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18. September 2014, 20:39 Uhr

Saudi-Arabien

Twitter-Aufstand gegen die Moralpolizei

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In Saudi-Arabien haben die Sittenwächter einen Briten bedrängt, weil er sich im Supermarkt an die falsche Kasse gestellt hatte. Jetzt sehen sich Moralpolizisten mit Spott konfrontiert, vor allem bei Twitter.

Es hat alles ganz harmlos in einer Supermarktschlange angefangen. Peter H., ein Brite, stand mit seiner saudischen Frau Abir H. in einem Einkaufszentrum in Riad an der Kasse an. Nur dummerweise hatte er sich die Kasse für Frauen mit einer weiblichen Kassiererin ausgesucht. Das war den saudischen Sittenwächtern suspekt.

Prompt wurde das Paar von vier Moralpolizisten bedrängt - erkennbar an den langen Bärten, den weißen Gewändern, der traditionellen rot-weißen Kopfbedeckung und dem Logo der Moralpolizei. Sie verfolgten das Paar bis hinaus auf den Parkplatz und machten Fotos. Peter H. drehte sich um und fotografierte mit seinem Handy zurück. Das wollten sich die Sittenwächter nicht bieten lassen und verlangten sein Handy.

Peter H. gab es jedoch nicht heraus. Daraufhin eskalierte die Szene schnell. Ein heimlich gedrehtes Video zeigt, wie einer der Sittenwächter Peter H. in den Rücken springt. Seine Frau Abir H. verpasst dem Moralpolizisten daraufhin eine Backpfeife. Der tritt nach ihr. "Get off of my wife!", ruft der Brite wutentbrannt. Am Ende musste die britische Botschaft das Paar aus der Belagerung der Sittenwächter befreien.

Spott für die Sittenwächter

Der Vorfall hat in Saudi-Arabien für Empörung gesorgt. Gastfreundschaft gegenüber Ausländern wird groß geschrieben, und das brutale Vorgehen der Moralpolizisten gegenüber Abir H. schockierte viele. Prompt machten Tausende Saudis ihrem Ärger auf Twitter Luft.

Das soziale Netzwerk ist in Saudi-Arabien so weit verbreitet wie in keinem anderen Land und dient in der absoluten Monarchie als eine Art Ersatz-Parlament für öffentliche Debatten. Das Königshaus reagierte: Die vier an dem Vorfall beteiligten Sittenwächter wurden nach Berichten saudischer Medien zur Büroarbeit verdonnert.

Aufgabe der Moralpolizei ist es, mit rund 4000 Wächtern für öffentlichen Anstand im Einklang mit den Prinzipien des Islam zu sorgen. Ein schwammiger Auftrag. Immer wieder kommt es zu absurden Entscheidungen, die den Sittenwächtern regelmäßig beißenden Spott einbringen.

So lachten die Saudis 2013 darüber, dass drei Männer aus den Vereinigten Arabischen Emiraten des Landes verwiesen wurden. Die Begründung: Sie seien zu schön und könnten Frauen in Versuchung führen. Ein andermal hatten die Sittenwächter eine Dinosaurier-Ausstellung geschlossen. Auf Twitter kursierten Witze über den möglichen Stein des Anstoßes - war etwa ein weiblicher Dinosaurier ohne männlichen Aufpasser ausgestellt worden?

Die Saudis drehen den Spieß um

Dieses Mal ist der Spott auf Twitter radikaler. Die wütenden Saudis drehen den Spieß um und kontrollieren ihrerseits die Sittenwächter: Ein vielfach verbreitetes Foto zeigt etwa einen Streifenwagen der Moralpolizei, wie er auf einem Behindertenparkplatz steht.

Seit ein paar Tagen beginnen einige saudische Twitterer auch, die Moralpolizei insgesamt in Frage zu stellen. Ein Tweet zitiert einen Satz aus dem Koran, dem heiligen Buch der Muslime: "Allah schaut nicht auf eure Körper und Gesichter, er schaut in eure Herzen." Die religiöse Basis, auf die sich die Moralpolizei beruft, wird damit infrage gestellt.

Andere Tweets vergleichen die Sittenwächter mit ihren langen Bärten und ihren traditionellen Gewändern sogar mit den Radikalen der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS), die im Irak und in Syrien wütet. Die Moralpolizei wird als Anachronismus dargestellt, als das Gegenteil von Fortschritt, Verstand und Wissenschaft.

Eine Karikatur zeigt eine Gruppe Religionsgelehrter, die sich vor einem fliegenden Gehirn fürchtet - einem Symbol für einen freien Geist. Eine andere Zeichnung zeigt das Twitter-Vögelchen, wie es dem Sittenwächter den weißen Thob, das knöchellange Gewand, herunterreißt.

Viele Saudis halten die Moralpolizei trotz der schockierenden Vorfälle allerdings für notwendig. Nur sie könne verhindern, dass die Sitten in Saudi-Arabien verlottern. Das saudische Königshaus versucht in winzigen Schritten die Sittenwächter zu reformieren: So wurden sie inzwischen aufgefordert, den Menschen "mit einem Lächeln zu begegnen".

Kritiker der Religionspolizei müssen jedoch weiterhin vorsichtig sein. Die meisten twittern anonym, denn auch im Netz ist nicht alles erlaubt. Erst im September hat ein Berufungsgericht das Urteil gegen Raif Badawi, einen 32-jähriger Blogger, bestätigt. Er wurde zu zehn Jahren Haft, 1000 Peitschenhieben und einer Geldstrafe von rund 200.000 Euro verurteilt. Sein Vergehen: Er hatte eine Debatte über das Verhältnis von Politik und Religion angestoßen.

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