MbS und der Aramco-Börsengang Der Ölprinz

Mohammed bin Salman will die staatliche Ölfirma Aramco an die Börse bringen. Mit dem Geld will Saudi-Arabiens Kronprinz das Land zukunftsfähig machen - und seine Macht absichern.

Ist sich seiner Macht sicher: Mohammed bin Salman, Kronprinz von Saudi-Arabien
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Ist sich seiner Macht sicher: Mohammed bin Salman, Kronprinz von Saudi-Arabien

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Das profitabelste Unternehmen der Welt soll nun tatsächlich an die Börse kommen: Aramco, Saudi-Arabiens staatlicher Ölkonzern. Immer wieder wurde der Börsengang verschoben, nun hat das Königreich angekündigt, dass Anteile des Unternehmens schon bald gehandelt würden - im Dezember soll es so weit sein.

Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman - kurz: MbS - will Aramco an die Börse bringen, weil er das Geld für seine "Vision 2030" braucht. Mit dieser will der 34-Jährige das Wüstenreich umkrempeln und seine Macht langfristig absichern.

Der Kronprinz versucht so zu verhindern, dass es in Saudi-Arabien irgendwann zu Massenprotesten kommt, wie schon in so vielen anderen Ländern der Region. Dafür führt er im Rekordtempo gesellschaftliche Reformen durch wie das Recht für Frauen, Auto zu fahren, während er gleichzeitig diejenigen, die sich schon lange für Reformen engagierten, so brutal verfolgen lässt wie noch nie. Auch die ölabhängige Wirtschaft will der Kronprinz grundlegend umkrempeln, und dafür braucht er das Geld aus dem Aramco-Börsengang.

Saudi-Arabien hat ein Vorbild

Denn das bisherige Wirtschaftsmodell Saudi-Arabiens hat ausgedient. Schon jetzt kann es sich das reiche Land nicht mehr leisten, alle seine Bürger mit großzügigen Sozialleistungen zufriedenzustellen. MbS hat angekündigt, dass er die Wirtschaft diversifizieren und eine zukunftsfähige, dynamische Privatwirtschaft schaffen will - von oben, wie einst die kleinen Vereinigten Arabischen Emirate.

Schlüsselprojekt ist dabei "Neom", eine Art Silicon Valley am Roten Meer, das er für mindestens 500 Milliarden Dollar aus der Wüste stampfen will. (Lesen Sie hiermehr zu den Hintergründen)

Der Kronprinz erhofft sich, dass der Wert von Aramco an der Börse auf zwei Billionen US-Dollar eingeschätzt wird. Doch bisher hat Saudi-Arabien nur sparsam Informationen über den Staatskonzern preisgegeben. Daher schwanken die Werteinschätzungen Aramcos durch Analysten noch zwischen einer Billion Dollar und über zwei Billionen Dollar - eine enorme Spannweite.

Manche Privatinvestoren dürfte durchaus abschrecken, dass ihr Geld unmittelbar an einen Staat mit erschütternder Menschenrechtsbilanz fließen würde:

  • Vor dreizehn Monaten wurde der Journalist Jamal Khashoggi im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul ermordet und seine Leiche zerstückelt.
  • Die Uno-Sonderberichterstatterin Agnès Callamard kam zu dem Ergebnis, dass es sich um einen geplanten Mord handelte im Auftrag des Staates.

Auch umweltpolitisch ist der Aktienkauf bedenklich: Als weltgrößter Ölkonzern ist Aramco das Unternehmen, das derzeit weltweit für den meisten Kohlenstoffdioxidausstoß verantwortlich ist. Definitiv bis heute kein Unternehmen der Zukunft.

Staatsfonds als Machtinstrument

Die Saudi-Araber locken mögliche Investoren nun damit, dass sie zwischen 2020 und 2024 jährlich eine Dividendenausschüttung von mindestens 75 Milliarden Dollar versprechen. Dennoch bleibt die bisher mangelnde Transparenz ein kaum kalkulierbares Risiko. Es ist fraglich, ob sich Aramco in Zukunft wirklich immer in die Karten blicken lässt, wie es die Regeln der Börsenaufsicht gebieten - es ist schließlich der Konzern eines zunehmend diktatorisch geführten Staates.

Tatsächlich zeigt sich bereits, dass Mohammed bin Salman seine "Vision 2030" auch dazu benutzt, um immer mehr Geld unter seiner direkten Kontrolle anzuhäufen. Der Ausbau des saudi-arabischen Staatsfonds, in den Aramcos Einnahmen fließen, sei vor allem machtpolitisch motiviert, schreibt Stephan Roll, Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Der Kronprinz sichere mit dem Staatsfonds seine Herrschaft ab, so Roll. Für den Fall, dass die Erfolge der "Vision 2030" ausblieben, sei der Fonds eine Art Rückversicherung: Käme es dann doch zu Protesten, könne der Kronprinz sich die Loyalität des Sicherheitsapparats und wichtiger Bevölkerungsgruppen erkaufen - ebenso wie internationale Unterstützung.

insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
McTitus 09.11.2019
1. Der Artikel gehört in den Wirtschaftsteil.
Schon allein, weil hier ständig der Hoffnung Vorschub gewährt wird, der Kronprinz könne sich etwas erkaufen. Konsum hat nichts mit Politik zu tun.
m.yopinion 09.11.2019
2. Boykott
Jeder aufrechte Mensch sollte den Börsengang dieses Unternehmens eines ungestraften Mörders boykottieren. Jetzt wird sich zeigen, wie Investoren zu Menschenrechten stehen.
Gluehweintrinker 09.11.2019
3. Die Ewiggestrigen klammern sich an Öl und Macht
Abgesehen von den logischen Sachzwängen aus Klimawandel, Umweltzerstörung und Begrenztheit der Ressource Mineralöl wäre allein der Verlust der Geschäftsgrundlage dieses mörderischen Regimes jede Anstrengung wert, das Ölzeitalter ein für allemal zu beenden.
macromicro 09.11.2019
4.
Zitat von McTitusSchon allein, weil hier ständig der Hoffnung Vorschub gewährt wird, der Kronprinz könne sich etwas erkaufen. Konsum hat nichts mit Politik zu tun.
Konsum hat sehr viel mit Politik zu tun. Wer konsumiert trägt zum wirtschaftlichen Erfolg bei. Dies ist doch das weltweite Prinzip - sh. Globalisierung -.
kuac 09.11.2019
5.
Zitat von macromicroKonsum hat sehr viel mit Politik zu tun. Wer konsumiert trägt zum wirtschaftlichen Erfolg bei. Dies ist doch das weltweite Prinzip - sh. Globalisierung -.
Das ist sehr eingeschränkte Sicht der Dinge. Konsum bringt auch sehr viele Probleme und Nachteile mit sich. Da ist wieder Politik gefragt.
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