Truppenaufmarsch an Irak-Grenze Angst vor den Kämpfern des Kalifen

Saudi-Arabien verlegt 30.000 Soldaten an die Grenze zum Irak. Die Herrscher in Riad fürchten den Vormarsch der Dschihadistengruppe "Islamischer Staat" - und sorgen sich vor dem wachsenden Einfluss Irans in der Region.

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Es ist eine gewaltige Truppenverlegung: König Abdullah von Saudi-Arabien hat 30.000 Soldaten an die 800 Kilometer lange Grenze zum Irak geschickt, das ist ein Fünftel seiner Armee. Das Königshaus behauptete, Bagdad habe die Grenzregion vollkommen von Truppen entblößt. Deshalb müsse Saudi-Arabien aufmarschieren.

Was die Führung in Riad beunruhigt, sind der Vormarsch der Dschihadistengruppe "Islamischer Staat" und die iranische Militärhilfe für die Regierung in Bagdad. Spätestens mit der Ausrufung eines Kalifats unter Führung von "Islamischer Staat"-Chef Abu Bakr al-Baghdadi ist die Terrorgruppe zu einer Gefahr für das saudi-arabische Herrscherhaus geworden.

In seiner am Sonntag veröffentlichten Erklärung schwang sich Baghdadi zum Befehlshaber aller Muslime auf. Die Nationalstaaten lehnt er ab, alle Muslime sollten künftig in einem islamischen Staat unter der Führung des Kalifen vereinigt leben. Mit der Umbenennung seiner Gruppe von "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" in "Islamischer Staat" macht Baghdadi deutlich, dass er dabei auch vor den Grenzen Saudi-Arabiens nicht haltmachen will.

Der "Islamische Staat" wird finanziell unabhängig

Der Terrorchef beißt damit die Hand, die ihn lange gefüttert hat. Reiche Geldgeber aus Saudi-Arabien und anderen sunnitischen Golfstaaten gelten als wichtige Finanziers der ebenfalls sunnitischen Terrormiliz "Islamischer Staat". Einen direkten Beleg für die Beteiligung der Regierung bei der Unterstützung der Dschihadisten gibt es bislang jedoch nicht. Das Königshaus in Riad und die verbündete US-Regierung weisen Vorwürfe entschieden zurück: Solche Anschuldigungen aus Bagdad seien "ungenau und beleidigend", sagte Jen Psaki, Sprecherin des Außenministeriums in Washington.

Inzwischen ist der "Islamische Staat" jedoch immer weniger auf Geldspritzen aus dem Ausland angewiesen. Fast eine halbe Milliarde Dollar sollen die Dschihadisten aus der Zentralbank in Mossul erbeutet haben. Zudem nimmt die Gruppe schon seit Monaten Geld mit dem Verkauf von Erdöl ein, seitdem sie Bohrfelder im Nordosten Syriens unter ihre Kontrolle gebracht hat. In den eroberten Gebieten erhebt sie zudem Steuern von Geschäftsleuten - das ist nichts anderes als Schutzgelderpressung. Inzwischen gilt der "Islamische Staat" damit als reichste Terrorgruppe der Welt und soll bis zu zwei Milliarden Dollar besitzen.

Der Vormarsch der sunnitischen Extremisten hatte auch das Regime in Iran alarmiert. Teheran als Schutzmacht der Schiiten erklärte offen, mit eigenen Truppen im Irak zu intervenieren, falls die Dschihadisten auf die heiligen Stätten der Schiiten vorrücken sollten. Inzwischen hat Iran sogar Kampfjets ins Nachbarland entsandt. Das Verteidigungsministerium in Bagdad veröffentlichte Aufnahmen von Flugzeugen des Typs Suchoi Su-25, die offenbar zur Luftwaffe der iranischen Revolutionswächter gehören.

Saudi-Arabien fühlt sich von der Stationierung iranischer Kampfflugzeuge in seinem Nachbarland herausgefordert. Seit der islamischen Revolution in Teheran vor 35 Jahren liefern sich Iran und Saudi-Arabien einen Kalten Krieg um die Vormachtstellung in der Region. Riad sah in dem Aufstand gegen das Assad-Regime in Syrien zunächst die Gelegenheit, Irans wichtigsten Verbündeten in der arabischen Welt zu stürzen. Dreieinhalb Jahre später haben sich die Vorzeichen geändert: Die Dschihadisten aus dem syrischen Bürgerkrieg werden nun zu einer Gefahr für ihre einstigen Unterstützer.

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porkypork 03.07.2014
1.
What comes around that goes around.
ambulans 03.07.2014
2. dass
IS/ISIL als selbsterklärtes "kalifat" nun wirtschaftlich unabhängig und mit mehr als ausreichend militärischem gerät ausgerüstet ist, sollte saudi-arabien natürlich schon ein wenig beunruhigen - vor allem, weil sie so dämlich waren, "diesen" geist aus der berüchtigten flasche heraus zu lassen. erheblich mehr sorgen müsste sich allerdings netanjahus israel machen, weil: kann, bzw. will sich jemand überhaupt auch nur vorstellen, was etwa eine division solcher "kämpfer" vorhätte und anrichten könnte/resp. würde, wenn sie sich in richtung westen, z.b. nach tel aviv, auf den weg machte? stattdessen ergeht sich dieser stümper da, wie gehabt, in sinnlosen "rache"-akten, wobei er noch nicht einmal weiß, wer denn überhaupt was gemacht hat - und was damit erreicht werden sollte ...
barabbaschen 03.07.2014
3.
Zitat von sysopREUTERSSaudi-Arabien verlegt 30.000 Soldaten an die Grenze zum Irak. Die Herrscher in Riad fürchten den Vormarsch der Dschihadistengruppe "Islamischer Staat" - und sorgen sich vor dem wachsenden Einfluss des Iran in der Region. http://www.spiegel.de/politik/ausland/saudi-arabien-fuerchtet-islamischen-staat-und-irans-einfluss-im-irak-a-979007.html
Und wieder wird Saudi-Arabien in Schutz genommen, da der Artikel kein Wort darüber verliert, dass die Saudis nach dem Sturz der Sunniten im Irak den Kalten Krieg heiss werden liess. http://www.journal21.ch/wege-aus-den-wirren-des-krieges Und nebenbei, es sind die Saudis welche nach dem Untergang des irakischen Militärpotentials 1991 die letzte verbliebene muslimische Regionalgrossmacht Iran herausfordert. 1991 war Saudi-Arabien ein Zwerg der sich hinter Saddams Militär versteckte.
meischer 03.07.2014
4. Interessante Entwicklung
Wenn sich die extremisten jetzt gegen die eigenen Geldgeber wenden. und dem Westen sollte endlich klar werden dass es völliger Blödsinn ist, "ausgewählte" Gruppierungen zu bewaffnen.
epiktet2000 03.07.2014
5. Highnoon?
Ist es soweit? Prallen die beiden Regionalmächte aufeinander?
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