren dürfen, bezeichnet er als "zweitrangig". Für weibliche Abgeordnete in der Majlis al-Schura, einem beratenden Gremium des Königs, sieht er "keine Notwendigkeit". Zum religiösen Establishment Saudi-Arabiens pflegt er enge Kontakte.

Die wahhabitischen Religionsgelehrten sind erbitterte Gegner von mehr Frauenrechten. Jede Reform, die König Abdullah einleitet, muss er gegen sie durchsetzen. In diesem Ringen hat er zwar vorerst die Oberhand gewonnen. Er installierte Abd al-Asis al-Scheich als Großmufti und damit als Vorsitzenden des Rats der führenden Gelehrten, der wichtigsten religionspolitischen Institution des Landes. Scheich gilt als politisch schwach.

Trotzdem ist der Einfluss der Religionsgelehrten nach wie vor beträchtlich. Seit der Staatsgründung Saudi-Arabiens 1932 bilden sie mit dem Herrscherhaus eine Symbiose der Macht. In der tief religiösen Gesellschaft besitzen die Imame enormes Mobilisierungspotential. "Wenn sie meinen, dass der König unislamisch regiert, werden 50.000 Imame im ganzen Land ihre Anhänger aufrufen, ihm nicht mehr zu gehorchen", sagt der britische Saudi-Arabien-Kenner Robert Lacey.

Der härteste Widerstand gegen eine progressivere Frauenpolitik aber ist das, was moderne saudi-arabische Frauen gerne "gesellschaftliche Hölle" nennen. Westlich gekleidete Frauen werden verächtlich angesehen, Karrierefrauen von der eigenen Familie kritisiert und Männer verlacht, die sich selbst um die Erziehung ihrer Kinder kümmern. Jüngst haben 60 Prozent der Saudis in einer Umfrage angemahnt, Abdullahs Reformen gingen zu weit. Nur 20 Prozent bestätigen den Kurs des Königs, genau so viele wie Sympathie für al-Qaida ausdrücken. Experten vermuten, dass selbst eine Mehrheit der Frauen eine Reform ablehnen würde, die ihnen das Recht gewähren würde Auto zu fahren.

Frauenrechtlerin Huweider hofft, dass der König seine restliche Amtszeit nutzt, um ihre gesellschaftliche Stellung weiter zu verbessern. Dass er sie vielleicht sogar Auto fahren lässt. Denn, so das Kalkül, wenn die Gesellschaft sich erst einmal an die Veränderungen gewöhnt hat und ihre Vorteile zu schätzen lernt, wird Naif sie auch als König nicht mehr so leicht rückgängig machen können.

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