Saudi-Arabien erlaubt Frauen das Autofahren Need for Speed

Saudi-Arabien erlaubt Frauen das Autofahren - ein historischer Schritt und doch nicht mehr als ein symbolischer. Aktivistinnen fordern schnellere Reformen, die mehr sind als nur Schaufensterpolitik.

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Was passiert, wenn Frauen Autos fahren? Es gibt mehr Prostitution, mehr Homosexuelle und auch die Scheidungsrate steigt. Mehr noch: Es wird bald keine Jungfrauen mehr geben - diese Auffassung vertrat zumindest ein Wissenschaftler der König Fahd-Universität aus Dhahran in Saudi-Arabien vor wenigen Jahren öffentlich. Ein Geistlicher warnte, Autofahren führe zur Unfruchtbarkeit.

So weit, so wirr.

Nun hat Saudi-Arabien als letztes Land der Welt beschlossen, Frauen das Autofahren zu erlauben. Ab Juni 2018 sollen sie sich, "so Gott Will", hinter das Steuer setzen können, wie es in einer offiziellen Erklärung hieß.

Das Dekret von König Salman sieht vor, bis dahin die notwendigen praktischen Voraussetzungen zu schaffen - etwa Fahrlehrerinnen einzustellen und Verkehrspolizisten im Umgang mit Frauen im Straßenverkehr zu schulen.

73 Tage Gefängnis für eine Fahrt

Für die Frauen in Saudi-Arabien ist die historische Entscheidung ein Grund zum Jubeln. Bislang waren sie auf männliche Verwandte oder Privatchauffeure angewiesen. Aktivistinnen kämpften seit 1990 dagegen an - und zahlten oft einen hohen Preis.

In den vergangenen Jahren waren immer wieder Frauen festgenommen worden, wenn sie das Verbot ignorierten und Bilder von ihren Fahrten ins Netz stellten, wie etwa Loujain Hathloul.

Sie machte ihren Führerschein in den Vereinigten Arabischen Emiraten, kaufte dort ein Auto und fuhr 2014 von Abu Dhabi aus 300 Kilometer bis zur Grenze des saudischen Königreichs und veröffentlichte das Video auf YouTube. Die Folge: Gefängnis. 73 Tage lang.

Nach Bekanntwerden der königlichen Entscheidung twitterte sie nun umgehend: "Gott sei Dank!".

Auch Manal al-Sharif, die 2011 die Protestbewegung "Women2Drive" ins Leben gerufen hatte, äußerte sich via Twitter. Sie schrieb: "Ihr wollt ein Statement, hier ist eines: 'Saudi-Arabien wird nie mehr sein, wie es war. Jeder Regen beginnt mit einem Tropfen'."

Die treibende Kraft hinter der Entscheidung, Frauen ans Steuer zu lassen, dürfte Mohammed bin Salman sein. Der 32-Jährige wird der nächste König der wahhabitischen Autokratie. Er ist für das Billionen-Projekt "Vision 2030" verantwortlich, mit dem das Land einerseits die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Öl reduzieren, andererseits die Gesellschaft modernisieren will.

Seit Jahren gibt es Mini-Reformen: 2015 wurde Frauen etwa erlaubt, bei den unbedeutenden Gemeinderatswahlen ihr Votum abzugeben und selbst als Kandidatinnen anzutreten. Vor wenigen Tagen, anlässlich des 87. Nationalfeiertag des Landes, wurde Frauen dann in Begleitung ihrer Familien Zutritt zum König-Fahd-Stadion in der Hauptstadt Riad gewährt.

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Saudi-Arabien: Erstmals Frauenpower in Riads Stadion

Doch tiefergehende gesellschaftliche Veränderungen sind das nicht, eher Schaufensterpolitik. Denn Frauen sind, ungeachtet ihrer wachsenden Rolle auf dem Arbeitsmarkt, in Saudi-Arabien auch nach dem Auto-Erlass nicht mit Männern gleichgestellt.

"Ihnen bleiben grundlegende politische, soziale und kulturelle Rechte weiterhin verwehrt", sagt Regina Spöttl von Amnesty International. "Im Familienrecht sind sie benachteiligt, ohne Genehmigung eines 'männlichen Vormunds' dürfen sie weiterhin nicht alleine reisen."

Es darf jedoch bezweifelt werden, dass der neue starke Mann von Riad wirklich viel von einer Öffnung der Gesellschaft hält - unabhängig vom Geschlecht seiner Untertanen. Erst vor wenigen Wochen nahmen die saudischen Behörden eine Reihe Regierungskritiker fest, unter anderem auch den prominenten Geistlichen Salman al-Auda. Der Prediger hat mehr als 14 Millionen Follower auf Twitter und saß bereits in den Neunzigerjahren für seine Kritik am Königshaus im Gefängnis. In Riad gehen Reformen weiter mit Repressionen Hand in Hand.

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Saudi-Arabien: Der junge, starke Mann von Riad

Vieles deutet deshalb daraufhin, dass die nun getroffene Entscheidung nicht allein als Signal nach innen, sondern auch nach außen gedacht ist. Denn die groß angekündigte Katar-Blockade ist ein Flop, der Krieg im Jemen ein Desaster. Die Folge: Das Ansehen Saudi-Arabiens in der Welt sinkt rapide.

Außerdem bleibt weiter offen, ob die einflussreichen Geistlichen das Dekret akzeptieren und die konservative Gesellschaft die Umsetzung im Alltagsleben zulassen werden. Der staatliche Rat der Geistlichen hat sich bislang nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters nicht dazu geäußert. Die Aktivistinnen kündigten jedoch bereits an, nun nicht locker zu lassen und weitere Reformen einzufordern.

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